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FAZ.NET-Fernsehkritik Krawallmacher bei „Christiansen“

21.05.2007 ·  Es ist wirklich schade, dass bei Themen von politischer Bedeutung - wie dem Anschlag auf die Bundeswehr in Afghanistan - immer Oskar Lafontaine eingeladen wird. Dessen Lust, die Lunte zu legen, ist weder durch Kenntnis noch durch Klugheit gebremst. Von Michael Hanfeld.

Von Michael Hanfeld
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Es ist wirklich schade, dass bei Themen von politischem Rang, von gesellschaftlicher Bedeutung und von aktueller Brisanz im deutschen Fernsehen immer Oskar Lafontaine als Krawallmacher eingeladen wird. Das Kalkül ist schon klar: Man braucht einen, der radikal gegen den Strich bürstet, um eine Debatte zu befeuern. Aber es wäre schön, wenn man endlich mal jemanden fände, dessen Lust, die Lunte zu legen, wenigstens ein wenig durch Kenntnis und Klugheit gebremst würde.

Zu einer Zeit, in der die Bundeswehr in Afghanistan drei Tote und vier Verletzte zu beklagen hat, fällt ihm bei „Sabine Christiansen“ nichts anderes ein, als zu behaupten, dass die Bundeswehr „mittelbar in terroristische Aktionen verwickelt“ sei. Denn Terror sei durch die rechtswidrige Anwendung von Gewalt definiert und unter dieser Definition seien George W. Bush und Tony Blair und andere „Terroristen, weil sie in großem Umfang rechtswidrig Gewalt angewandt haben im Irak und Hunderttausende ums Leben gekommen sind“. Atemraubender als die drei Soldaten und die Afghanen, die am vergangenen Samstag bei einem Selbstmordanschlag in Kundus getötet wurden, sind wohl selten Opfer eines Attentats politisch instrumentalisiert worden.

Alles in einen Topf

Denn was Bush und Blair im Irak angezettelt haben, das hat mit Afghanistan und mit dem Einsatz der Bundeswehr dort, ja selbst mit den Tornado-Flügen im Süden - um mit Lafontaines Jargon zu reden - sehr „mittelbar“ etwas zu tun. Die getöteten Deutschen waren auf dem Markt von Kundus unterwegs, um für ihre Truppe Besorgungen zu erledigen. Sie haben sich nicht in ihrem Lager verschanzt, wie es die Amerikaner tun. Sie haben nicht gekämpft. Sie sind aufgetreten als militärische Absicherung des zivilen Wiederaufbaus von Afghanistan, dem sich die deutsche Außenpolitik verschrieben hat.

Man kann dazu eine Menge kritische Fragen haben. Man kann darüber nachdenken, ob der ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck mit seiner Einlassung Recht hatte, dass „unsere“ Freiheit am Hindukusch verteidigt wird. Und man kann darüber streiten, ob die Bundeswehr weiterhin allein als bewaffnetes Technisches Hilfswerk auftreten oder gemeinsam mit den militärischen Partnern im Süden des Landes kämpfen soll, wo nichts anderes als Krieg herrscht. Was man aber nicht kann, ist, sich auf die Fehler der amerikanischen und der britischen Weltmachtpolitik zurückziehen, alles in einen Topf zu werfen, nicht zu differenzieren, nicht nach den Konsequenzen zu fragen, die ein Abzug der westlichen Truppen hätte, und vollkommen außer Acht zu lassen, mit was und mit wem man es in Afghanistan zu tun hat: Mit einem Land nämlich, dessen Menschen sich nach rund dreißig Jahren Krieg nichts sehnlicher wünschen als Frieden und ein paar zaghafte Anzeichen, dass es besser wird. Mit einem Land, in dem die Taliban zwar großen Rückhalt besitzen - vor allem im Süden, weil dort die Paschtunen leben und sie ein natürlicher Teil der paschtunischen Stammeswelt sind - aber nichtsdestotrotz die Allerletzten sind, welche die Afghanen wieder an der Macht sehen wollen.

