Als wäre der Titel der Sendung nicht schon Superlativ genug, kündigte die außerhalb der Show wenig bekannte Tooske Ragas, eine blonde Holländerin im Abendkleid mit tiefem Ausschnitt, „das größte Duell des Jahres“ an. Bei RTL fing allerdings nicht die Live-Übertragung eines Box-Kampfes an, sondern das Finale von „Deutschland sucht den Superstar“. Es sollten nur Tränen fließen.
Marco Schreyl, der männliche und professionelle Part des Moderatorengespanns, legte nach. „Morgen werden alle von DSDS sprechen, die Nachbarn, die Freunde, wirklich jedermann. Über keine Show wird so viel geredet.“ Der Vorhang ging auf, „Carmina Burana“ trug die beiden Finalisten auf die Bühne, über ihnen ein Studio-Feuerwerk. RTL wollte es zum Schluss noch einmal wissen. Aber nicht jeder Nachbar, wirklich nicht jedermann.
Offenbacher Herzlichkeit
Dreieinhalb Stunden später war es dann geschafft. Deutschland hat einen neuen Superstar: Mark Medlock aus Offenbach. Bohlens Liebling hat die vierte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ gewonnen. Er war eindeutig der Favorit der Zuschauer. 78 Prozent haben ihn gewählt. Der erst 16 Jahre alte Martin Stosch hatte keine Chance. Deutschlands Schulmädchen werden lange heulen.
Was soll man sagen? Mark Medlock ist ein verrückter, verdammt sympathischer Typ. Er hat Charme, ist schwul, bewegt sich cool und redet Offenbacherisch - eine derbe Abart des Hessischen. Seine Fans liebkost er mit „Ihr Dreggsegg“ (“Drecksäcke“), seine Nervosität beschreibt er mit Sätzen wie „Mir geht der Arsch auf Grundeis“. Seine Antwort, wie er sich denn nach dem Sieg so fühle, war nicht mehr jugendfrei. Sein Dank an die Zuschauer hört sich - und er meint es herzlich - so an: „Ich lieb' euch alle, ihr Arschgeigen!“
Medlocks Schicksal, innerhalb von ein paar Jahren kurz nacheinander seine Mutter und seinen Vater verloren zu haben, rührt jedermann. Bewusst genutzt hat er es allerdings nie, um Wähler zu mobilisieren. Eher nervten die Moderatoren damit, dass sie ihn immer wieder darauf ansprachen. Als wäre das alles nicht genug biografische Berechtigung für den Lebenslauf eines Aufsteigers, ist Deutschlands Superstar auch noch Hartz-IV-Empfänger. Er sang „um sein Leben“. Wenn man ihn so gesehen hat bei DSDS, glaubt man es ihm auch.
Zuschauer ohne Kompetenz
Das Konzept, die Zuschauer über das Weiterkommen der Kandidaten entscheiden zu lassen, hatte während der Staffel seltsame Auswirkungen. Es musste spätestens in Frage gestellt werden, als Franziska Urio rausgewählt wurde. Nicht nur in Gesang, sondern auch in Performance und Ausstrahlung auf der Bühne war sie den meisten deutlich überlegen. Selbst die Jury war damals geschockt. Dieter Bohlen forderte danach explizit die Zuschauer auf, nicht noch einmal so einen Fehler zu machen.
Das Urteil der Jury zu überlassen, wie es durchaus in anderen Shows praktiziert wird, kann für RTL nicht in Frage kommen. Die Einnahmen durch anrufende Teenies, die das Guthaben ihrer Prepaid-Handys abtelefonieren, um ihr blauäugiges Idol Martin Stosch zu wählen oder treue Medlock-Fans, die ihren Mark nicht mehr in die „Hölle“ seines Offenbacher Hochhauses zurücklassen gehen wollten und ihm durch ihre Anrufe zum Sieg verhalfen, bringen RTL Millionen Euro.
Im Viertelfinale hatten alle Rockfans mit ihren Anrufen für Max Buskohl schlecht investiert. Independent-Max verließ die Show auf eigenen Wunsch, die Bild-Zeitung wollte wissen, das RTL ihn gefeuert habe. Egal, wer die richtige Meinung bildet: Max Buskohl hat jetzt schon maximalen Erfolg: Neben Stosch oder Medlock wurde vor allem er vor dem Finale interviewt; als der eigenwillige Rocker aus Berlin, der mit seiner Band ohne Bohlens Durchschnitts-Pop seinen Weg gehen wird. Es könnte gut sein, dass aus ihm irgendwann ein Superstar wird - ohne RTL-Prädikat.
Singen für den Schulhof
RTL hatte schon vor dem Finale angekündigt, auch eine fünfte Staffel produzieren zu wollen. Bei dieser vierten Staffel ist es dem Sender mit Unterstützung der Boulevard-Medien noch einmal gelungen, dass sich DSDS für eine gewisse Zeit in den Köpfen der Jugendlichen festgesetzt hat. Schüler reden in der Pause darüber, in jeder Jugendgazette ist der Kampf um den Gesangswettbewerb ein Thema, in etlichen Internet-Foren wird heiß diskutiert. Für diese Zielgruppe greift das Konzept anscheinend.
Doch mittlerweile stellt sich die Frage, ob bei der fünften Staffel der inszenierte Hype wieder auf dem Schulhof ausbrechen wird und „Deutschland sucht den Superstar“ nicht an seine Grenzen gestoßen ist. RTL wird zukünftig ein Problem haben, wie jeder Sender, der ein ähnliches Format erfolgreich eingeführt hat. Sie müssen potentielle Superstars anpreisen, wo doch die erwachsenen Zuschauer längst wissen, dass die Staffelsieger eigentlich nur Tagessieger sind, die den großen Durchbruch nicht schaffen werden.
Superstar in der Planwirtschaft
Denn bisher konnten die Gewinner der ersten drei Staffeln Alexander Klaws, Elli Erl und Tobias Regner zwar einiges mit ihrem Superstar-Status verdienen, auch konnten sie - bis auf Erl - jeweils einmal auf Platz 1 der Charts stürmen, doch ein Superstar waren und wurden sie nie.
RTL sollte einsehen, dass man einen Superstar ebenso wenig voraussagen kann wie einen Blockbuster im Kino oder ein Mega-Event-Movie im Fernsehen. Jedenfalls nicht in Deutschland. In Amerika funktioniert das Showbusiness mehr planwirtschaftlich. Britney Spears, Justin Timberlake und andere Popstars haben Talentwettbewerbe gewonnen und sind danach in der Tat zum Superstar geworden.
Für Mark Medlock ist es bis dahin noch ein weiter Weg. Er wird erst einmal sein bisheriges Leben in Offenbach verlassen. Seine Karriere startet mit dem Song „Now or Never“, den Jurymitglied Dieter Bohlen für ihn produziert hat. Ein wirklicher Mega-Super-Star hatte vor knapp fünfzig Jahren auch einen Hit mit diesem Titel. Er hieß Elvis. Und war der King of Rock 'n' Roll.
Aus Mist wir Geld.
Heinrich Rieler (HeinrichRieler)
- 06.05.2007, 14:22 Uhr
Na endlich...
Michael Schultz (Offensichtlich)
- 06.05.2007, 15:02 Uhr
Niveau... das ist doch eine Handcrème, nicht!?
Michael Schultz (Offensichtlich)
- 06.05.2007, 17:14 Uhr
"Die Vergessenen"
Holger van Tran (Gilmour)
- 06.05.2007, 19:32 Uhr
Warum macht RTL nur Prozentangaben?
Herbert Vogel (anhalter)
- 06.05.2007, 21:43 Uhr