29.11.2006 · Wo Lafontaine auf Dieter Bohlen trifft: In „Menschen bei Maischberger“ ließ die ARD gestern abend eine „Deutschland-Jury“ über die Lage im Lande diskutieren. Die skurrile Runde aus Talkshow-Veteranen wäre selbst ein Fall fürs Fernsehgericht gewesen. Von Jörg Thomann.
Von Jörg ThomannDieter Bohlen hat gestern gesagt, daß er sich vorstellen könne, wieder gemeinsam mit Thomas Anders als „Modern Talking“ aufzutreten: „Warum sollten wir das nicht machen, wenn es Spaß macht?“ Bohlen war gestern abend zu Gast im Ersten bei Sandra Maischberger, die sich früher einmal damit brüstete, einen Gast wie Dieter Bohlen ihren Konkurrenten Kerner und Beckmann zu überlassen. Und nun sitzt Bohlen bei Maischberger und redet über „Modern Talking“?
Nein, es war natürlich ganz anders: „Menschen bei Maischberger“ will schließlich Qualitätsfernsehen sein, weswegen Bohlen eben nicht bei Maischberger saß und über „Modern Talking“ redete; das tat er gestern bei RTL. Bei Maischberger hingegen saß er und redete über die Finanzpolitik, über den Mittelstand und über Hartz IV. Und zwar nicht als Musiker und Produzent, sondern als eines von sechs Mitgliedern einer „Deutschland-Jury“, wie die Runde betitelt war. Für eine Erklärung, was es mit dieser Jury auf sich hatte, blieb in den fünfundsiebzig Minuten der Sendung keine Zeit. Bohlen jedenfalls war vielleicht deshalb eingeladen, weil man ihn bei der ARD noch als Jurymitglied von „Deutschland sucht den Superstar“ in Erinnerung hatte, wo das ganz gut funktioniert hat. Oder weil man auch den jüngeren Zuschauern eine Identifikationsfigur bieten wollte: In Maischbergers „Deutschland-Jury“ nämlich war Bohlen mit seinen zweiundfünfzig Jahren das Küken.
Armer Hans-Olaf Henkel
Wer sich darüber hinaus für das Gremium qualifizieren wollte, dem wurde ein gehöriges Maß an Erfahrung abverlangt: Wer in seinem Leben weniger als dreihundert Talkshow-Auftritte absolviert hatte, der blieb, so vermuten wir, außen vor. Oskar Lafontaine, Ursula Engelen-Kefer, Hans-Hermann Tiedje, Arnulf Baring und Günter Wallraff nahmen diese Hürde locker: Auf einen von ihnen wird, wer sich regelmäßig durch die Kanäle zappt, an jedem Abend stoßen. Alle zusammen einzuladen, ergänzt noch durch Dieter Bohlen, darauf war vor Maischbergers Team noch niemand gekommen. Doch warum sollten sie das nicht machen, wenn es Spaß macht? Der traurigste Mann an diesem Abend dürfte Hans-Olaf Henkel gewesen sein: Was mochte er, der vermutlich einsam daheim vor dem Fernsehgerät saß, verbrochen haben, daß man ausgerechnet ihn nicht berücksichtigt hatte?
