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Freitag, 17. Februar 2012
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FAZ.NET-Fernsehkritik Keine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad

05.09.2007 ·  Sandra Maischbergers Veteranentreffen offenbarte, dass unsere renitenten Alten vor allem eines sind: Männer. Dazu noch immer dieselben. Die FAZ.NET-Fernsehkritik über fünf „Menschen bei Maischberger“, die vor allem eines verband: ihr Seniorenstatus. Von Oliver Jungen.

Von Oliver Jungen
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Kommen jetzt also die Alten? Oder bleiben sie einfach nur da? Ein Medienflaneur, der am gestrigen Abend zwischen 22.45 Uhr und Mitternacht in der ARD vorüberspazierte, mag sich gedacht haben, hier werde - aus welcher Verlegenheit auch immer - die Wiederholung einer zwanzig Jahre alten Diskussionsrunde in den Äther geflunkert.

Auf dem Sofa lümmelte Rentensaurier Norbert Blüm neben Tatortsaurier Peter Sodann. Ein gewisser Heinz Klaus Mertes saß da, vor Urzeiten einmal Reporter und heute Produzent unter anderem von „Sparkassen-TV“. Zudem und auf den ersten Blick zu erkennen: Herbert Feuerstein, den Programmmacher seit Jahrzehnten sinnlos in alle möglichen Diskussionsrunden hineinsetzen wie man auch Blumenvasen in alle möglichen Ecken stellt, ohne groß darüber nachzudenken. Immerhin sagt Herr Feuerstein dann auch meist nicht viel mehr als eine Blumenvase. Vor allem aber schien ein urvertrautes Grimassengesicht aus der Vorzeit des Rundfunks von innen am Bildschirm festzukleben und allen Scheibenwischern gewachsen: dasjenige Dieter Hildebrandts.

Im Zeichen des Bioleks

Dieser Mumien-Auftrieb war - zumindest fernsehtechnisch - allerdings keine Wiederholung, sondern gebührenfinanzierte Unterhaltung unter dem im Abgang leicht tautologischen Titel „Von wegen altersmilde: Meckern, motzen, mosern!“ Was die fünf „Menschen bei Maischberger“ verband, war mithin ihr Seniorenstatus: ein so aufregendes Konzept, dass sich die Sendung damit aus der Sommerpause zurückzumelden wagte.

Ob der Einfall „Alterspyramide“ wenigstens Senioren vom Ohrensessel haut, wäre eine Erhebung wert. Schließlich sind die Gäste der meisten politischen Talkshows auch nicht jünger. Vielleicht hat das Thema auch damit zu tun, dass Sandra Maischberger im September 2003 nicht nur den Sendeplatz und den Großteil der Redaktion von Alfred Biolek übernommen hat, sondern die Sendung auch von Bioleks Firma Pro GmbH produziert wird: Hat der alte Fuchs aus dem Kochstudio vielleicht noch einmal den Boulevard gefegt für die Kumpel von dazumal?

Senilität als rhetorischer Kniff

Großer Bahnhof jedenfalls für den dauerwibbeligen Dieter Hildebrandt, mit achtzig Jahren schon alterstechnisch wieder einmal der Beste. Die Moderatorin brachte ihn eingangs mit einer Nachfrage zur Enthüllung seiner angeblich bewussten NSDAP-Mitgliedschaft in der Zeitschrift „Focus“ vor zwei Monaten auf Knopfdruck in jene Rage, die ihn schon in der letzten Zeit mehrfach zu großen Kalibern gegen die Presse hat greifen lassen. „Niederträchtig“ sei die Reportage gewesen: „schmutziger Journalismus“. Er jedenfalls habe nichts von dieser Mitgliedschaft gewusst, der Jahrgang 1927 - „ein resignierter Jahrgang“ - sei offenbar komplett übernommen worden, und es könnte allenfalls jemand die im Übrigen nicht vorhandene Unterschrift für ihn übernommen haben.

Peter Sodann und Herbert Feuerstein wollten offenbar besänftigend wirken und sagten beide etwas Unverständliches über einen möglichen, in vierzig Jahren zu enthüllenden FDJ-Eintritt respektive den mit der Hitlerjugend konfligierenden Sporthass des Siebenjährigen: Senilität als rhetorischer Kniff. Abgesehen von einem letzten Beißgefecht zwischen Hildebrandt und dem CSU-Mitglied Mertes, in dem der Kabarettist unterbrachte, das Publikum liebe ihn für „die Kunst der Pointe“, war das Thema damit auch erledigt.

