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FAZ.NET-Fernsehkritik Lieselotte, frag den Raab!

04.11.2007 ·  Während RTL am Samstag in einer Final-Show das „Supertalent“ suchte, stieg auf ProSieben Stefan Raab gegen eine im Kampfsport erprobte Blondine in den Ring. Raab kann zwar nicht boxen, aber er hat Talent und Instinkt für die große Show. Bei RTL war von beidem nichts zu sehen. Von Marco Dettweiler.

Von Marco Dettweiler
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Nicht jeder Mensch hat Talent. Wer welches besitzt, muss es erst entdecken. Dann muss man seine besondere Fähigkeit weiter entwickeln. Wie weit ein talentierter Mensch im Fernsehen kommt, konnten die Zuschauer mal wieder am Samstag Abend sehen. Doch nicht bei RTL in der Supertalent-Show, sondern beim Konkurrenzsender ProSieben. Dort zeigte Stefan Raab ein weiteres Mal, was er drauf hat. In seiner Sendung „Schlag den Raab“ kämpfte er verbissen um den Sieg, während bei RTL mittelmäßige Talente, um die Wette sangen, tanzten und turnten. Stefan Raab warf mit Hölzern, spielte mit dem Auto Fußball, schnitt eine Wurst in fünf Stücke und hetzte roten Punkten hinterher - und gewann den Wettkampf. Raab hat längst seinen Talentstatus verlassen. Er ist getrieben von furchterregendem Ehrgeiz, unbändigem Willen und einer ernsthaften Einstellung zu dem, was er macht. Talent ist also nicht alles.

Wie es aussieht, wenn jemand gar kein Talent hat, zeigte an diesem Abend Lieselotte bei RTL. Sie trat im Finale von „Das Supertalent“ auf, weil es laut Moderator Marco Schreyl das Publikum so wollte. Die Jury hatte sie verständlicherweise in der Vorrunde nicht weiterkommen lassen. Ihr Auftritt war somit außer Konkurrenz. „Deutschlands Karaoke-Königin“ stampfte auf die Bühne, um „Schuld war nur der Bossa Nova“ zu singen. Ihre steifen Bewegungen und ihre miserable Stimme hielten weder RTL noch das Publikum oder die Jury davon ab, diesen äußerst peinlichen Auftritt zu unterbrechen. Selbst als klar wurde, dass Lieselotte Playback singt, weil ihr zwischendurch die Luft ausging, klatsche das Publikum weiter und forderte eine Zugabe. Bei RTL ist die Würde des Menschen wohl doch antastbar.

Die Jury lobte vor sich hin

Die Idee, den großen Unterschied zwischen Stars mit viel und Menschen mit null Talent zu zeigen, ist nicht neu. RTL hat sie bei sich selbst abgeschaut. Schon bei „Deutschland sucht der Superstar“ durfte ein unterirdisch schlecht singender Michael-Jackson-Imitator knapp fünf Minuten der Sendezeit stehlen, um die Zuschauer zu befriedigen und die Jury zu quälen. RTL hatte nur dieses Mal ein Problem: Im Gegensatz zu DSDS fanden sich bei den zehn Finalisten von „Das Supertalent“ zu viele Kandidaten, die offensichtlich wenig Talent hatten und Lieselotte mit ihrer schrecklichen Darbietung von anderen Kandidaten nicht allzu weit weg war. Die letztlich mittelmäßige Talentiertheit der meisten Finalisten wollte natürlich keiner eingestehen. Und so lobte die Jury vor sich hin.

Allen voran Zirkus-Chef André Sarrasani. Er lobte, ohne rot zu werden und sprach, ohne authentisch zu sein. Seine Sätze wirkten schlichtweg auswendig gelernt. Auch Dieter Bohlen lässt sich seine Gags offensichtlich vorher präparieren. Doch er hat sich wenigstens die Mühe gemacht, die Auftritte genau anzusehen und anzuhören, um dem elf Jahre alten Udo Uhse zu sagen, dass er häufiger den Ton nicht getroffen habe, um den Rabiniak Schwestern vorzuwerfen, dass sie bei ihre Kleiderwahl daneben lagen und um dem jungen Tänzer Philip Fedan klar zu machen, dass sein rhythmisches Gezappel auf der Bühne ihn nicht berührt habe. Dennoch sahen die Zuschauer einen sehr milden Bohlen.

