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FAZ.NET-Fernsehkritik: „Hart, aber fair“ : Bringt Chinas Aufstieg unseren Absturz?

„Hart aber fair“-Moderator Frank Plasberg Bild: dapd

Moderator Frank Plasberg spielt bei „Hart, aber fair“ mit deutschen Ängsten, um am Ende der Sendung unter dem Titel „Weltmacht süß-sauer“ Glückskekse zu verteilen.

          Ein Thema, das jeden elektrisiert; Gäste, die kontrovers diskutieren und ein Moderator, der mit seinen Fragen nicht locker lässt – alles was eine gute Talkshow benötigt, Frank Plasbergs China-Talk, bot es nicht. Aber dennoch lohnte sich das Einschalten: Nicht, weil die „Hart, aber fair“-Sendung mit dem wenig einfallsreichen Titel „Weltmacht süß-sauer“ die Zuschauer aus dem Fernsehsesseln riss, sondern weil die wenig aufbrausende Debatte über die Auswirkungen des chinesischen Aufstiegs Raum ließ für interessante Einsichten, die zwar nicht immer etwas mit dem Thema zu tun hatten, aber deswegen nicht weniger spannend sein müssen.

          Johannes Pennekamp

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Zu beobachten war da zuallererst das Spiel mit der sprichwörtlichen „German Angst“, einem Phänomen, das aus zwei Elementen besteht: einer angeblich besonderen Furcht der Deutschen vor existenzbedrohenden Ereignissen und aus denjenigen, die diese Furcht befeuern und sie erst zu einem großen Thema machen. Frank Plasberg hat dieses Prinzip natürlich längst durchschaut und weiß, wie sich mit der „German Angst“ Quote machen lässt.

          Und so ließ der Talkmaster nichts unversucht, den chinesischen Aufstieg mit der Gefahr von Wohlstandsverlusten in Deutschland in einen Topf zu werfen: Er hielt – scheinbar äußerst beunruhigt – die Fälschungen deutscher Vorzeigeprodukte (Messer, Spielzeugtraktoren, Wasserhähne) in die Kamera, er präsentierte in Einspielfilmen heimische Traditionsunternehmen, die bereits von „den Chinesen“ aufgekauft wurden, und die meisten seiner Fragen zielten darauf, wie schlimm es denn eigentlich für die Deutschen kommen wird.

          Glücklicherweise stiegen seine Gäste - mit der Ausnahme von Handelsblatt-Chef Gabor Steingart („Kopieren ist Teil der chinesischen Kultur“) - wenig bis gar nicht auf dieses Spiel mit der „German Angst“ ein. Versuchen kann man es ja mal.  Um es vorwegzunehmen: Welche Auswirkungen der wirtschaftliche Aufstieg des Reiches der Mitte auf unseren Alltag hat, wurde nur am Rande besprochen.

          Wahrscheinlich auch, weil diese Frage ziemlich komplex ist, nutzten die Gäste die Debatte für ein Plädoyer für westliche Werte. Norbert Blüm, der frühere Arbeitsminister, erntete Szenenapplaus für sein Statement, dass Folter „überall auf der Welt gleich weh tut“ und deshalb auch in China nicht sein dürfe; Fecht-Olympiasiegerin Britta Heidemann, die deutsche Unternehmen in China berät, wies auf die Fortschritte hin, die das Land zum Beispiel bei der Demonstrationsfreiheit mache, und die frühere Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland, Barbara Lochbihler, berichtete, wie schwierig es ist, Menschenrechtsthemen in China zu diskutieren.

          Wann rücken ethische Standards ins Blickfeld?

          Ein Allgemeinplatz, der sich auch in dieser Debatte gut machte: Auch wir Konsumenten tragen mit unserer Kaufentscheidung Verantwortung für die Produktionsbedingungen in China. Dass ausgerechnet der Wirtschaftsvertreter Martin Richenhagen und Handelsblattchef Steingart striktere Sozial- und Umweltstandards forderten, um einen Wettbewerb auf Augenhöhe zu ermöglichen, hat zumindest ein Geschmäckle: Besitzen ethische Standards einen Wert an sich oder geraten sie erst dann ins Blickfeld, wenn ein Konkurrent durch die Nichteinhaltung einen Vorteil hat?

          Bevor man darüber spekuliert, was der chinesische Aufstieg für Deutschland bedeutet, stellt sich die Frage, was der Wohlstandszuwachs eigentlich aus China selbst macht. Wie lange kann die technokratische Kontrolle bei steigenden Löhnen und verbesserten Informationsmöglichkeiten noch dafür sorgen, dass das Bedürfnis nach Freiheit sich nicht seinen Weg bahnt? Wie groß kann die Ungleichheit eigentlich werden, bevor sie das Land zu zerreißen beginnt? Diese Fragen haben Plasberg nicht interessiert. Ein sicheres Zeichen dafür: Keiner aus der Fünferrunde stammte aus China, Einblicke in die chinesische Wirklichkeit waren deshalb Mangelware. Schade, aber vielleicht auch logisch: Ein sympathischer, kreativer Chinese hätte den Eindruck, den der Moderator von dem Riesenreich zu erzeugen versuchte, vollends konterkariert.

          Und dann ist da noch der heimliche Gewinner der Talkrunde: Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler. Von einer großen Stunde des FDP-Vorsitzenden zu reden, wäre zu viel gesagt. Aber zumindest hat er 75 Minuten lang die Talk-Bühne genutzt, um zu zeigen, dass liberale Geisteshaltung mehr beinhalten kann, als den Ruf nach maximaler Effizienz.

          Ungewohnt klang die Einsicht aus dem Mund des Ministers, sonst ein lupenreiner Verfechter des Wachstums-Mantras, Menschen im chinesischen Staatssystem seien „nicht dauerhaft mit Wachstum zufriedenzustellen“. Sonst gelingt es ihm und seiner Partei so selten herauszuarbeiten, dass wirtschaftliche Freiheit ohne gesellschaftliche Freiheit keinen Wert hat. In dieser Debatte aber fiel er damit positiv auf.

          Und selbst am Ende der Sendung, als Moderator Plasberg Glückskekse an seine Gäste verteilte und sie darum bat, den darin enthaltenen Sinnspruch vorzulesen, hatte der Wirtschaftsminister die Lacher auf seiner Seite: „Hilfe ich bin in der Keksfabrik eingeschlossen, holt mich heraus!“

          Quelle: FAZ.NET

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