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FAZ.NET-Fernsehkritik Die große Zielgruppen-Verschwörung

21.04.2008 ·  Kaum hat Roman Herzog vor der Rentner-Republik gewarnt, steigt die ARD auch schon in eine Seniorenwoche ein und nennt sie „Mehr Zeit zu leben“. Da darf natürlich auch Anne Will nicht fehlen. Und spielt alle gegen einen.

Von Matthias Hannemann
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Es scheint durchaus seine Vorteile zu haben, eine zunehmend vergessliche Zielgruppe zu bestrahlen. Nur drei Wochen und eine postpräsidentiale Ruckrede jedenfalls ist es her, seit Anne Will sich mit dem Thema „Extra Portion für Rentner: Die Jungen zahlen die Zeche“ beschäftigte. Und schon lag die demographische Akte gestern Abend wieder auf dem Tisch, diesmal verpackt mit dem adventistischen Motto „Die Rentner-Republik: Die Alten übernehmen die Macht.“ Neu war da nur das kleine weiße Herzchen, das die ARD links oben im Bildschirm eingeblendet hatte. Es war das unverkennbare Zeichen dafür, dass im Ersten abermals eine volkspädagogische Themenwoche anzustehen scheint, und auch bei ihrem Titel hat man an süßem Honig für die Zielgruppe nicht gespart: „Mehr Zeit zu leben“.

Nein, die Rentner-Republik kommt nicht. Wir sind schon mittendrin. Sagen freilich darf man das nicht. Wer es trotzdem versucht wie Jens Spahn, ein junger Abgeordneter der CDU, der die außerplanmäßige Rentenerhöhung unlängst kritisierte, wird abwechselnd mit Mord- und Abwahl-Drohungen deutscher Seniorenverbände bombadiert, schlimmstenfalls gar mit Einladungen in deutsche Talkshows - um dort alsbald eingekesselt zu werden von einer unterbemittelten Schauspielerin, zwei handelsüblichen Sozialdemokraten und einer telegenen Hundertjährigen auf der Couch.

Ganz Westfale

Den Rest kann man sich ausrechnen, mit variablen Gesichtern. Die Gastgeberin fasst die Biographie des 27-jährigen Jungpolitikers zusammen, sagt: „Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Reicht das an Erfahrung aus?“. Die Schauspielerin Ingrid van Bergen will mehr Geld und ein „Wahlrecht ab vierzig, wie in der Antike“. Die Sozis, Ottmar Schreiner und Adolf Bauer, diagnostizieren einen „Verteilungs-, keinen Generationenkonflikt“, reden von Mindestlöhnen und Mindestrenten, vom großen Geld der Konzerne und Erben. Und Elli Heinrich, die freundliche Oma auf dem Sofa: spricht von den Wandervögeln und dem ewigen Ehrenamt, ganz so, als sei ein Alter in Krankheit, Umnachtung und Gitterbett in Deutschland unvorstellbar.

Jens Spahn allerdings, ganz Westfale, blieb ruhig. Weder ließ er sich ein Bekenntnis zur gesetzlichen Grundrente entlocken, noch stieg er auf die Tonlage ein, mit dem sein potentieller Verbündeter, der aufgebrachte Medienunternehmer Borris Brandt, die vereinigte Rentner-Lobby attackierte. Er blieb ruhig, sprach von einem „Super-Verhältnis zu meinen Großeltern“ (Beifall), von der Lebensleistung der Kriegs- und Nachkriegsgenerationen, ja mit Blick auf die Antike-Freundin auch von der Jugendleistung Alexanders des Großen - und warb schlicht und entwaffend um Verständnis für seine Kritik: Er sei nicht prinzipiell gegen Rentenerhöhungen, sondern gegen die Aussetzung des eben erst mühsam etablierten „Riester-Faktors“, gegen eine Abkehr von der eingeschlagenen Route und im übrigen auch gegen Sozialpolitiker, Anwesende wie Ottmar Schreiber eingeschlossen, die seit Jahrzehnten der Illusion der sicheren gesetzlichen Rente nähren.

Das hatte man sich fast schon gedacht. Aber, wer weiß: die Zielgruppe vielleicht noch nicht.

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