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FAZ.NET-Fernsehkritik In Badelatschen zum Millionär

 ·  Pro Sieben muss wieder zahlen: In einer fünf Stunden langen Liveshow holte sich Kandidat Peter aus Herne den Sieg bei „Schlag den Raab“ und knackte den Jackpot. Der zum zweiten Mal unterlegene Stefan Raab kann sich dennoch ruhigen Gewissens in die Sommerpause verabschieden. Von Peer Schader.

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Samstagabend, halb zehn im deutschen Fernsehen: Bei RTL wird um die Wette getanzt, im Ersten läuft die Versteckte Kamera und Sat.1 zeigt einen alten amerikanischen Thriller. Auf Pro Sieben aber stehen zwei erwachsene Männer in farbigen Bademänteln und Badelatschen an einer improvisierten Minigolfbahn im Freien und versuchen vor Publikum, mit möglichst wenig Schlägen einzulochen, während rundherum in der Dämmerung Kameramänner durch den Wald hopsen und sie dabei ins Visier nehmen. Ein Versehen?

Ach was! So sieht große Samstagabendunterhaltung aus. Die Männer atmen schwer, weil sie gerade vom Kajakfahren kommen und in anderthalb Minuten einen Parcours mit Bojen, Windmaschine und künstlicher Strömung absolvieren mussten, der nebenan im Waldbad Dünnwald nahe Köln installiert wurden. Nach dem Minigolfen geht es zurück ins Wasser fürs Wettschwimmen. Und dann in der Werbepause eilig mit dem Hubschrauber zurück ins Studio, immer noch im Bademantel.

Kindergeburtstag und „Spiel ohne Grenzen“

Wer es nicht selber gesehen hat, mag kaum glauben, was Stefan Raab da inzwischen alle paar Wochen bei Pro Sieben veranstaltet. Seine Marathonshow „Schlag den Raab“ ist eine Mischung aus Bundesjugendspielen, Kindergeburtstag und „Spiel ohne Grenzen“. Für den Kandidaten geht es um viel Geld - und für Raab naturgemäß um die Ehre. Am Samstagabend trug die wieder mittelschwere Blessuren davon: in der fünften Ausgabe unterlag Raab diesmal klar seinem von den Zuschauern ausgewählten Herausforderer, dem 39-jährigen Orthopäden Peter aus Herne im Ruhrgebiet.

Und nebenbei stellte Pro Sieben vermutlich den Rekord für die längste Liveshow auf, die es je im deutschen Privatfernsehen gegeben hat. Erst um viertel nach eins, also nach ziemlich genau fünf Stunden, knackte Kandidat Peter den Jackpot und ist nun um eine Million reicher. Bis zur letzten Minute hatte er sich mit Raab ein hartes Gefecht um die Punkte geliefert, als es im letzten Spiel darum ging, das gesuchte Jahr zu erraten. Beim Hinweis „Bob Beamon stellt mit 8,90 Metern seinen Fabelweltrekord im Weitsprung auf“ wusste Peter: 1968. Eine Minute später hatte er schon die Geldkoffer in der einen und seine mitgereisten Schwestern, die aus dem Publikum auf die Bühne gestürmt waren, in der anderen Hand.

Comeback um halb eins

„Spannender als heute war es bisher nie“, gratulierte Raab dem Gewinner nachher. Erstmals in der Geschichte der Show lag ein Kandidat den ganzen Abend über nach Punkten vor Raab. Der war zwar im Kajakfahren schneller, nachher ließ ihm der Herausforderer aber sowohl beim Minigolfen als auch beim Schwimmen und später im Studio beim Ratespiel „Führerscheinprüfung“ und beim Roulette keine Chance mehr.