Die Taliban sind es, die den zivilen Wiederaufbau verhindern; sie sind es, die Hilfsorganisationen mit ihren Anschlägen aus dem Land halten; und sie sind es, die mit ihren Anschlägen für die meisten zivilen Opfer unter den Afghanen verantwortlich sind.

Regelrecht niedergebrüllt

Über all das hätte man bei „Christiansen“ sprechen können, wäre nicht Lafontaine gewesen und nicht der Publizist Peter Scholl-Latour, der inzwischen nur noch mit der normativen Kraft des Alters argumentiert und alle anderen als ahnungslose Novizen abkanzelt. Der Politikwissenschaftler Wilfried von Bredow etwa wurde von diesen beiden regelrecht niedergebrüllt, als er ansetzen wollte, auf die Frage zu antworten, ob es eigentlich so etwas wie eine „Exit-Strategie“ der Deutschen in Afghanistan gebe.

Es war dem Verteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU), Niels Annen von der SPD und vor allem dem Grünen Jürgen Trittin, der sich in Afghanistan persönlich ein Urteil gebildet hat, vorbehalten zu erklären, was man anrichtet, wenn man in dem Augenblick, da deutsche Soldaten ums Leben kommen, die Botschaft verkündet, wir könnten, müssten und sollten uns aus all dem heraushalten. Das ist zwar unglaublich populär, aber auch unglaublich populistisch. Und es ist unglaublich unpopulär, in einem solchen Moment innezuhalten und - wie Trittin - zu verdeutlichen, was passiert, wenn die deutschen - und die anderen westlichen - Soldaten von heute auf morgen das Weite suchen: Die zivilen Helfer würden es ihnen dann nämlich gleichtun.

Und dann versinkt das Land abermals im Chaos, dann gewinnen die Warlords, die Drogenbarone und die Taliban wieder die Oberhand, also diejenigen, die sich in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen grausamen Bruderkrieg geliefert haben, die ganz und gar nicht im Sinne der Afghanen handeln, die schon einmal bewiesen haben, dass sie nicht regieren können und unter denen auch im Nu die Ausbildungslager von Al Qaida wiedereröffnet werden.

Die Taliban wünscht sich niemand zurück

Wer nur mit irgendeinem Afghanen spricht, mit einem Gouverneur oder einem einfachen Minenarbeiter, mit einer Lehrerin oder mit einem Schüler - sechzig Prozent der Afghanen sind jünger als fünfundzwanzig Jahre -, der bekommt immer wieder dasselbe zu hören: Die Taliban wünscht sich niemand zurück, den Terror schon gar nicht, die mächtigen Clanchefs und Drogenbarone mit ihrem Privatarmeen selbstverständlich auch nicht. Allerdings auch keine Besatzer, als welche sich vor allem die Amerikaner gerieren, die in Afghanistan nichts als einen Kampfauftrag erfüllen und sich dabei nicht um Sitten und Gebräuche und um Opfer unter denen scheren, in deren Land sie sich in ihren hochgesicherten Militärbastionen verschanzen.

Die Afghanen wollen eine Zukunft. Sie wollen auf die Straße gehen können, ohne erschossen zu werden, sie hungern nach Bildung und sie wollen, dass es für ihre Kinder im Diesseits - und nicht erst im Jenseits, in das sich die verblendeten Selbstmordattentäter wünschen - ein Leben gibt. Das klingt profan, doch das ist es in Afghanistan auch im Jahre 2007 noch immer nicht.

Die Deutschen - die vielen zivilen Helfer und die Bundeswehr - haben es von Beginn ihrer Mission am Hindukusch anders gehalten als die Amerikaner, mit denen sie jetzt so schnell in einen Topf geworfen werden. Die Afghanen wissen und schätzen das. Sie würden es seltsam finden, wenn die Deutschen, denen sie sich aus vielerlei Gründen besonders verbunden fühlen, sie nun im Stich ließen.

In einer Sendung wie „Christiansen“ hätte man darüber gerne etwas erfahren. Eine Debatte wie die dort geführte allerdings schaltet man leider vor allem mit dem Eindruck ab, dass die Deutschen nicht nur nicht wissen, was andere von ihnen erwarten, sondern auch, was sie selbst wollen.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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