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FAZ.NET-Fernsehkritik Im Talkshow-Kaufhaus

07.04.2008 ·  Mit der Mitarbeiter-Bespitzelung bei der Lebensmittelkette Lidl fing sie an, mit Leiharbeit und Vollbeschäftigung hörte die Talkshow von Anne Will am Sonntag auf. Dazwischen rafften ihre Gäste zusammen, was sie am Talkshow-Wühltisch zu fassen bekamen.

Von Michael Hanfeld
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Das Ende der Talkshow an und für sich kann man ja fast jeden Abend beschwören, wenn man den Kasten endlich, in der Regel viel zu spät, abschaltet. Schon wieder nix, nur sinnloses Gerede, Ringelpietz mit Anfassen, perfekt moderierte Abwesenheit von Sinnfälligkeiten. Und beim nächsten Mal schalten wir doch wieder ein, wenn wir Anne Will sagen hören, wie sehr sie sich darüber freut, dass wir wieder mal das Erste eingeschaltet haben.

Und dann sagen die üblichen Verdächtigen wieder die Binsenweisheiten auf, die uns auch selbst eingefallen wären. Wohl dem, der als Experte gilt, irgendeinen Verband vertritt oder ein politisches Amt bekleidet - der weiß wenigstens, wie er seinen Sonntagabend verbringt. Nämlich im Zweifelsfall im Studio vor der Kamera und nicht dahinter, vor dem Bildschirm. Als Akteur lässt sich der Zirkus immer noch am besten ertragen.

Dieses Mal war es bei Anne Will besonders quälend

Wobei es am Sonntag - auch auf die Gefahr hin, dass wir uns an dieser Stelle wiederholen oder bei nächster Gelegenheit selbst widerlegen - besonders quälend war bei und mit Anne Will. Ihre Talkshow begann bei den Überwachungsmaßnahmen, mit denen der Konzern Lidl seinen Mitarbeitern auf den Leib gerückt ist, und sie endete mit Abhandlungen über Vollbeschäftigung und Leiharbeit. Und dieses Mal saßen gleich zwei Menschen auf dem Betroffenheits-Sofa. Wahrscheinlich haben wir die zu „Big Brother“ passende Talkshow jetzt endlich gefunden.

Worum es in der Sendung allerdings wirklich ging, das haben wir bis zum Ende und darüber hinaus nicht herausgekriegt. Ging es darum, den Bundeswirtschaftsminister zu fragen, was er von den Lidl-Methoden hält? Die findet Michael Glos natürlich nicht so gut, aber was soll er auf die Frage sagen, ob Lidl ein gutes Unternehmen ist, außer: „Das weiß ich nicht, ich hab noch nicht oft bei Lidl eingekauft.“ Und, dass man an Lidl nicht alle deutschen Unternehmen messen und die Besserung der Lage am Arbeitsmarkt nicht kaputtreden solle. Was ganz nett, aber sonst nichts war.

Ging es darum, Lafontaine Wahlkampf machen zu lassen?

Oder ging es bei Anne Will darum, Oskar Lafontaine ein bisschen Wahlkampf machen und Sätze formen zu lassen, in denen immer wieder von „wir“ die Rede war, ohne dass er seine Linkspartei genannt hätte, oder von „meiner Heimat“, was gleich so etwas Bergmannkumpeliges hatte? Von einer „Verwüstung des Arbeitsmarktes“ sprach der ehemalige Superminister noch und vom Recht auf gleichen Lohn bei gleicher Arbeit. Was zu erwarten war.

Vielleicht ging es Anne Will aber auch darum, den Journalisten Günter Wallraff, der in den Talkshows derzeit ein großes Comeback erlebt und sich bei Illner, Plasberg und Will die Klinke in die Hand gibt, auf die Recherchen zu seinem Buch beziehungsweise Film hinweisen zu lassen, in dem es um die bundesdeutsche Arbeitswirklichkeit im Niedriglohnsektor geht. Was wir bei anderer Gelegenheit aber schon gehört und gesehen haben.