Nicht jedenfalls bis es halb eins war, für Raab offenbar genau die richtige Zeit für ein Comeback. Peter hatte die Million fast schon in der Tasche, hätte nur noch das Spiel „Wo liegt was?“ gewinnen müssen, bei dem wie im Erdkundeunterricht auf einer Weltkarte gesuchte Orte eingetragen werden mussten. Doch der Pro-Sieben-Entertainer war einen Tick besser. Und auch das endlos dauernde Holzturm-Spiel im Anschluss hätte den Sieg bringen können: Abwechselnd sollten Blöcke aus einem etwa zwei Meter hohen Turm herausgelöst werden, ohne dass der umkippen durfte. Das entpuppte sich nicht nur für die Kandidaten zur Geduldsprobe. Und Raab siegte wieder.

Dabei hatte er sich schon davor etliche Male von Peter verabschiedet, weil der Sieg immer so nah war: „Jetzt schon mal meinen Respekt!“ Peter gab die Freundlichkeiten zurück: „Du warst ein guter Gastgeber“. Erst nach dem vierzehnten von fünfzehn vorgesehen Spielen war es dann aber wirklich Zeit für die Verabschiedung. „Was ich mit dem Geld mache, weiß ich noch nicht so genau. Aber meine Frau, meine Kinder und meine fünf Geschwister haben schon Wünsche angemeldet“, hatte der Orthopäde im Einspieler zu Beginn der Show noch gescherzt.

„Nein!“, „Mann!“, „Mist!“

Raab kann sich dennoch ruhigen Gewissens in die Sommerpause verabschieden: Seine TV-Marathon ist zwar keine Quotensensation, funktioniert für Pro Sieben aber prächtig: Diesmal sahen 3,4 Millionen Zuschauer ab 3 Jahren zu, der Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen lag bei fantastischen 31,4 Prozent. Dazu ist „Schlag den Raab“ eine logistische Meisterleistung: In welcher anderen Show werden die Kandidaten samt Moderator nach einer Stunde aus dem Studio geflogen, um in einem Freibad weiter zu kämpfen? Der Vergleich mit „Wetten dass...?“ ist sicher etwas hoch gegriffen - aber zumindest den Außenwetten der Kollegen vom ZDF steht Pro Sieben in nichts mehr nach.

All das hält Stefan Raab natürlich nicht davon ab, trotzdem zu schimpfen wie ein beleidigter Viertklässler, wenn sich bei Spielen für ihn eine Niederlage abzeichnet: „Nein!“, „Mann!“, „Mist!“ und „Das gibt's doch gar nicht!“ sind in solchen Fällen seine beliebtesten Flüche. Aber auch wenn er nun bereits zwei von fünfs Shows (und Pro Sieben eine ganze Menge Geld) verloren hat: Keinem anderen im deutschen Fernsehen würde man zutrauen, alle paar Wochen eine solche Herkulesaufgabe zu meistern.

So geheim sind die Spiele nicht

Da ist es auch nicht weiter schlimm, dass das Märchen von Raab und den Kandidaten, die angeblich nichts von den auf sie zukommenden Spielen wüssten, am Samstagabend als solches enttarnt wurde. Spielanwärterin Annelie, die sich im Beitrag zuvor als Profischwimmerin vorgestellt hatte, nachher aber von den Zuschauern nicht gewählt wurde, drohte Raab im Studio damit, ihn beim Schwimmen nachher alt aussehen zu lassen: „Fett schwimmt zwar oben, aber Fett schwiummt nicht schnell.“ Moderator Opdenhövel beeilte sich schleunigst, zu beschwichtigen: „Was wir da machen, das weiß kein Mensch.“

Das ist vielleicht nicht ganz die Wahrheit - eigentlich aber auch völlig egal: „Schlag den Raab“ funktioniert als Live-Wettkampf. Dass Raab sich vorher darauf nicht vorbereitet, nimmt man ihm gerne weiter ab, weil die Show von der spontanen Herausforderung lebt. Und dopen werde er auf keinen Fall: „Ich habe bloß zwei Mettbrötchen zu mir genommen, kein Scherz.“

„Tschüß, und schönes Frühstück noch“, verabschiedete Opdenhövel die Zuschauer am Ende in die Nacht. Im September läuft „Schlag den Raab“ zum sechsten Mal, bis August pausiert auch „TV total“. Da hat Raab ja lange genug Zeit, sich zu regenerieren.

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