23.12.2006 · Seit Freitag zeigt Sat.1 Quatschfilmchen und Homevideo-Aufnahmen in der „MyVideo-Show“. Die ist mehr als eine bloße Werbeaktion für das konzerneigene Videoportal. Der Sender testet vielmehr, wie eng sich Internet und Fernsehen künftig verzahnen lassen.
Von Peer SchaderEin Junge nimmt am Beckenrand Anlauf, springt - und knallt auf die harten Fliesen anstatt im Wasser zu landen. Ein Freund lauert einem jungen Mann in dessen Wohnung auf und erschreckt ihn beim Hereinkommen. Eine junge Frau verschwindet beim Übergeben mit dem Kopf in der Kloschüssel. Ein WM-Fan wedelt auf der Autobahn mit seinen WM-Tickets aus dem offenen Autofenster bis der Wind sie mitnimmt. So sehen offenbar gelungene Homevideos aus. Jeder Film dauert bloß ein paar Sekunden. Dann läuft noch ein paar Mal die Zeitlupe.
Eigentlich hatte man in den vergangenen Wochen den Eindruck, das Pannenshow-Fieber von vor einem Jahr sei wieder abgeklungen. RTL kündigt zwar hartnäckig an, demnächst weitere Folgen von „Upps!“ zeigen zu wollen, aber die werktäglichen Homevideo-Sendungen „Bitte lachen“ und „Clip Charts“ sind bei RTL 2 und Kabel 1 längst wieder aus dem Programm geflogen.
Unscharfe Stolper- und Shreckfilmchen
Und doch zeigt Sat.1 jetzt wieder unscharfe Stolper- und Schreckfilmchen. In den nächsten Wochen macht der Sender am späten Freitagabend Platz für „Die MyVideo-Show“. Deren Inhalte sind so simpel wie die der Pannenshows, aber Verpackung und Herkunft sind neu: MyVideo.de gehört zu den Portalen im Internet, bei denen Nutzer wie beim Vorbild YouTube Quatschfilmchen oder selbstgedrehte Aufnahmen einstellen können. Die Portale sind der Lieblingsort von Teenagern, die sich im Wohnzimmer bei Gesangsparodien abfilmen und glauben, das dann der Welt zur Verfügung stellen zu müssen.
Bei MyVideo.de heißen die Teenager Denice und Tobias, sind Geschwister und machen wie alle andere Mundbewegungen und Körperverrenkungen zum Playback. Denice schimpft immer „Guck nach da, du Arsch“, weil Tobias es noch nicht so raus hat mit der Choreographie. Und Sat.1 fand das so großartig, daß die beiden in die Show eingeladen wurden, wo sie sich erst gemeinsam mit Moderatorin Annika Kipp ihre Filme angesehen haben und dann eine circa zwanzigsekündige „Live Performance“ vorführen durften, also Mundbewegungen und Körperverrenkungen zum Playback, nur eben ausnahmsweise in eine richtige Kamera.
„Was willst du mal werden - Glasbläser?“
Der Mann, der mit seinen Freunden gewettet hat, daß er sich ein Weißbierglas in den Mund schieben kann, war auch da. „Was willst du mal werden - Glasbläser?“, ulkte Moderatorin Kipp. Und auf dem Sofa saßen die Pro-Sieben-„Popstars“, von denen Bandmitglied Mandy erzählte, wie sie mal von ihrem Bruder erschreckt wurde, der sich als E.T. verkleidet bei ihr im Schrank versteckt hatte.
Dazwischen liefen lauter Pannenvideos und Moderatorin Kipp kommentierte Sturzunfälle fachgerecht mit den Worten: „Der schlägt nicht mit dem Kopf auf - da hat er wirklich Glück gehabt.“ Zum Schluß wurde der „Clip der Woche“ gezeigt, in dem ein Musiker an der Heimorgel aus Versehen sein Mikro verschluckte. Nach dreißig Minuten war das Kuriositätenkabinett dann glücklicherweise zu Ende.
Billig - und doch enorm wichtig für Sat.1
Und man hat eingesehen, künftig bei Negativkritiken anderer Sendungen vorsichtiger sein zu müssen, um sich die Superlative für solche Veranstaltungen aufzusparen. Aus der Fernseh-Perspektive betrachtet ist „Die MyVideo-Show“ eine Unverschämtheit, das Billigste, was man seit langem gesehen hat. Und für Sat.1 dennoch enorm wichtig.
Natürlich betreibt der Sender nicht einfach so Promotion für ein beliebiges Videoportal. Vor ein paar Monaten ist Pro Sieben Sat.1 bei MyVideo.de eingestiegen und unternimmt seither alles, die Seite eng mit den Fernsehprogrammen der Gruppe zu verzahnen. Sat.1 stellt die Tänze aus der Castingshow „You can dance“ in voller Länge bereit, das Pro-Sieben-Magazin „taff“ sucht den besten James-Bond-Parodisten, im Digitalkanal Sat.1 Comedy läuft seit einiger Zeit die Show „My Comedy Blog“, deren Teilnehmer sich ausführlich auf MyVideo.de präsentieren.
Mehr als bloße Werbeaktionen für die Website
Und neulich hat Sat.1 sogar ein alternatives Ende der Lisa-Plenske-Geschichte bei „Verliebt in Berlin“ freigeschaltet, bei der sich die beiden Widersacher Rokko und David als schwule Cowboys outen, was freilich ironisch gemeint sein sollte.
Solche Aktionen und vor allem Sendungen wie „Die MyVideo-Show“ sind mehr als bloße Werbeaktionen für die Website, die sich im IVW-Online-Ranking zuletzt ziemlich weit nach vorne geschoben hat. Es macht den Eindruck, als teste Pro Sieben Sat.1 derzeit, ob Online und TV sich langfristig verknüpfen lassen.
Der Konkurrent steht bereit
Dazu kommt: In den Vereinigten Staaten konnten die großen Networks nur schwer verhindern, daß Nutzer Inhalte ihrer Lieblingssendungen online stellen, um sie mit anderen zu teilen. Anstatt sich mit unzähligen Abmahnverfahren zu verzetteln, um die Rechteverletzungen zu ahnden, beteiligen sich die Sender nun einfach an den Portalen - und verdienen doppelt Geld. Pro Sieben Sat.1 kann es nur recht sein, daß bei MyVideo.de unzählige „TV total“-Schnipsel zu finden sind.
Daß MyVideo.de momentan so aggressiv beworben wird, liegt auch daran, daß der Konkurrent RTL mit dem Konkurrenzangebot Clipfish.de bereit steht, das aber bisher weitaus zögerlicher promotet. Zwar konnten Bewerber für „Deutschland sucht den Superstar“ bereits hochladen und ab Januar läuft eine Best-of-Sendung beim Nischenkanal Giga - für den großen Klickerfolg hat das bisher aber noch nicht gereicht.
In München nimmt man an, daß sich in Deutschland neben YouTube langfristig wohl nur eines der Videoportale durchsetzen wird. Am besten natürlich das eigene. Wenn „Die MyVideo-Show“ dazu beitragen kann, hat sie ihren Zweck schon erfüllt.