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FAZ.NET-Fernsehkritik: Helge Schneider Man muss sich den Schafen anpassen

Die zweite Runde von „Helge hat Zeit“ ist noch keine Spitzenunterhaltung, aber souverän, amüsant und auf kauzig verdrehte Helge-Schneider-Art subversiv.

© WDR/Oliver Heisch Vergrößern „Wir fangen noch mal von vorne an“: Helge Schneider

Einmarsch des Clowns: Helge Schneider betritt das improvisierte Studio, den Kölner Stadtgarten, und – gähnt. Dann spielt er kurz die Orgel an, zögert und tut kund, so sei das nicht geplant gewesen. Er habe jetzt eigentlich mit dem ersten Gast gerechnet. Die Lösung: „Wir fangen noch mal von vorne an.“ Der Gastgeber also verlässt das Studio und betritt es abermals, diesmal zusammen mit der Puppenspielerin Suse Wächter, die als wandelbarer Sidekick mehrere Einlagen im Laufe der Sendung hat, die lustigste davon als zombiehafter Udo Lindenberg (schön besoffen genäselt von Helge Schneider).

Mag die Idee mit dem wiederholten Entree nicht eben neu sein, hier passte sie bestens, denn es handelte sich um die zweite Runde der Late-Night-Show des talentierten Allround-Verweigerers. Und tatsächlich wirkt es, als habe der Komiker nach der zum Gähnen langweiligen Fremdschäm-Premiere von „Helge hat Zeit“ im vergangenen Oktober einmal sein Haar geschüttelt, die Szenerie verlassen und nun abermals betreten. Wenn es auch immer noch keine Sternstunde des Fernsehens war, was hier zu später Stunde im WDR geboten wurde, so darf man doch sagen: Helge Schneider hat die zweite Chance genutzt. Sehr viel souveräner und unangestrengter wirkte er diesmal. Es gab sogar eine Art Sendungskonzept, das man einfach „Köln“ nennen könnte. Oder wie es der Gastgeber nannte: „Menschen und Tiere“.

Köln, der Humor-Tumor

Es ist ja tatsächlich verwunderlich, welche (verheerende) Bedeutung Köln auch im televisionären Massenhumor zukommt. Von Anke Engelke über Stefan Raab, Hella von Sinnen, Dirk Bach selig, Annette Frier und Oliver Pocher bis zu Harald Schmidt – alle feuern ihre Witze von der Tataa-Tataa-Tataa-Metropole aus in den Äther. Letzterer hat bekanntlich mit seinem Wechsel vom Privat- zum Privatestfernsehen die Stelle des systeminternen Spaßinquisitors freigemacht, auf die sich nun Hape Kerkeling, auch ein gefühlter Kölner, oder eben Helge Schneider bewerben könnten.

Helge hat Zeit © WDR/Melanie Grande Vergrößern Hans Süper, seines Zeichens „Karnevalslegende“

In dieser Hinsicht hat der Prophet der „Akopalüze“, der letztlich nur die Musik gelten lässt, jetzt ganz gut vorgelegt. Der erste Gast (nach der Puppenspielerin) war Hans Süper, seines Zeichens „Karnevalslegende“. Süper hat einst ganze Narrenherden in Lachohnmachten gestürzt, indem er seinen fülligen „Colonia Duett“-Partner „Du Ei“ nannte. Das war seine Nummer, jahrelang. Dezent erinnerte sein Auftritt hier also daran, dass es in dieser Stadt locker noch ganze Dimensionen tiefer geht als Fernseh-Comedy. Köln, der Humor-Tumor.

