14.02.2007 · Sandra Maischberger hat sich am Dienstag in ihre Babypause verabschiedet. Mit übergroßem Thema, dabei unprätentiös, ohne großes Trara und leider auch - ohne brauchbare Sendung. Die FAZ.NET-Fernsehkritik von Michael Hanfeld.
Von Michael HanfeldSandra Maischberger hat sich am Dienstag in ihre Babypause verabschiedet. Ganz unprätentiös, ohne großes Trara und leider auch - ohne brauchbare Sendung.
„Angst vor dem Abstieg: Wer kann von seinen Jobs noch leben?“ lautete das Thema. Würde man die Frage auf diese Talkshow ummünzen und sich danach erkundigen, wer ohne Maischbergers Auftritte leben kann, wäre das Ergebnis der Umfrage interessant. Denn nicht nur die Moderatorin wirkt seit geraumer Zeit immer wieder mal so, als stehe sie neben sich, die gesamte Runde erscheint als Zweitverwertung, als Pflichtübung, als Reste-Rampe für Themen und Gäste, die andere Talkshows übrig lassen. Ihr fehlt es an einer überzeugenden Form, das war am Dienstag nicht zum ersten Mal unverkennbar.
Laut und munter und wirr
Das Thema war an sich gut gewählt. Auch machte es Sandra Maischberger ihren beiden Talkshowprofis Gregor Gysi, dem Vorsitzenden der Linksfraktion im Bundestag, und Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, nicht allzu leicht, so an der Realität vorbeizureden, wie es die Gäste bei „Sabine Christiansen“ für gewöhnlich tun. Denn sie hatte mit der Arbeitnehmerin Karin Schulz jemanden eingeladen, der im Land von Hartz IV zu Genüge erlebt hat, was Ausbeutung heute bedeutet: am Ende des Monats bei einem Job im Vier-Sterne-Hotel mit 360 Euro nach Hause zu gehen.
Das war ein krasses Beispiel, das die Sinnfälligkeit der Forderung nach einem gesetzlich festgeschriebenen Mindestlohn untermauern konnte. Und Hans-Werner Sinn hatte auch seine liebe Mühe, in den ersten Minuten der Sendung gegen den Mindestlohn anzurennen. Doch fing er sich bald, was auch damit zu tun hatte, dass er so gut wie niemanden ausreden ließ. Ein Gastgeber mit weniger Contenance hätte ihn ob seines unverschämten Auftretens schlicht rausgeworfen oder zumindest für fünf Minuten das Mikro abgedreht.
Doch bei Maischberger ging es laut und munter und wirr weiter, Sinn duellierte sich mit Gysi, der für eine öffentliche Förderung der Beschäftigung eintritt und an diesem Abend einen ziemlichen matten Eindruck hinterließ; eine Mutter von vier Kindern mit drei Jobs schilderte ihr Los; eine Unternehmerin versuchte zu erklären, warum trotz steigender Gewinne die Lohnabschlüsse auch in diesem Jahr „moderat“ ausfallen müssten.
Zu den grundlegenden Befunden drangen sie nicht vor
Nach fünfzehn Minuten war das die reine Kakophonie und der rote Faden endgültig verloren, als der Soziologe Thomas Loer erschien und sein Modell eines Grundeinkommens für alle erklärte: 800 Euro monatlich für jeden, als Bürgereinkommen, bezahlt aus Steuern. 800 Milliarden Euro pro Jahr würde das kosten, rechnete der neben ihm sitzende Hans-Werner Sinn aus. Doch ob das stimmte und wie jemand das je bezahlen könnte, darauf gab es keine Antwort.
Zu den grundlegenden Befunden, die sich bei uns jedem stellen, der Arbeit hat oder sucht, drang die Sendung nicht vor - mit dem Stichwort „Globalisierung“ war es getan - nämlich den obwaltenden Bedingungen auf einem Arbeitsmarkt, auf dem das Angebot an weniger qualifizierten Jobs der Nachfrage nie wieder entsprechen wird. Oder den zunehmend von Finanzinvestoren diktierten Rahmenbedingungen in vielen Unternehmen, die da lauten: Gewinn rauf - um jeden Preis; Kosten runter - um jeden Preis.
Nicht zu vergessen die Familienfeindlichkeit unseres Arbeitslebens, in dem Arbeitnehmer nur dann zählen, wenn sie Ansprüche an ein Privatleben gar nicht mehr haben. Gregor Gysi liegt gar nicht so falsch, wenn er darauf hinweist, dass die Entwicklung an die Grundfesten der Gesellschaft geht.
Die Sendung brauchte dringend eine Frischzellenkur
Das in eine Talkshow zu packen, daran sind schon viele gescheitert, erst recht wenn man auch noch die Sinnfälligkeit der staatlichen Arbeitslosenverwaltung hinzunimmt. Im Fall von Sandra Maischberger wäre vielleicht schon viel geholfen, sich zu konzentrieren - auf wenige Gäste und ein klar konturiertes Thema. So sitzen sie da im halben Dutzend auf dem Sofa wie im Wohnzimmer und es ist alles eine große Rederei.
Ob die sieben Herren - von Ulrich Wickert bis Friedrich Nowottny -, die Sandra Maischberger in den nächsten Wochen vertreten, daran etwas ändern? Wahrscheinlich wird es nicht mehr als ein abwechslungsreiches Intermezzo. Maischbergers Sendung aber brauchte dringend eine Frischzellenkur. Zumal sie mit Anne Will am Sonntag eine stärkere Konkurrenz bekommt, als die auf ihre Art einmalige Sabine Christiansen sie je darstellen konnte.
Mitte April ist Sandra Maischberger wieder zurück. Dass sie nicht anstelle von Anne Will bei den „Tagesthemen“ auftauchen wird, hat sie schon längst klargemacht. Obwohl sie in ihren Einzelgesprächen bei n-tv - wie sie ein Nachrichtenmoderator auch führt - immer besser war als in ihrer jetzigen Show im Ersten.