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FAZ.NET-Fernsehkritik Eine schrecklich nette Familie

01.07.2007 ·  RTL wollte beim Finale von „Let's dance“ alles geben: hübsche Frauen, attraktive Männer, erotische Tänze und einen zahmen Dieter Bohlen. Doch alle waren so lieb zueinander, dass von Wettbewerb wenig blieb. Hape Kerkeling hat jedenfalls seine Zeit gehörig verschwendet, meint Marco Dettweiler.

Von Marco Dettweiler
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An Dieter Bohlen kommt momentan keiner vorbei. Vor knapp zwei Monaten saß er noch als Tränen- und Talentförderer auf dem Drehstuhl bei „Deutschland sucht den Superstar“, um kurz danach auf Johannes B. Kerners Therapie-Sessel über sein Verhältnis zum DSDS-Gewinner und neuem Gesangspartner Mark Medlock zu plaudern.

Letzte Woche machte es sich Bohlen dann in luftiger, weißer Sommerkleidung auf Gottschalks „Wetten, dass..?“-Sofa auf Mallorca gemütlich, nachdem er wenige Minuten zuvor zusammen mit Superstar Medlock auf der Bühne die Wiedergeburt von „Modern Talking“ als „Miami Twice“ („Bild“) gefeiert hatte. Und nun besetzte Deutschlands erfolgreichster Musikproduzent sogar einen Preisrichterstuhl im Finale von „Let's dance“. Nicht nur RTL muss Bohlen sehr lieb haben.

Falsch oder nicht richtig

Nicht wenige werden sich gefragt haben: Wieso vertritt ausgerechnet Dieter Bohlen Jurymitglied Ute Lemper? Bohlen versteht zweifelsohne sehr viel von Musik. Doch wer sich damit auskennt, weiß längst noch nicht, was einen guten Tanz ausmacht. Zudem bestand die Jury von „Let's dance“ - im Gegensatz zu den vermeintlichen Experten in anderen Shows - aus echten Experten. Moderator Hape Kerkeling wusste auch keine Antwort oder wollte den Grund zumindest nicht verraten. Einige Zuschauer hätte diese Entscheidung „falsch“ gefunden, andere „nicht richtig“. Gelacht hat bei dem Scherz keiner, Bohlen erst recht nicht.

Kerkeling legte nach und erreichte mit seiner zweiten Anspielung schon eher Bohlens Spaßniveau. Es sei sehr schwierig gewesen, Dieter in die Jury zu bekommen. RTL hätte es letztlich geschafft, indem man ihm die Playboy-Ausgabe mit Profi-Tänzerin Isabel Edvardsson zugeschickt habe. Dieter grinste und freute sich über diese Anspielung. Denn Edvardsson, die Gewinnerin der vergangenen Tanzstaffel, war auch an diesem Abend zu sehen - diesmal angezogen und an der Seite von Fußballer Giovane Elber.

„Es hat geflasht“

Die blonde Schwedin gewann dieses Mal nicht. Ihre Kleider waren zwar meist kurz, die Haare stets blond und lockig, doch selbst wenn Isabel Edvardsson nackt aufgetreten wäre, hätte es vermutlich immer noch nicht gereicht. Das lag an Elbers fehlendem Tanztalent und angespanntem Gesichtsausdruck. Zum anderen war GZSZ-Star Susan Sideropoulos mit ihrem Profi-Tanzpartner Christian Polanc zu offensichtlich allen anderen überlegen. Ihr Paso Doble, mit dem sie schon im Halbfinale Jury und Zuschauer überzeugen konnten, setzte sich auch im Finale als gelungene Gala-Vorführung derart deutlich von den anderen Darbietungen ab, dass sogar der Sprachsinn der Jury vernebelt war. „Der Hammer!“, „Es hat geflasht“ und „Ich fand's geil“ übersetzen die Preisrichter glücklicherweise danach in sachliche „9“ oder „10“ Punkte.