„Dick und Doof“ und „Rampensau“

Es wurde anschließend ein Parteiwerbespot von 1976 eingeblendet, in dem Hildebrandt für Helmut Schmidt kasperte - und die Welt war wieder in Ordnung. In Ordnung: das heißt so langweilig, wie man sie aus dem öffentlich-rechtlichen politischen Kabarett kennt. Überhaupt war das inoffizielle Thema der Sendung der alle politischen Kategorisierungen überwölbende Ulk, für den nur der ernsthaft um die schutzlose Privatisierung besorgte Mertes keinen Sinn hatte.

Norbert Blüm und Peter Sodann dagegen begeben sich in Kürze als Schmunzelduo auf Tournee. Ein exklusiver Ausschnitt aus ihrem Kabarett-Programm zeigte, was dem Publikum bevorsteht: Ossi- und Rentenwitze zweier fiktiver Alter, die im Jahre 2027 unter Kanzler Josef Ackermann im Seniorenheim schmoren. Feuerstein machte ohne nähere Erläuterung Parallelen zu „Dick und Doof“ aus, der vordrängelnde Hildebrandt gab zu bedenken, die eigentliche „Rampensau“ sei aber er.

Zurück in der Wirklichkeit?

Anschließend redete Norbert Blüm - es war nicht ganz klar, ob man nun zurück in der Wirklichkeit war oder noch im fiktiven Altersheim der Zukunft - über die Rente, die zumindest halbwegs sicher sei und noch sicher wäre ohne die große, volksverdummende Manipulationskampagne von „Bild-Zeitung“ und „Allianz“-Versicherung. Hildebrandt erklärte die deutsche Miesepetrigkeit, die der Aufschwung nicht zu kurieren scheint: Die Leute verstünden eben nicht, wo das Geld herkomme (aus China nämlich), und daher sei ihnen auch nicht klar, wohin es wieder verschwinde. Nach China, ließe sich vermuten.

Bis auf den notorischen Widerspruchsgeist Mertes, ein veritabler Meckerer und Moserer, waren sich alle Gäste im Kölner Studio einig, dass ein Leben ohne den unmenschlichen Neoliberalismus lebenswerter sei. Dann aber schlug plötzlich doch noch die Stunde des renitenten Bayern, der das größte komödiantische und das größte sarkastische Talent zugleich bewies, indem er - den permanent zwischenfunkenden Hildebrandt überrumpelnd - ein Blutbad unter dem deutschen Afghanistan-Kontingent prognostizierte, auf das jener Genius Malignus namens Oskar Lafontaine nur warte, um sich endlich an die Macht zu putschen. Für eine Sekunde dünkte es alle Anwesenden sichtlich, der Alte spreche im Fieber. Hildebrandt, der fürchtete, in den Hintergrund abgedrängt zu werden, rettete die Situation: Er verweise nicht gerne auf Sätze, die er schon gesagt habe - müsse es aber doch tun. Der von seiner Wenigkeit vor fünfunddreißig Jahren geprägte Ausspruch lautete: „Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt“ und dieser Satz „war immer richtig“, allerdings: „man muss dagegen kämpfen, man muss Sieger bleiben.“

Letzter Tritt gegen Benjamin Blümchen

Und Sieger blieb er auch, der alterswilde Klassenclown. Ganz selbstverständlich knüpfte er sich denn auch die Abschlussfrage vor, ob denn nur die Alten meckerten. Hierauf hatte Dieter Hildebrandt die Antwort parat, die Jugend sei in der Tat „sehr zielgerichtet“, und zwar aus Angst vor dem Älterwerden angesichts schrumpfender Rente - ein letzter Tritt gegen Benjamin Blümchen zur Linken, der ihm mit seinem arbeiterklässlerischen Getröte als Einziger die Show hatte stehlen wollen.

Eine nicht ganz beiläufige Verzerrung in der Einladungspolitik kam nicht zur Sprache: die des Geschlechts. Der Grund ist möglicherweise nicht ein unterkomplex ausgebildeter Feminismus von Bioleks Produktionsfirma, sondern ein viel tieferer. Über die Zeile „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ lachen Kinder nämlich deshalb, weil Omas das für gewöhnlich nicht tun. Opas dagegen, das weiß man seit den alten Senatoren, geben hier erst richtig Gas.

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