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FAZ.NET-Fernsehkritik Pflegeheimdiscounter oder 24-Stunden-Standby?

07.03.2007 ·  In der Sendung „Menschen bei Maischberger“ durfte der nächste Mutterschutzvertreter ran. Jörg Kachelmann fragte: „Wohin mit unseren Alten?“. Manche Talkgäste wussten für sich die Antwort. Doch was soll die Gesellschaft tun? Das Gleiche wie Kachelmann - die Ruhe bewahren.

Von Marco Dettweiler
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Irgendwie war schon vor der Sendung entschieden, dass die „Menschen bei Maischberger“ keine erkenntnisreiche Antwort finden konnten. „Wohin mit unseren Alten?“ könnte auch das Motto eine der nachmittäglichen Endlos-Talkshows mit Vulgärfaktor sein. Vielleicht hätten die Redakteure ein bisschen mehr über die Fragen nachdenken sollen.

Die Menschen bei Maischberger suchten dagegen Antworten mit entsprechendem Respekt und der nötigen Erfahrung. Das etwas ungeschickt formulierte Thema der Sendung gab dennoch dem Wetter-Kollegen von Kachelmann, Sven Plöger, die Gelegenheit, die Steilvorlage sicher zu verwandeln. Sein Übergang vom Tagesthemen-Wetter zur Sendung: „Mit unserem Alten wissen wir schon, wohin damit.“

Und da waren die Zuschauer auch schon bei der zweiten Vertretungsstunde für Mutter Maischberger. Wegen ihrer Babypause durfte Wettergott Jörg Kachelmann ran. Wer erst nach einer halben Stunde in die Sendung zappte, hätte glauben können, er sei in einer Runde bei Sabine Christiansen oder Maybrit Illner.

Urgestein Norbert Blüm hatte einen Disput mit Ulrich Marseille. Der Altersheim-Manager warf dem ehemaligen Sozialminister vor, dass es bei der Alten-Frage schließlich auch um Geld ginge. Doch Blüm war an einer echten Diskussion gar nicht interessiert, entging den Angriffsversuchen, indem er sich wieder seinen bauernschlauen Sprüchen mit Nullinformation widmete. Die Gesellschaft müsse erst einmal dieses Problem mit den Alten annehmen, „ohne Nächstenliebe geht sie zugrunde“. „Ein gutes Herz und eine ruhige Hand“ würden für die Betreuung ausreichen.

Klavierkonzerte bis Kegelbahnen

Nun war das Tempo und der Gestus der Runde wieder dort angelangt, wo es am Anfang und am Ende war. Zu Beginn der Sendung durften die frühere Lotto-Fee Karin Tietze-Ludwig und Schauspielerin und Autorin Ilse Biberti in aller Ausführlichkeit berichten, wohin man denn unsere Alten so bringen kann. Gegensätzlicher konnten die Szenarien nicht sein: Die ehemalige Fernsehmoderatorin erzählte von einem Stift in der Nähe von Bielefeld, in dem sie ihre Mutter untergebracht hat. Sie habe das Gefühl, dass „alles Menschenmögliche getan wird“. Ihrer Mutter sei es auch nicht langweilig, von Klavierkonzerten bis Kegelbahnen gäbe es genügend Abwechslung. Das war also die erste Antwort auf die Frage nach der Unterkunft der Alten: Wir bringen sie ins Pflegeheim.

Die zweite Antwort, und viel mehr Möglichkeiten gibt es momentan auch nicht, gab Ilse Biberti. Sie pflegt ihre Eltern zu Hause. Oder wie Frau Biberti das formuliert: „Ich lebe mit ihnen“. Zwar gibt es Wochen, in denen sie wegen des „24-Stunden-Standbys am Bett“ nicht schlafen kann, aber sie „kann in Ruhe hier sitzen“. Ihr Leben hätte sich zwar „brutal verändert“, aber nur so hätten ihre Eltern die einzige Chance auf einen würdigen Abgang. Kachelmann suchte die Wunde und legt seinen Finger kurz hinein: „Treiben Ihre Eltern Sie nicht manchmal in den Wahnsinn?“

Im Pflegeheim erstickt

So weit, so gut. Niemand machte dem anderen Vorwürfe, weil der Zuschauer davon ausgehen konnte, dass es der Mutter von Frau Tietze-Ludwig ebenso gut geht wie den Eltern von Frau Biberti.