Um überhaupt nur annähernd solche Wertungen zu bekommen, mussten alle Tanzpaare vorher viel trainieren. Wohl nicht übertrieben verneigte sich Kerkeling vor der Leistung der Teilnehmer: „Ich kenne niemanden im deutschen Fernsehen, der für so wenige Stunden so viele Wochen geschuftet hat.“ Doch Hape Kerkeling führte bis zum Schluss den schwierigsten Tanz auf. Er wollte zugleich professioneller Showmaster und ironischer Moderator sein. Deutschlands Publikumsliebling bemühte sich - und letztlich doch vergeblich - sich über die ermüdenden Begleiterscheinungen von RTL-Star-Shows lustig zu machen, also zu zeigen, dass er noch nicht zum maroden Establishment der Privatsender gehört.

Hape Kerkeling sollte seine Zeit nicht verschwenden

Die nötige Zeit, die seine symphatische Partnerin Nazan Eckes in jeder Sendung brauchte, um hinter der Bühne die Ergebnisse der Zuschaueranrufe abzuholen, überbrückte Kerkeling bewusst mit Anspielungen darauf, dass er eben nun in diesen Minuten etwas zur Unterhaltung sagen müsse. Es war selten lustig, was er daraus machte. Ebensowenig kamen jene Späße an, die der aufmerksame Zuschauer wahrnehmen musste, als wären sie auswendig gelernt. Besonders auffällig wurde Kerkelings risikoscheue Vorbereitung in Sachen Spaß, wenn sich das Moderatorengespann die bekannten Bälle hin- und herwarf. Hape und Nazan, wie sie sich immer vertraut ansprachen, hätten besser einen Ball spontan woanders hingeworfen, gerade auf die Gefahr hin, dass ihn der andere nicht fängt.

Hape Kerkeling hat ebenso wie Harald Schmidt erfahren müssen, dass seine Genialität als Entertainer ihn zwar dazu befähigt, eine große Samstagabend-Show nach allen Regeln der Fernsehunterhaltung zu moderieren. Doch Kunst ist das keine. RTL hätte Hapes Klassenkampf nicht besser dokumentieren können. Im Anschluss an das Finale von „Let's dance“ ließ der Sender „Horst Schlämmer: Weisse Bescheid?!“ folgen. Fünf Minuten Kerkeling als Grevenbroicher Journalist und der Zuschauer wusste Bescheid: Hape Kerkeling soll seine Zeit nicht mit der Moderation von seichten Such-den-Star-Shows verschwenden.

„Jetzt lass doch mal Herrn Llambi in Ruhe“

Doch so moderierten Kerkeling & Eckes ähnlich glatt und durchgeplant durch die Sendung wie Schreyl & Ragas bei DSDS. Kerkelings übliche Sticheleien mit Preisrichter Joachim Llambi veranlassten Eckes im Finale dazu, ihren Hape zu Recht zuweisen: „Jetzt lass doch mal Herrn Llambi in Ruhe“. Doch sie meinte es natürlich freundlich. Es war eben alles zu nett bei „Let's dance“. Selbst der harte Dieter wunderte sich: „Hier ist es so nett. Bei DSDS hat man sich schon ab und zu geprügelt.“ So weit sollte man nun nicht gehen, um eine spannende Show zu veranstalten.

Allerdings muss sich RTL auch den Vorwurf gefallen lassen, dass es der Sender mit seinem Hausjuroren Dieter zu nett gemeint hat. RTL hat ihn vielleicht auch deshalb in die Jury gesetzt, damit er die Deutschland-Premiere seines Titels „You can get it“ feiern konnte. Mark Medlock hatte vermutlich ein Déjà-Vu-Erlebnis: Er singt live einen Song, den Dieter Bohlen geschrieben hat, es läuft ein Zuschauervoting, ein Moderatorengespann verkündet am Ende der Staffel einen Sieger, der Star wird als Superstar gefeiert und der Sender, der damit Geld verdient, heißt RTL. Doch dieses Mal hieß die Sendung „Let's dance“, es wurde ein Dancing-Star gekürt und alle waren schrecklich nett zueinander.

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Jahrgang 1971, Redakteur in der Wirtschaft.

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