So saßen also in Maischbergers Studio, das sie selbst gern einen Salon nennt, die Groß- und Vielsprecher dieser Republik und sprachen, wie sie immer sprechen - nacheinander, miteinander und gern auch gleichzeitig. Nur Bohlen sagte nicht das, was er immer sagt, sondern nur das, was er vor etwa einem Jahr ebenfalls bei Maischberger in einer Talkrunde mit Norbert Blüm gesagt hatte. Daß man zum Beispiel den Mittelstand fördern müsse. Wallraff sagte: „Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer zahlreicher.“ Lafontaine erwähnte das deutsche Geldvermögen, das 4000 Milliarden Euro betrage, und fragte fünfmal, ob man sich das denn in den Strumpf stecken solle. Man sollte nicht. Der Historiker und Publizist Baring sagte zu den 345 Euro monatlich, mit denen laut Bundessozialgericht ein Hartz-IV-Empfänger auskommen muß: „Ich würde sagen: Mehr ist nicht drin.“
Nachsitzen für Ackermann
Worüber die „Deutschland-Jury der besonderen Art“ genau befinden sollte? „Von Ackermann bis Hartz IV“ klebte als Motto auf der Sendung, deren Moderatorin, als verwechselte sie sich mit Harald Schmidt, Papptafeln mit Fotos in die Höhe hielt und um Kopfnoten für die Abgebildeten bat - unter anderem für Josef Ackermann. Es warf kein gutes Licht auf die Talkmasterin, daß diese Idee ihrer Redaktion selbst Bohlen zu albern war: „Für was denn?“, fragte er, um den Angeklagten in allen Punkten freizusprechen: „Der hat doch nichts Böses gemacht.“ Statt dessen, schimpfte Bohlen, gebe es „Kriminelle in Hamburg, Mörder, die da rumlaufen“. Senator Schill hat sein Werk bekanntlich nicht vollenden können. Ursula Engelen-Kefer, bis unlängst DGB-Funktionärin, wollte Ackermann keine Note geben, sondern „den mir mal vornehmen“, was wesentlich unangenehmer sein dürfte. Wallraff wiederum würde den Bankier aus erzieherischen Gründen mal in eine Gesamtschule schicken - vermutlich nicht, um den Schülern Anlagetips zu geben. Der frühere „Bild“-Chef Tiedje hingegen lobte Ackermann, weil der unbemerkt von der Öffentlichkeit ein generöser Spender sei - übrigens „wie ich oder Heiner Lauterbach“.
Zu einer Einigung, wie am Ende einer Jury-Sitzung üblich, kam es nicht; kein Wunder, wenn sämtliche Mitglieder befangen sind. Man muß wohl schon froh sein, wenn die Sendung selbst kein juristisches Nachspiel hat, so, wie die Beteiligten einander persönlich attackierten. Baring warf Engelen-Kefer „Heuchelei“ vor und hielt den Vorwurf für angemessen, sie schicke ihren Nachwuchs auf eine englische Eliteschule. Tiedje wärmte den alten Stasi-Vorwurf gegen Wallraff wieder auf und verlangte von ihm Auskunft darüber, ob er denn Millionär sei. Den Beweis, daß Sozialneid keine exklusive Eigenschaft der Linken ist, lieferte auch Baring mit dem Satz: „Ich bin ein armer Mann verglichen mit Wallraff.“ Da dauert's den Hartz-IV-Empfänger.
Dummheit, Zynismus, Schwachsinn
Wallraff selbst nannte als „die wahren Asozialen“ die Politiker, die in Aufsichtsräten sitzen, ließ den Namen Merz fallen und wollte ihn anschließend gar nicht gemeint haben. Lafontaine tat Meinungen, die seiner eigenen entgegenliefen, als „Dummheit oder Zynismus“ ab. Bohlen blieb für seine Verhältnisse zurückhaltend und teilte Lafontaine lediglich mit, daß dieser „Schwachsinn“ rede. Und Sandra Maischberger? Sie sah man mitunter verzweifelt lachen und die Augen schließen: eine Reaktion, die nicht nur verkorkste Talkshows, sondern auch die Lage im Lande ertragen hilft.
Als Richterin in eigener Sache bescheinigte Maischberger ihrer „Jury“ zum Abschluß, sehr ernsthaft und sehr facettenreich politisch diskutiert zu haben - ein Urteil, das man als echten Justizskandal bezeichnen kann. In der nächsten Woche wird Karl Lagerfeld bei Maischberger zu Gast sein. Das Thema verriet die Moderatorin noch nicht. Nicht auszuschließen also, daß es um die Gesundheitsreform oder die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei gehen wird: Wir sind hier schließlich beim Qualitätsfernsehen.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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