Home
http://www.faz.net/-gsb-uur5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET-Fernsehkritik Sind sie auf Ecstasy?

15.05.2007 ·  Bei „Let's Dance“ bat RTL gestern Abend zum Tanz - und zum verbalen Schlagabtausch. Jenny Elvers-Elbertzhagen gab den Storch im Salat, Margarethe Schreinemakers sparte am Hüftschwung. Und der Juror Joachim Llambi gab sich alle Mühe, Dieter Bohlen nachzueifern - und möglichst eklig rüberzukommen. Von Michael Hanfeld.

Von Michael Hanfeld
Artikel Bilder (1) Bildergalerie Lesermeinungen (4)

RTL ist im Jahr 2007 den Ursprüngen seiner Sendergeschichte wahrscheinlich näher denn je. Mitte der Achtziger, als man aus halbdunklen Studios in Luxemburg und Köln zu senden begann, gab es Shows ohne Sinn, Verstand, doppelten Boden und mit einer eindeutigen Botschaft. „Tutti Frutti“ mit Hugo Egon Balder zum Beispiel. Und bei Hans Meiser, der so etwas wie Nachrichten machte, hopste irgendwann - die Geschichte erzählt er bis heute gern - ein kleiner Plastikpenis über den Schreibtisch. Wenn wir uns richtig erinnern, hatte ihm der spätere Programmchef von RTL, Marc Conrad, während einer Livesendung den Streich gespielt.

Gehopst und gesprungen wird auch seit gestern wieder bei RTL. Es ist hohe Tanzteezeit, zehn Paare (jeweils ein Profitänzer und ein unbeholfener Promi) fegen zu Beginn übers Parkett, Hape Kerkeling gibt den Conferencier und am Ende kann - wie immer - nur einer siegen, nachdem die Jurymitglieder und die Zuschauer abgestimmt haben. Jeder Anruf kostet fünfzig Cent, da kommen im Laufe von „Let's Dance“ einige Millionen zusammen - was bei 9Live die von durchgedrehten Moderatoren vorgestellten abstrusen Fragen, das sind bei RTL langsamer Walzer und Cha Cha Cha. Wobei wir hoffen, dass das Reglement zwischendurch nicht ähnlich verbogen wird wie bei „Deutschland sucht den Superstar“, wo hunderttausende Zuschauer vergebens ihr Geld für Max Buskohl vertelefonierten.

Fast wie bei Bohlen: Einen Ekel-Juror gibt's auch

Apropos „Superstars“: Einen Dieter Bohlen gibt es bei „Let's Dance“ auch. Joachim Llambi gibt hier den Ekel-Juror, der die Tänzer denkbar brutal niedermacht. Als Margarethe Schreinemakers etwa mit freudig-verzerrtem Gesicht, aber denkbar hüftsteif über die Tanzfläche gestakst ist, erzählt Llambi etwas von Ecstasy-Pillen. Bei Jenny Elvers-Elbertzhagens Auftritt fühlt er sich an „Nordic Walking“ erinnert, dafür schwärmt er nach dem Dahingleiten von Katja Ebstein und ihrem Partner von „einem Körper auf vier Beinen“.

FAZ.NET-Fernsehkritik: „Let's Dance“

Hape Kerkeling ist ob der verbalen Tiefschläge allerdings derart entsetzt, dass er meint, Jürgen Drews, den er im Publikum entdeckt hatte, sehe so aus, als wolle der dem Herrn Juror Llambi gleich „eins auf die Fresse geben“. So viel zum sprachlichen und intellektuellen Niveau des Abends. Von Kerkeling sind wir anderes gewohnt, sei es als Bestseller-Pilger oder als Kunstfigur Horst Schlämmer. Sogar in den Werbepausen, in denen Hape Kerkeling als er selbst für Schokolade und RTL dann für ihn in seiner nächsten Sendung warb, gab er eine bessere Figur ab. Und abgesehen davon: Der Juror Llambi drückt sich mit voller Absicht so herablassend aus und - er hat mit seinem Urteil meistens leider recht.

„Mehr dunkle Gewalt von unten heraus“

Aber was soll man sagen? Beim Tanz höre das Denken auf und obsiege das Gefühl, erzählen die professionellen Tänzer ein ums andere Mal, während die B-Prominenten, die sie über die Bühne schleppen, vor allem von der Mühsal ihres Trainings berichten. Die Jurorin Ute Lemper wünscht sich nach einer Darbietung - wenn wir sie richtig verstanden haben - so etwas wie „mehr dunkle Gewalt von unten heraus“, was wir auch nur mit schlechter Durchblutung im Kopfbereich erklären können.

„Let's Dance“, das ist „Deutschland sucht den Superstar“ ohne Gesang, Dschungelcamp im Tanzstudio und Margarethe Schreinemakers, die in der ersten Runde leider nicht ausgeschieden ist, fängt an, wo Heide Simonis in der ersten Staffel dieser Show aufhörte: auf der Peinlichkeitsskala ganz unten.

Da bleiben einem die Chips im Halse stecken

Wenn es an diesem Abend überhaupt einen Grund gab anzurufen, dann, um für Markus Majowski zu stimmen, den man aus der Sat.1-Comedy „Die dreisten Drei“ kennt. Der Comedian, der nun mal etwas mehr als das Idealgewicht auf die Waage bringen dürfte, musste sich von der Jury nämlich Hungerleider-Kommentare anhören wie: „Es ist bewundernswert, wie Sie zu ihrem ganz besonderen Körper stehen“ (Ute Lemper). Da bleiben einem vor dem Fernseher die Chips im Halse stecken.

Rausgeflogen ist in der erste Runde nicht ganz zu Unrecht Jenny Elvers-Elbertzhagen. Sie stolziert aber auch über die Tanzfläche wie der Storch durch den Salat, Jury und Zuschauer waren sich in ihrem Urteil anscheinend einig. Geht es halbwegs nachvollziehbar zu, müsste Margarethe Schreinemakers das nächste Ticket zur Tanzpause lösen. Ihr und uns bliebe einiges erspart: eine rund drei Stunden lange Show nämlich, die um zehn Mal zwei Minuten kurze Tanzeinlagen und ungleich längeres rhetorisches Geplänkel herum aufgebaut ist.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr