01.03.2008 · Sat.1 sucht einen Star für das Musical „Ich Tarzan, Du Jane!“ von Phil Collins. In der ersten Casting-Runde wurde gepfiffen, gegurgelt und gelallt und - manchmal - auch gesungen. Die Jury trägt es mit Fassung. Ob es hier tatsächlich um die Musik gehen soll?
Von Michael HanfeldWer hat die Musik zu „Ich Tarzan, Du Jane!“ geschrieben. Tokio Hotel oder Phil Collins? Schwierige Frage, könnte glatt von Günther Jauch sein. Dreitausend Euro gab es zu gewinnen. Wenn man die erste Casting-Show zu dem Musical, die gestern Abend bei Sat.1 lief, nicht im völligen Dämmerzustand hinter sich brachte, durfte man über die Scherzfrage sogar lächeln. Kann es sein, dass der Sänger von Tokio Hotel eine Glatze bekommen hat? Oder wer ist der ältere Herr mit Fistelstimme, der ab und an eingeblendet wurde? Nein, es war nicht Hugo Egon Balder. Der musste nicht singen, sondern nur moderieren.
Mit „Ich Tarzan, Du Jane!“ liefert Sat.1 eine familienfreundliche Version von „Deutschland sucht den Superstar“ ab. Es ist das gleiche Spektakel, der gleiche Sängerreigen, die gleich Juryprozedur. Mit dem Unterschied, dass Sat.1 auf einen professionell bärbeißigen Unterhaltungstrottel wie Dieter Bohlen verzichtet, auf den die große Casting-Show von RTL vollkommen abgestellt ist. Bei Sat.1 sehen wir drei leidlich verträgliche Gestalten die Kandidaten benoten: Die anmutige „Musical-Ikone“ Pia Douwes, der trockene Musical-Manager Michael Hildebrandt und der agile Sänger und „Casting-Profi“ Ralf Schaedler geben ihre Kommentare ab.
Der Casting-Treck zieht weiter
Die drei bilden kein Trio Infernale und bereiten auch nicht auf den nachfolgenden Comedy-Quatsch namens „Die dreisten Drei“ vor. Sie urteilen im Zweifel eher menschenfreundlich; erst wenn ihnen Menschen gegenübertreten, die gar nicht singen können, reißt ihnen die Hutschnur. Dabei sehen wir Möchtegern-Musical-Stars dabei zu, wie sie pfeifen, gurgeln, summen, säuseln, lallen aber - eben nicht singen. Das Gros der Gescheiterten enthält uns Sat.1 erfreulicherweise vor oder handelt es im Schnelldurchlauf ab, das ist noch immer peinlich genug. Und Lektionen über die Differenz zwischen Selbstbild und Fremdwahrnehmung brauchen wir inzwischen ja auch nicht mehr, das Fernsehen führt uns allabendlich Freaks vor, die sich für Superstars halten.
Fünfzig Minuten der ersten Casting-Stunde jedoch gehört dem halben Dutzend junger Frauen und Männer, die tatsächlich singen können und von denen man vielleicht sogar erwarten kann, dass sie auf der Bühne nicht von der Liane rutschen. Wobei nervtötenderweise jeder ein Label aufgedrückt bekommt und typisiert wird - die Diva, der Herzensbrecher, die Unschuld vom Lande, der Außenseiter - als ob es nicht auch ohne ginge. Ohne dauernde halberotische Anspielungen geht es offenbar auch nicht, so dass es scheinen soll, als ob der Jurorin Pia Douwes ob der entblößten Jungmännerbrüste - sie sollen ja schließlich Tarzan spielen - blümerant würde. Oder der Juror Michael Hildebrandt sich an einer Kandidatin gar nicht sattsehen kann, nach dem Motto: „Was interessiert mich die Singerei?“
Genau, was interessiert mich die Singerei. Bislang interessiert die noch eher wenig, solange Kandidatinnen dabei sind, denen man ansieht, dass für die Liane auf der Bühne ein Stahlseil sein müsste und die sich wundern, wie schnell sie wieder draußen sind: „Ich musste gar nicht mal singen. Das war leicht.“ Oder Kandidaten, die frei von der Leber weg knödeln wie einst Hape Kerkeling in seinem legendären „Hurrz“-Sketch. „Die Tarzans wachsen nicht auf der Bühne, die Janes fallen nicht von Himmel“, sagt Hugo Egon Balder zum Schluss und spricht eine große Wahrheit gelassen aus. Der Casting-Treck zieht weiter. Wir hoffen nur, dass der gebrochene Fuß der blonden Melanie, die trotzdem weiterkam, bis zum ersten Tanz-Test ausgeheilt ist.