25.05.2007 · Während Pro7 die Schönheiten des Landes sichtete, prüfte Kerner beim ZDF die Intelligenz der Deutschen. Wer die Disziplin aufbrachte, zuzuschauen, wurde lebenspraktisch reich belohnt. Wer so unklug war, mitzumachen, bekommt jetzt eine erhöhte Telefonrechnung.
Von Uwe EbbinghausEin bisschen Disziplin kostete es schon, von Kerners Intelligenztest im ZDF nicht öfters zu den Schönheiten von Pro7 hinüberzuschalten. Doch wenn man es doch tat, landete man meistens in einer Werbepause oder bei Heidi Klums verlangsamten Roboter-Sprechübungen („da -- steht ihr jetzt --- zu dritt -- vor mir --- aber nur eine -- kann Germany's -- Next Topmodel werden“), sodass einen Kerners familienfröhlich servierte Lebensweisheiten immer wieder zu faszinieren wussten.
Wie gemein aber eigentlich vom ZDF, mit einer quotenmäßig aussichtslosen Schlauheitsoffensive gezielt und ganz öffentlich-rechtlich deutsche Familien untereinander zu zerstreiten: „Ich will aber die Topmodels sehen.“ - „Du guckst dir gefälligst den Kerner an, da lernst du wenigstens was.“
Cornflakes im Milchbett
Denn um die Vermittlung praktischen Wissens sollte es auch im zweiten Teil von „Wie schlau ist Deutschland?“ nach Angabe des Moderators gehen. Und dieses Versprechen löste der Mainzer Sender dann auch ein. So erfuhr man gleich zu Beginn, dass Cornflakes im Milchbett magnetisch sind, ein Stück Taschentuch unter der Zunge gegen Nasenbluten hilft und der Horizont an der Küste nur etwa 5 Kilometer vom Strand entfernt liegt - was wahrscheinlich gut zu wissen ist, wenn man sich mal verschwommen hat.
Doch selbst, wenn man mit einem Boot unterwegs ist und ein Luftgebläse dabei hat, das ins Segel reinbläst, hilft es einem - wie ein Studioversuch zeigte - wenig. Man kommt nämlich wegen der Newtonschen Gesetze kaum vom Fleck. Das wussten übrigens nur wenige Deutsche. Besser Bescheid wussten sie über das Kühlen von Getränken und das „Ziehen der Arschkarte“, die sich von der in der Schiedsrichter-Gesäßtasche aufbewahrten roten Karte im Fußball herleitet. - Ein Wissensstand, der eigentlich nicht so schmeichelhaft für unser Land ist und leidige Pisa-Vorurteile bestätigt: Deutsche haben keine Ahnung von den Naturwissenschaften, jammern gerne und sind sehr versiert in punkto Freizeitgestaltung.
Die Hessen kommen
In dieser Hinsicht konnte man auch bei Kerner dazulernen. So war zu sehen, dass sich ein dünnes Papier von vier mal sechs Meter Länge ganze neunmal falten lässt - eine schöne Beschäftigung für regnerische Sommertage. Vor allem für gelangweilte Eltern, die mit der Familie Urlaub auf Helgoland machen, wo nur Kinder unter 14 Jahren Fahrrad fahren dürfen. Das steht allen Ernstes in der Straßenverkehrsordnung, die mit scharfem „S“ geschrieben wird, weil sie voller langer Vokale ist. - Es geht doch nichts über systematische Wissensvermittlung.
Wer von alldem 63 Prozent wusste, ist wahrscheinlich Referendar aus Hessen - die Schulamtsanwärter schnitten unter den im Studio anwesenden Berufsgruppen nämlich am besten ab - und die Hessen sind laut Mainzer Statistik ein besonders schlaues Völkchen. Ob sie männlich oder weiblich sind, ist gleichgültig, denn beide Geschlechter sind gleich schlau. Während es auf die Frage „Wie schlau ist Deutschland?“ nur eine Antwort gibt: etwas über 50 Prozent, wobei offen blieb, wie man diese Prozentzahl auf irgendeinen Intelligenzquotienten umrechnet.
Das ist aber auch egal, denn das Ergebnis ist grundsätzlich anzuzweifeln. Fußt es doch auf den Daten von Anrufern, die bereit waren, ihre zum Einlösen des Sendungstitels notwendigen Antworten dem ZDF kostenpflichtig übers Telefon (14 Cent/Minute) mitzuteilen. Dafür bekamen nicht einmal eine Handvoll Beteiligter nach dem Zufallsprinzip 5000 Euro geschenkt. Und man muss nicht besonders schlau sein, um zu erkennen, dass das vor allem für das ZDF ein gutes Geschäft ist. Deshalb werden die echten deutschen Schlaumeier wahrscheinlich gar nicht mitgemacht haben.
Uns Uwe
Charlotte Zengler (Zengler)
- 25.05.2007, 11:18 Uhr
Profitabel; Intelligenz = Wissen?
Niels Heidenreich (schoschie)
- 25.05.2007, 12:46 Uhr
Schlau?
Rolf-Michael Henkel (mhenkel)
- 25.05.2007, 14:07 Uhr