Familienfreundliche Samstagsabendshow

Was sollten die Jurymitglieder sonst auch tun bei dieser Heterogenität der Kandidaten und dem, was sie vorführten? Um eine familienfreundliche Samstagsabendshow zu produzieren und eine möglichst breites Zielgruppe anzusprechen, wählte RTL willkürlich aus einer zu großen Menge von möglichen Bühnensensationen aus. Kids und Kinder spielten ebenso um die 100.000 Euro wie arme Pizzabäcker und nette Kfz-Mechaniker. Alt und jung, schüchtern und cool, klassisch und kreativ, alles war dabei. Bei fast jedem Kandidaten konnte etwas Schicksalhaftes gefunden werden, was Betroffenheit unter den Zuschauern auslösen konnte, sei es der Tanztrainer im Rollstuhl, der insolvente Kfz-Mechaniker oder die ehemals schwerkranke Turnerin.

Tanzen, Turnen, Trompeten begeisterte die Jury gleichermaßen wie das Singen von Opernauszügen und der Sound eines Beatboxers. Sich zu entscheiden, welcher der zehn Finalisten der Beste ist, muss mindestens so schwierig sein wie die Antwort auf beliebte Fragen derart: Was ist dein Lieblingsfilm und dein Lieblingslied? In beiden Fällen hilft die Eingrenzung auf ein Genre oder eine Gattung. Doch aufgrund des Konzepts dieser Show ist das erst gar nicht möglich. Dadurch wird die Wahl des Superkandidaten zur Sympathie-Entscheidung, die nicht begründet werden kann. Anhand welcher Kriterien will irgendjemand etwa einen Beatboxer mit zwei alten turnenden Damen vergleichen? Am besten gar nicht. Oder indem man dann doch sechs der zehn Finalisten singen lässt.

„Du machst aus Tönen Gefühle“

Dadurch hatte Jurymitglied Dieter Bohlen auch genügend Gelegenheit, seine Erfahrung und Fachkenntnis einzubringen. Er versäumte es daher auch nicht, immer wieder zu betonen, dass er bereits seit 30 Jahren im Musikgeschäft sei. Damit er dort auch noch länger bleiben kann, braucht Deutschlands erfolgreichster Musikproduzent neue Talente. Bei „Deutschland sucht den Superstar“ konnte er noch das wählende Publikum davon überzeugen, dass Mark Medlock der kommende Superstar sein muss, sonst verstünde er die Welt nicht mehr.

Jetzt war Bohlens Top-Favorit die elf Jahre alte Tilly Horn. Ihre Stimme hätte kaum noch etwas mit Talent zu tun; Tilly sei ein kleines Wunder, schwärmte Bohlen. Doch dieses Mal taten die Anrufer ihm nicht den Gefallen, seinen Favoriten zu wählen. Nicht ein gut zu vermarktendes Girl wurde das „Supertalent 2007“, sondern der schüchterne, 19 Jahre alte Ricardo Marinello. Auch er sang. Im schwarzen Anzug mit weißem Schal erzeugte er mit dem Lied „Time to say Goodbye“ von Andrea Bocelli bei Jurymitglied Ruth Moschner einen Kloß im Hals und bei Dieter Bohlen Gänsehaut am Körper: „Du machst aus Tönen Gefühle“. André Sarrasani lud ihn schon vor der Entscheidung auf eine seiner Zirkusbühnen ein, um dort zu singen. Doch wie Marinello so schön sang: Es ist Zeit, Abschied zu nehmen. Man wird ihn wohl nicht so oft wiedersehen.

Es schien, als hätte Dieter Bohlen an diesem Abend nicht nur seine Bissigkeit verloren. Mit Ricardo Marinello wird er nicht im Duo auftreten können, es wird kein zweites neues Modern Talking geben. Als der ambitionierte Hobby-Opernsänger sichtlich überrascht und emotional überfordert die Glückwünsche der anderen Kandidaten entgegen nahm, kämpfte Stefan Raab immer noch gegen seine blonde, im Kampfsport erfahrene Gegnerin. Im fehlt zwar, wie seine Halmich-Kämpfe zeigten, das Talent im Boxen, dafür hat er eins für die große Show.

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Jahrgang 1971, Redakteur in der Wirtschaft.

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