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FAZ.NET-Fernsehkritik Keine Fragen mehr

04.09.2008 ·  Interaktiv und innovativ sollte sie sein, die neue N24-Sendung „Debatte 2.0“, bei der die Zuschauer Videofragen an Günther Beckstein stellen konnten. Spätestens nach fünf Minuten war aber klar: Mit der Publikumsbeteiligung meint es N24 nicht ernst. Das traf sich gut. Es wollte eh kaum jemand mitmachen.

Von Peer Schader
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Zuerst einmal gute Besserung an Peter Limbourg. Der Mann muss krank sein, im Bett liegen, womöglich mit Fieber. Die Doppelbelastung als N24-Chefredakteur und Moderator der Sat.1-Nachrichten scheint doch ein bisschen viel zu sein. Aber ganz so genau wissen wir das nicht. Eigentlich hätte Limbourg am späten Mittwochabend die neue N24-Sendung „Debatte 2.0“ moderieren sollen.

Auf N24.de hatte er sich zuvor in Trailern direkt an die Zuschauer gewandt: „Mit 'Debatte 2.0‘ gehen wir neue Wege. Bei uns stellen Sie die Fragen! Sie können zum Interviewer werden!“ Jeder, der schon immer mal mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein ins Gespräch kommen wollte, sollte seine Chance bekommen: Frage mit der Kamera aufnehmen, per Handy verschicken oder ins Internet bei Myvideo.de hochladen, fertig (http://www.myvideo.de/channel/debatte20).

TV-Bürgerstunde ohne großen Erkenntnisgewinn

Am Mittwoch saß Beckstein dann bei N24 im Studio und sah sich, dreieinhalb Wochen vor der Wahl in Bayern, ohne erkennbare Gefühlsregung die Fragen seiner Wähler an. War das wirklich notwendig mit dem Rauchverbot? Wie genau soll das mit der Pendlerpauschale funktionieren? Und wollen wir wirklich, um uns vor Terroristen zu schützen, eine permanente Datenüberwachung hinnehmen?

Limbourg war nicht da. Stattdessen moderierte der N24-Kollege Marc Jungnickel. Als Zuschauer hätte man schon gerne gewusst: warum? Jungnickel allerdings verzichtete auf eine Erklärung und konzentrierte sich ganz darauf, Beckstein durch die TV-Bürgerstunde zu lotsen ohne dabei einen allzu großen Erkenntnisgewinn zu provozieren.

Kaum einer wollte mitmachen

Die Auswahl der Zuschauerfragen, die als verpixelte Videos eingeblendet wurden, war, mit Verlaub, nicht besonders glücklich. Raucher, Linkspartei, Atomkraftwerke, Datenschutz - alles keine unwichtigen Themen. Aber Beckstein schaffte es, sich jedes Mal prima durchzufloskeln ohne auch nur einmal ins Schlingern zu kommen. Das lag weniger an seiner Redegewandtheit als daran, dass der Moderator ihn einfach gewähren ließ, auch als er minutenlang über die Linkspartei („Stasi, Mauer, Stacheldraht“) und den „desolaten Zustand“ der SPD zu schimpfen begann anstatt über die CSU zu sprechen.

Die ganz kritischen Themen blieben ausgespart: der Schlingerkurs in Bayern, mit dem das Führungsduo Beckstein und Huber in den vergangenen Monaten keinen glücklichen Eindruck machte - hat das wirklich keinen Zuschauer interessiert? Doch, schon. Aber niemand hat eine Frage dazu formuliert.

Wird die Mitmachbegeisterung überschätzt?

Es ist ein ehrenhaftes Anliegen von N24, ein neues Format etablieren zu wollen, in dem die Partizipation des Publikums gestärkt werden soll. Auf den vielen Medienkongressen, eben gerade wieder auf der Berliner Medienwoche, wird ja ständig darüber geredet, dass die Zeit vorbei sei, in der das Fernsehen ein Medium war, das sendete, ohne von seinen Zuschauern etwas empfangen zu müssen.