Ein Brüller fällt ins Klo

Was den Kölner Karnevalisten an sich auszeichnet, ist eine Selbstverliebtheit, die fast schon wieder rührend wirkt: Unvorstellbar ist es für einen Büttenredner, dass jemand nicht über die Witze lacht, sondern über die Witzfigur da vorne. Hans Süper, der Helge Schneider in diesem Sinne für einen Mitverschwörer hielt, hatte zwei, drei mühsam ausgedachte Gags im Gepäck. So feucht sei es in seinem Keller, dass er letztens – da lacht er selbst schon los – einen Fisch in der Rattenfalle hatte. Helge, ohne im mindesten zu grinsen: „Das gibt’s doch nicht. Das darf ja wohl nicht wahr sein.“ Das war offensichtlich nicht die erwartete Reaktion.

Noch härter wirkte das Auflaufenlassen bei der sichtlich als Brüller konzipierten Geschichte von der Oma in der Straßenbahn, deren Stock am Boden tockt. Ein Junge habe ihr gesagt: „Du musst mal unter den Stock ein Gummi machen, damit das leiser ist.“ Darauf die Oma: „Wenn Dein Vater einen Gummi genommen hätte, hätte ich jetzt ’nen Sitzplatz.“ Süper selbst fand seine Pointe so obersüper, dass er sich wegschmiss vor Lachen. Damit haut er in Köln ganze Hallen um. Helge kühl: „Bin ich nicht von überzeugt. Dann hätte sich wahrscheinlich jemand anders hingesetzt.“ Süper, irritiert und vielleicht denkend, sein Gegenüber habe den Witz nicht verstanden, lachte einfach für Helge mit. Er nahm ihm – nach einem typisch kölsch-dusseligen Lied – sichtlich auch den Satz ab: „So wat Dolles fällt mir vielleicht nicht ein, aber vielleicht was Schlichteres“, als ihm Helge nämlich anbot, auch einmal Texte für Süper-Songs zu schreiben.

Professor Puups solidarisiert sich

Nun kletterte die Show künstlerisch nach oben. Der nächste Halt war irgendwo zwischen Volks- und Hochkultur: Der Wahlkölner Ralf König las aus seinem neusten und wieder einmal krachlustigen Comic „Evolutionsbremse“. Kurz zuvor hat er Kölns elftausend Jungfrauen in Kartoffelnasen verwandelt. Es wurde gemütlich. Man zeichnete gemeinsam. Helge Schneider bestellte das Bild einer Schlittschuh laufenden, Bonbon werfenden Brottrommel (wieder ein versteckter Karnevalswitz) und schien ehrlich erstaunt, wie flott und überzeugend sein Gast das hinbekam. Man kam ins Plaudern und auf die tatsächlich interessante Frage, warum die Kölner heute eigentlich keine Reliquien mehr verhökern.

Dann durfte die ebenfalls in Köln ansässige Pianistin Olga Scheps Chopins „Nocturnes Des-Dur“ zum Besten geben, was sie wunderschön tat, als solle gezeigt werden: An mangelndem Talent liegt es nicht, dass diese Stadt künstlerisch bloß für Rammelkalauer und Blutwurstorden bekannt ist. Sondern schlicht am Geschmack der Kölner. Die aber darf man wiederum auch mögen für ihre unverwüstliche Süper-Düper-Mentalität, die auf jede Herausforderung mit gutmütiger Verbrüderung und Kungelei antwortet. „Die Schafe sind einem alles“, bekannte Helge Schneider denn auch in der Rolle des Verhaltensforschers Professor Puups (im Gespräch mit Alexander Kluge).

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Ja, mehr noch. Der Professor konstatierte: „Man muss sich den Schafen anpassen!“ Dazu gab es sogar ein Video, das Helge Schneider zeigte, wie er im weißen Anzug unbeholfen „Mäh“ machte unter schwarzen Schafen. Das war nun ähnlich pompös überangepasst wie Helges gesamte Kölnerei an diesem Abend, deren Höhepunkt darin bestand, hingebungsvoll und quasi ebenfalls „Mäh“ machend den Kontrabass zu zupfen zu Hans Süpers gefühliger Version des Millowitsch-Klassikers „Ich bin ene kölsche Jung“. Subversion ohne Auslachen, das ist schon eine Kunst.

Quelle: FAZ.NET

 
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