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FAZ.NET-Fernsehkritik : Olli Dittrich - der wirklich wahre Kaiser

Olli Dittrich, nicht Franz Beckenbauer Bild: dpa

Wenn Franz Beckenbauer die Lichtgestalt des deutschen Fußballs ist, ist Olli Dittrich die des Unterhaltungsfernsehens. Das sah man gestern wieder in der Harald-Schmidt-Show, wo Dittrich als Kaiser Franz weltmeisterlich auf das Jahr 2006 zurückblickte. Von Uwe Ebbinghaus.

          Franz Beckenbauer kann vieles unheimlich gut und wir verdanken ihm die Fußball-WM 2006, aber eines muß man doch zu seinen Ungunsten sagen: In der Rolle des leicht angestoiberten, leicht verwirrten, stets widersprüchlichen aber doch irgendwie einnehmenden „Kaiser Franz“, der die Lage der Fußball-Nation staatstragend auf den Punkt zu bringen versucht, ist Olli Dittrich einfach besser.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Das konnte man gestern wieder in der Harald Schmidt Show sehen, in der Dittrich, von Schmidt interviewt, zum ersten Mal seit über zehn Jahren wieder eine seiner Parade-Parodien aus „RTL Samstag Nacht“-Zeiten zum Besten gab. Damals hatte er für die Interview-Persiflage-Reihe „Zwei Stühle - eine Meinung“, in der er Prominente wie Michael Schumacher oder eben Beckenbauer in ihrem verzweifelten Mediengeschwafel entlarvte, zusammen mit Wigald Boning den Grimme Preis erhalten.

          Pseudo-dokumentarischer Rahmen

          Mehr als zehn Jahre später zeigt sich das Konzept verfeinert. Es fehlt die aufgekratzte Albernheit, die Selbstgefälligkeit und die Studioatmosphäre von „Samstag Nacht“. Eingehüllt ist jetzt alles - typisch für den innovativen Furor Dittrichs - in einen pseudo-dokumentarischen Rahmen, mit Gehweg-Kurzinterview, blitzender Fotografenhorde und sichtbaren Kameras am Gesprächsort, einem Hamburger Hotelzimmer - alles so, wie es in den einschlägigen, groß angekündigten Exklusiv-Interviews unserer Zeit aussieht, wenn zum Beispiel Sandra Maischberger mit Karl Lagerfeld durch Berliner Synagogen schlendert und dabei ganz unbefangen über Magermodels plaudert.

          Parodie im Doku-Mantel

          Etwas holprig allerdings war Harald Schmidts Hinführung auf das Beckenbauer-Interview innerhalb seiner Show: Schmidt spulte fast zehn Minuten seines üblichen Programms ab, um dann - Fiktion in der Fiktion - abrupt das aufgezeichnete Interview als Teil einer ARD-Reihe namens „Was tun ...“ anzukündigen. Das hätte man einfacher haben können - oder wurde hier eine tatsächlich neue Reihe innerhalb von Schmidts Late Night vorbereitet? Man wagt es kaum zu glauben.

          Spannende Fragen - von Harald Schmidt

          Dann sitzt da in besagtem Hotel einem angenehm zurückgenommenen, ernsthaft die Rolle eines politischen Fragers übernehmenden Harald Schmidt der Kaiser Franz gegenüber und alles stimmt, was so nur beim stets akribisch vorbereiteten Dittrich stimmen kann: Die typisch eingesunkene Haltung des Fußballkaisers, seine zuweilen geradezu brasilianische Sprachmelodie, die vornehme Steifheit des Nackens, die auf so skurrile Weise die einfache, hallodrihafte Sprache und Denkungsart des bayerischen Weltmannes kontrastiert. Das alles ist beängstigend gut nachgemacht.

          Anders als Boning bei „Samstag Nacht“, der sich als Interviewer seinerseits in Absurdität übte, stellt Schmidt wirklich spannende und bewegende Fragen des Jahres 2006, etwa nach der Kanzlerinnen-Umarmung während der WM, dem Zidane-Kopfstoß oder der Bundestrainernachfolge.

          Verschwörungstheorien hinterlassen Spuren

          Dabei werden die Antworten Beckenbauers, typisch für Dittrichs mehrdimensionalen Humor, immer absurder. Die Kanzlerin („eine weiche Frau, eine Physikerin“) habe sich bei ihrer WM-Umarmung bei ihm, Beckenbauer, für den Vorschlag zu einer Mehrwehrsteuererhöhung bedankt, Zidanes Kopfstoß sei ein muskulöser Reflex infolge einer Darmverkleinerung à la Maradona gewesen, und warum er widersprüchlich sei - mei, wie der Franz sich da schwadronierend und charmant auflachend rausredet, das muß man gesehen haben. Das war Fernseh-Genuß und zugleich Wittgensteinsche Philosophie in einfachen Worten.

          Deutlich haben die Wochenrückblicke und die Verschwörungstheorien aus „Dittsche“ - Dittrichs fast wöchentlicher Imbißbuden-Improvisation im WDR - in den Antworten ihre Spuren hinterlassen. Aber auch durch politisch inkorrekte Antworten etwa zum Thema Bin Ladin sprengt Dittrich immer wieder den Rahmen herkömmlicher Parodieformate.

          Der originellste Fernseh-Jahresrückblick

          Und das war das eigentliche Ereignis dieses originellsten Fernseh-Jahresrückblicks auf 2006: Zu sehen war, was das Fernsehen, das öffentlich-rechtliche zumal, eigentlich sein könnte, wenn es sich nur mehr Mühe gäbe, wenn es experimentierfreudiger wäre, spontan bei guter Vorbereitung, nah am Leben und es trotzdem witzig durchdringend.

          Wenn Franz Beckenbauer die Lichtgestalt des deutschen Fußballs ist, ist Olli Dittrich, auch wenn jegliches Pathos bei ihm unangemessen erscheint, die Lichtgestalt des deutschen Unterhaltungsfernsehens. Er wird auch 2007 wieder die gute Unterhaltung ins eigene Fernsehland holen, das ohne ihn um einiges fader wäre.

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