Einer von drei filmischen Kurzbeiträgen holte den Zuschauer dann wieder ganz schnell zurück in die Realität. Eine Frau berichtete vom Tod ihrer Mutter. Diese war im Pflegeheim beim Versuch erstickt, sich aus der gurtartigen Fixierung zu lösen. Solche Todesfälle gibt es wohl häufiger. Markus Breitscheidel, der „Wallraff der Pflegeheime“, bestätigte, dass die Fixierung der Menschen zum Alltag gehöre. Blüm schreckte plötzlich auf und sorgte sich mit Blick in die Kamera um die Zuschauer, die nun glauben könnten, dass jedes Pflegeheim ein Todesurteil sei.

„Wie erkennt man ein gutes Heim?“

Eine echte Erkenntnis wäre die Antwort auf Kachelmanns Frage „Wie erkennt man ein gutes Heim?“ gewesen. Experte Breitscheidel, der lange in verschiedenen Pflegeheimen arbeitete, um danach ein „Enthüllungsbuch“ zu schreiben, empfand diese als die schwierigste aller Fragen und gab lediglich den Rat, sich nicht an den Preisen zu orientieren. Also wohin nun mit unseren Alten?

Wenigstens einer bezog Stellung und war mit seiner Meinung auch allein. Ulrich Marseille will noch mehr Menschen ins Altersheim locken. Schließlich ist er Manager von Pflegeheimen mit insgesamt 5.500 Angestellten. Er will „Deutschlands Pflegediscounter werden“. Marseille gab der Diskussion eine ökonomische Dimension. Er argumentierte, er brachte Zahlen und sprach von Investitionen in ein „Softwaresystem, damit die Pfleger mehr Zeit für die Pflegebedürftigen haben“. So etwas will natürlich niemand hören. Gerade Markus Breitscheidel nicht. Auch der konnte Zahlen vorweisen: „Ich hatte 15 Minuten Zeit, um die Leute auszuziehen, zu waschen und wieder anzuziehen.“ In Köln arbeitete er 14 Tage allein auf einer Station mit über 20 Pflegebedürftigen.

Nach ethischen, ökonomischen und christlichen Momenten der Sendung schlug gegen Ende die Stunde von Klaus Dörner. Der Psychiater zeigte allen Beteiligten von Anfang an, dass er über den Dingen steht. Es schien lange Zeit, als sei der als Alibi-Wissenschaftler eingesetzte Professor eine völlige Fehlbesetzung. Knappe, erkenntnislose Sätze sowie geringer Redeanteil ist man von diesem Berufszweig nicht gewohnt.

Als er dann noch mit verschränkten Armen zu einem gesellschaftskritischen Exkurs („Menschliche Seinsweise der Demenz“) ausholte, hätte man sich einen energischen Kachelmann gewünscht. Doch je länger Dörner über soziale Räume und Folgen des menschlichen Fortschritts sprach, desto interessierter hörte man ihm zu und entschuldigte Kachelmanns passives Verhalten.

Bringt Ruhe in die Sendung

Jörg Kachelmann hatte eine schwierige Aufgabe vor sich, die er recht clever gelöst hat. Anfangs merkte man ihm noch eine leichte Unsicherheit beim Vorstellen der Studiogäste an. Doch er fand schnell in seine Rolle, die man etwa von der MDR-Talkrunde „River Boat“ kennt.

Einfach formulierte Fragen stellt er einerseits mit einem Gestus, dass man ihm als Zuschauer gerne zurufen würde: „Genau! Das ist doch das eigentliche Problem.“ Andererseits ist er professionell genug, um ausweichende Antworten nicht zu akzeptieren und bohrt nach. Das tut er nicht besonders intensiv, aber das bringt auch eine gewisse Ruhe in die Sendung - passend zum Thema. Es ging zwar auch um Politik, aber im Wesentlichen um die persönliche Auseinandersetzung mit der Frage „Wohin mit unseren Alten“. Seine Gäste erzählten viel, Unterbrechungen waren selten erforderlich und es tat einfach mal gut, wenn die Teilnehmer der Runde ausreden konnten.

Kachelmann kann auch anders. Tietze-Ludwig fragte er, in welcher Umgebung sie sich sieht, wenn sie später mal Pflege bräuchte. Sie windet sich, will ihm nicht direkt antworten. Folgerichtig fragt er nach: „Heim oder nicht Heim?“ Wieder bekommt er keine eindeutige Antwort. Er hat sie eigentlich schon am Anfang der Sendung bekommen.

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Jahrgang 1971, Redakteur in der Wirtschaft.

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