Oder aber es ging darum, mit dem Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl jemanden in die Sendung einzuladen, auf den man wenigstens die Kamera richten konnte, wenn es um das Verhalten von Lidl ging - einer Firma, mit der Wöhrl gar nichts zu tun hat? Wenn man unter den gegebenen Vorzeichen eine solche Einladung in eine solche Talkshow bekommt, kann man eigentlich nur verlieren. Man macht nicht einmal eine gute Figur, wenn man, wie Wöhrl, darauf hinweisen will, dass sich die Journalisten doch auch einmal auf die vielen positiven Nachrichten aus der deutschen Wirtschaft stürzen könnten. Ja, ja, sagte da Anne Will, man wolle hier ja niemanden als Schuldigen hinstellen, sondern „etwas lernen“. Was zu lernen aber gab es bei ihr nun mal leider ganz und gar nicht.

Aus der Lidl-Geschichte lernen

Denn wenn man aus der Lidl-Geschichte etwas lernen wollte, dann müsste man die Sache doch vielleicht etwas anders anpacken. Dann würde man sich nicht mit einem vorher aufgezeichneten Interview mit einem Lidl-Vorstand zufrieden geben, der ganz leger mit offenem Hemdkragen einen auf Verdi-Funktionär macht und die Sache als bedauerlichen Einzelfall abtut. Dann würde man sich auch nicht einen Minister und einen Linkspopulisten einladen, die zum Thema nichts, aber auch gar nichts beitragen können.

Man würde vielmehr die Frage nach dem stellen, was da eigentlich passiert. Das Thema würde nicht generalisierend „Bespitzelt, ausgeliehen, unterbezahlt - Vollbeschäftigung um jeden Preis“ heißen, sondern man würde zunächst einmal der Frage nachgehen, ob das, was bei Lidl aufflog, tatsächlich ein Einzelfall ist oder nicht. Oder wir uns nicht selbst als Laien sofort an die Geschichten von mindestens seltsamer Mitarbeiter-Behandlung in den Schlecker-Märkten erinnern können?

Dann würde man sich überlegen, was an der Zahl von 80 Millionen Euro dran ist, die Lidl pro Jahr durch Diebstähle in den Filialen verliert, davon vierzig Prozent angeblich begangen von den Mitarbeitern. Ist da was dran oder nicht? Was steckt dahinter? Was hat es zu bedeuten, wie kann man es ändern? Was hat es mit dem Phänomen auf sich, dass am Arbeitsplatz Dinge verschwinden und doch niemand sich als Dieb vorkommt? Wie sehr kann ein fruchtbares Miteinander von Betriebsrat und Unternehmensleitung daran etwas ändern? Und wie entrechtet oder nicht sind die Arbeitnehmer und wie verantwortungsbewusst sind die Unternehmer heute?

„Wir sind wirklich ganz gespannt auf ihre Recherchen“

Darüber könnte man sprechen, am besten mit Leuten, die etwas davon verstehen und Lust haben, sich ganz konkret damit auseinanderzusetzen. Doch so etwas gibt es bei Anne Will leider nicht. Vor dieser Sendung musste sich am Sonntag nur eine(r) fürchten und der beziehungsweise die war gar nicht da - die SPD. Die vermeintliche Volkspartei von Kurt Beck war in diesem bunt zusammengewürfelten Kreis nicht vertreten. Um echte Antipoden aufzubieten, braucht es heutzutage offenbar nur die CSU und die Linke, zu welchem Thema auch immer.

Ja, sagte Anne Will zum Schluss zu Wallraff, „wir sind wirklich ganz gespannt auf ihre Recherchen“. Vielleicht sollte ihre Redaktion davon bei Gelegenheit auch ein paar unternehmen, zu welchem Thema auch immer.

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