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FAZ.NET-Fernsehkritik „Günther Jauch“ : Die Kachelmann-Falle

Jörg Kachelmann am Sonntagabend in der ARD: Je länger sich die Diskussion im Kreis drehte, desto stiller wurde er Bild: dpa

Günther Jauch wollte mit Jörg Kachelmann darüber reden, was man aus dessen Fall lernen kann. Alle anderen Gäste bestritten, dass der Fall als Beispiel taugt. Das hätte man vorher wissen können.

          Günther Jauchs Redaktion hatte sich einen mehrdeutigen Titel einfallen lassen. Wer das nicht bemerkte, dem half der Moderator am Sonntagabend auf die Sprünge: „Kachelmanns Fall“, das könne man auf zweierlei Weise lesen – als Auseinandersetzung mit dem aufsehenerregenden Prozess gegen Kachelmann, der neun Monate lang wegen angeblicher Vergewaltigung vor dem Mannheimer Landgericht stand und am Ende freigesprochen wurde; und als Anspielung auf den Sturz des Jörg Kachelmann, der sich in der öffentlichen Wahrnehmung vom allseits beliebten Wettermann mindestens zum Windhund wandelte. Günther Jauch wollte mit seinen Gästen über beide Lesarten des Titels reden – und scheiterte doppelt.

          Andreas Nefzger

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Das Ehepaar Kachelmann will reden, aber über Persönliches nicht mehr als unbedingt nötig – das machten der Meteorologe und seine Frau Miriam in der vergangenen Woche deutlich. Sie starteten eine Medienoffensive, die das Erscheinen ihres gemeinsamen Buches „Recht und Gerechtigkeit“ begleitet. Es gab eine Reihe von Interviews und eine vielbeachtete Pressekonferenz auf der Frankfurter Buchmesse. Über sich selbst wollten die Kachelmanns dabei stets nur so wenig sagen, wie nötig.

          Den Kachelmanns geht es ums Prinzip

          Das war bei Jauch nicht anders – auch wenn der Moderator anfangs in den Lanz-Beckmann-Kerner-Weichspülmodus schaltete. Die ersten zehn Minuten nahm er sich alleine für das Ehepaar Kachelmann Zeit, unterbrochen nur von einem gefühligen Einspielfilm. Doch die Gäste blieben hart. Abgeklärt erzählten sie, was sie schon bei den vorangegangenen Interviews mit fast identischem Wortlaut erzählt hatten: Es gehe ihnen in ihrem Buch nicht darum, die eigene Geschichte zu betrauern, vielmehr wollten sie auf das Problem hinweisen, dass in Deutschland viele Menschen Opfer von Falschbeschuldigungen würden und die Täter häufig ungeschoren davonkämen.

          Nicht über Kachelmann wollten die Kachelmanns also reden, sondern über das Prinzip. Das ist ihr gutes Recht. Doch schmolz der doppeldeutige Titel, für den sich Jauch so gelobt hatte, auf eine Dimension zusammen: die juristische.

          Akute Blockbildung machte eine Diskussion unmöglich

          Dass Kachelmanns Fall beispielhaft für das Problem der Falschbeschuldigungen steht, ist allerdings nicht so klar, wie es der Wettermann gerne darstellt. Das Landgericht Mannheim hat ihn nicht freigesprochen, weil es seine Unschuld als erwiesen ansah. Es sprach ihn frei, weil es stichhaltige Beweise weder für eine Vergewaltigung noch für eine bewusste Täuschung der Klägerin sah. Darauf machte auch Jauch seine Gäste aufmerksam: „Gerichtlich dürfen Sie nicht von Falschbeschuldigung sprechen, das müssen wir hier schon festhalten.“

          Die Diskussion entwickelte sich entsprechend. Hans-Hermann Tiedje, der einst Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, aber auch der Zeitschrift „Bunte“ war, sagte: „Vielleicht ist er Täter, vielleicht ist er Opfer.“ Gerhart Baum, Jurist und ehemaliger Bundesinnenminister (FDP), sagte: „Die Wahrheit war nicht zu erforschen.“ Und auch Winfried Hassemer, ehemaliger Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, wollte sich der Sicht der Kachelmanns nicht anschließen.

          Günther Jauch meldet sich ab

          Damit war die Diskussion festgefahren, bevor sie richtig Fahrt aufnehmen konnte. Auf der einen Seite die Kachelmanns, die in ihrer neuen Rolle als Streiter für Gerechtigkeit aufgehen wollten. Auf der anderen drei Herren, die ihnen die Legitimation dafür madig machten. Dazwischen Jauch, unfähig die Diskussion zu lenken. Zwischenzeitlich verstummte er fast gänzlich, und wenn er sich doch einmal zu Wort meldete, dann so kleinlaut wie ein „Wer wird Millionär?“-Kandidat, der vor lauter Aufregung das Wortspiel in der 500-Euro-Frage nicht versteht. Eine Katastrophe.

          Doppelt gescheitert: Günther Jauch im Gespräch mit dem Ehepaar Kachelmann
          Doppelt gescheitert: Günther Jauch im Gespräch mit dem Ehepaar Kachelmann : Bild: dpa

          Dass die Staatsanwaltschaft in Kachelmanns Prozess Fehler gemacht habe, weil sie offenbar Akten, die Kachelmann einseitig belasteten an die Presse weitergab, war Konsens. Dass Kachelmann zum Opfer medialen Übereifers wurde, bestritt nur Hans-Hermann Tiedje. Die Botschaft der Kachelmanns, dass Männer massenweise Opfer von Frauen werden, die sie bewusst falsch der Vergewaltigung bezichtigen, bekam einen Dämpfer durch Zahlen, die Jauch präsentierte, und durch Baum und Hassemer, die das Massenphänomen bestritten. Nur dass man dergleichen härter bestrafen sollte, ließen die beiden Juristen gelten. Es blieb der einzige konkrete Vorschlag in sechzig Minuten.

          „Sie zerstören gerade die Quote“

          Jörg Kachelmann hatte es da schon längst dem Moderator gleichgetan. Als er anfangs mit seiner Frau neben Jauch saß, versprühte er noch ein bisschen den Wetterexperten-Charme alter Tage. Je länger sich die Diskussion dann aber im Kreis drehte, desto stiller wurde er. Das Reden übernahm seine Frau, die es mit beeindruckendem Selbstbewusstsein mit den drei Debatten-gestählten Herren aufnahm. Aber der Zuschauer durfte sich doch fragen, warum er sich über Missstände im deutschen Justizwesen ausgerechnet von einer 26 Jahre alten Psychologiestudentin aufklären lassen soll. Irgendwann verlor Hans-Hermann Tiedje die Fassung: „Sie langweilen mich mit ihren Vorträgen, sie zerstören gerade die Quote.“

          Jauch ließ sich nicht einmal durch derlei Ausfälle reanimieren. Erst am Ende der Sendung erwachte er noch einmal kurz aus dem Schlaf des Überforderten und wollte von Miriam Kachelmann wissen, ob der Prozess gegen ihren Mann letztlich nicht nur Verlierer hervorgebracht habe. „Wir hoffen, dass am Schluss zumindest die Gesellschaft einen Vorteil davon hat.“ Für den Zuschauer der Sendung blieb diese Hoffnung vergebens.

          Quelle: FAZ.NET

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