Da ist es nur konsequent, das Publikum nun zum Mitmachen zu animieren. Womöglich ist die Mitmachbegeisterung der Zuschauer vor dem Fernseher aber drastisch überschätzt worden: 12 Nutzer - in Worten: zwölf! - haben in den vergangenen Wochen eine Frage für „Debatte 2.0“ bei Myvideo.de eingestellt. Damit ließe sich gerade mal so ein halbes Stündchen füllen, wenn die Fragen alle brauchbar wären.

Beckstein hatte keine Antworten für die Zuschauer

N24 wird froh gewesen sein, dass vorher noch ein Kamerateam im Biergarten unterwegs war, um ein paar Alternativfragen aufzunehmen. Bei der ersten Frage ging alles schief. So sehr die Idee zu „Debatte 2.0“ auch einleuchtet - die Ausführung am Mittwoch war mangelhaft. Debatte gab es natürlich keine, dafür hätte man die Zuschauer mit ihren Fragen schon ganz altmodisch ins Studio einladen müssen (was deutlich spannender gewesen wäre).

So wurden lediglich die wenige Sekunden dauernden Videoclips mit Hintergrundrauschen gezeigt - ohne Namen, ohne Alter, ohne Herkunft der Fragensteller - und Beckstein lieferte simple Statements, die schon zig mal zu hören waren. Antworten für die Zuschauer hatte er keine.

Schon bei der ersten Frage ging alles schief

Eine junge Frau erkundigte sich, weil Ausländer jetzt einen Einbürgerungstest machen müssen, wenn sie die deutsche Staatsangehörigkeit haben wollen, ob Beckstein selbst denn wisse, was Willy Brandt mit seinem Kniefall in Warschau zum Ausdruck bringen wollte. Und Beckstein redete drauf los, über Sinn und Zweck des Tests, über Gott und die Welt, aber er beantwortete die Frage nicht: Was wollte Willy Brandt?

Ein guter Moderator, noch dazu einer, der eine Sendung leitet, in der es um Zuschauerfragen geht, wäre eingeschritten und hätte die Frage wiederholt. Jungnickel machte weiter im Programm. Spätestens nach fünf Minuten war klar: Mit der Zuschauerbeteiligung meint es N24 nicht ernst. Und dass die junge Frau, die diese verhältnismäßig ungewöhnliche Frage gestellt hatte, eine andere war als die, die bei Myvideo exakt die gleiche Frage gestellt hatte, lässt zumindest den Verdacht aufkommen, dass es da nicht ganz mit rechten Dingen zugegangen ist. Was für eine traurige Angelegenheit.

Keine Herausforderung für den Gast

Dass „Debatte 2.0“ allenfalls die Light-Version eines der unzähligen Sommerinterviews war, die wir in den vergangenen Wochen bei ARD und ZDF gesehen haben (bei N24 übrigens auch, mit Peter Limbourg), ist eine ziemliche Enttäuschung. Vielleicht war der reglose Beckstein - trotz Bayern-Wahl - der falsche Premierengast. Warum die Sendung, veranstaltet von einem privaten Nachrichtenkanal, aber so gar keinen Pepp hat und keine Herausforderung für ihren Gast ist, das lässt sich nicht so einfach nachvollziehen.

Es sei denn, man wollte unterstellen, bei N24 hätten sie eh kein Interesse daran, ein Fernsehen zu machen, dass sich positiv von ARD und ZDF abheben könnte. Dass ausgerechnet die sonst so innovationsgehemmte ARD vor genau einem Jahr schon eine solche Internetsprechstunde für Bürger im „Morgenmagazin“ ausprobiert hatte und gleich mehrere Politiker antworten ließ, muss den N24-Kollegen entgangen sein als sie sich rühmten, den „ersten interaktiven TV-Talk“ zu veranstalten.

Ruhmvoll allerdings war daran nichts. Und interaktiv schon gar nicht. Immerhin: Das passt ins Programm. In den anschließenden Nachrichten um 0 Uhr erzählte Hans-Hermann Gockel: „Kurt Beck, der Chef der SPD, ist momentan nicht zu beneiden“ - während im Hintergrund Frank-Walter Steinmeier eingeblendet wurde. Tagesgeschäft bei N24.

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