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FAZ.NET-Fernsehkritik Maischbergers Ältestenrat

01.04.2009 ·  Vier rüstige Hundertjährige zum Gespräch in „Menschen bei Maischberger“ - das krönt die heimliche Leidenschaft der Talkmasterin für die späten Jahre. Warum aber werden manche so alt?

Von Joachim Müller-Jung
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Zum Schicksal des Älterwerdens gehört es noch immer, dass die Alten irgendwann leise abtreten. Raus aus dem Sichtfeld, raus aus dem Leben. Im Fernsehen ist das nicht viel anders, vielleicht noch schlimmer. Irgendwann sieht man sie einfach nicht mehr, die Senioren und Greise, ob prominent oder nicht. TV-Talkerin Sandra Maischberger allerdings hat gestern in ihrer Sendung „Menschen bei Maischberger“ einmal mehr bewiesen, dass ihr die Lebenskunst der späten Jahre ein ganz besonderes Anliegen ist. So besonders, dass sie von den Hochbetagten gar nicht genug auf ihre Sofas bekommen kann, was sich im Rückblick empirisch nur schwer widerlegen lässt.

Für das Thema „Kommt der Kalte Krieg zurück?“, Sendetermin 26. August, hatte sie Scholl-Latour, Genscher, Eppler und Schewardnadse zu Gast. Durchschnittsalter: 77,1 Jahre. Bei „Alle Macht den Alten?“ mit Hans-Jochen Vogel, „Blacky“ Fuchsberger und anderen verfehlte sie den Altersschnitt nur knapp: 76,8 Jahre. Thema „Veteranen, erklärt uns die Welt!“: 74,8 Jahre. „Die neuen Alten: Klüger, begehrter, glücklicher?“ mit Dietmar Schönherr, Marianne Koch und weiteren Gästen: 72,8 Jahre. Bei den „Späte Singles: allein, aber glücklich?“ lag man bei 70,3 Jahren im Mittel der Gesprächsrunde, und in der fast schon legendären Sendung „Generation 80plus“ mit „Jopi“ Heesters, damals im November 2007 noch 103 Jahre alt, kam man trotz dessen junger Gattin Simone Rethel mit ihren seinerzeit 58 Lenzen auf unglaubliche fast 85 Jahre im Schnitt der fünf Talkgäste.

Alt, aber agil

Seit gestern freilich dürfte Maischberger, was diese Statistik angeht, endgültig unschlagbar geworden sein. Für die Besetzung des Themas „Die Hundertjährigen - wer kennt das Methusalemgeheimnis?“ haben es sich auf ihrer Couch vier Menschen mit zusammen vierhundertzwei Jahren bequem gemacht. Vier über Hundertjährige, von denen jeder einzelne ein Musterbeispiel für die Glücksverheißungen eines langen, gesunden Lebens abgab. Absolute Ausnahmen also: Eine kosmopolitische Malerin und Autorin, die älteste Konzertpianistin der Welt, die mit hundert noch Konzerte gab, eine Schriftstellerin, die mit hundertzwei Jahren gerade ihr jüngstes Buchmanuskript abgegeben hat, und schließlich ein zeitlebens sportbesessener Schuhmacher, der bis zum neunundneunzigsten Geburtstag Flötist im Spielmannszug blieb und sich heute noch jeden Nachmittag ins Auto setzt, um Kumpane zu besuchen. Keine Pflegefälle also, das genaue Gegenteil. Drei haben ihren eigenen Haushalt, kaufen selbst ein, halten die Wohnung sauber. Kurz: Vier hochgradig agile, kreative Menschen, für die nun Bewunderung aufzubringen in der Tat keiner größeren Anstrengung bedarf.

Man hätte Stunden mit den Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegserlebnissen oder auch den ganz schlichten historischen Alltagsgeschichten dieser höchst vitalen Greise zubringen wollen. Aber das war natürlich gar nicht drin für die vielleicht größte Bewunderin. Stattdessen musste Sandra Maischberger irgendwann, als sie die Lebensgeschichten zwar angerissen, aber noch keine genügend stichhaltige Antwort auf ihre Frage nach den Gründen für die außergewöhnlichen Lebensspannen erhalten hatte, den Bruch einbauen. Aus dem Gespräch wurde ein Interview. Eine Gesundheitsberaterin, die den Altersschnitt merklich drückte und dennoch den Rekord kaum ins Wanken gebracht haben dürfte, wurde nach dem Geheimnis der Okinawa-Menschen befragt. Die Langlebigkeit der japanischen Inselbewohner ist legendär. Ulla Rahn-Huber war lange genug dort für ihre Buchrecherche, um wenigstens „fünf Säulen“ aus dem Gesundheitsrezept der japanischen Hundertjährigen herauszuarbeiten: Ernährung (viel Fisch, wenig Fleisch, grünes Frischgemüse), Bewegung, Arbeit, Gemeinschaft und - besonders von Okinawa-Frauen geübt - das Zwiegespräch mit den Ahnen. Spiritualität für Langlebigkeit?

Die Schulweisheit kennt solche Konzepte nicht. Die Gegenrechnung, des Kieler Medizinforschers Stefan Schreiber klang da eher profan. Vor allem ging es ihm um die Rolle der Gene, besonders das „Foxo3A-Alters-Gen“, mit dem er jüngst offenbar auch Sandra Maischberger zu beeindrucken vermochte. Was er freilich an diesem Abend zum Besten gab, dass die Wissenschaft etwa mit dem Wissen über Alterungsgene in zwanzig Jahren möglicherweise pharmakologisch ein „stabiles Altern“ anzustreben versuche oder, dass der Oxidationsschutz in den Zellen schon der richtige Zugang zum gesunden Altwerden biete, diese gelehrten und dennoch holzschnittartig verkürzten Erläuterungen rundeten das bis dahin Gehörte nicht etwa ab. Es war der ganz und gar unpoetische Gegenentwurf zur Vorstellungswelt der anderen.

Der „Lebenslust“ jedenfalls, die von der Gesundheitsberaterin als lebensverlängernde Maßnahme angeboten wurde, hatte der Forscher wenig Anschauliches hinzuzufügen. Maischberger jedenfalls machte nicht den Eindruck, als sei sie so von den unfertigen biologischen Erklärungsmodellen zu überzeugen. Sie unternahm freilich auch nicht den Versuch, diesen wissenschaftlichen Rätseln tatsächlich auf den Grund gehen zu wollen.

Vielleicht war einfach die Zeit dafür zu knapp. Vierhundert üppige Jahre prallen Lebens fordern ihren Tribut bei nur eineinhalb Stunden Gesprächszeit. Schwergewichtige Alterungsthesen verblassen da schnell - und das völlig zu Recht. So blieb einiges unaufbereitet in der Methusalemrunde. Manches auch, das Gastgeberin Maischberger demnächst allerdings bestimmt wieder mit Hingabe in der einen oder anderen betagten Gesprächsrunde aufgreifen dürfte.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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