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FAZ.NET-Fernsehkritik Der gute Zweck heiligt die Mittel

17.12.2006 ·  Duell der Generationen am Samstag abend: Thomas Gottschalks „Ein Herz für Kinder“ trat gegen Stefan Raabs „TV total Parallelslalom“ an. Das erstaunliche Ergebnis: Zumindest an diesem Abend ergänzten Gottschalk und Raab sich bestens. Von Peer Schader.

Von Peer Schader
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Fernsehpreis, Bambi, unzählige Jahresrückblicke - eigentlich müßte dem an Pflichtveranstaltungen nicht gerade armen Fernsehjahr langsam die Puste ausgehen. Insofern ist es von Pro Sieben und dem ZDF doch eine erstaunlich gute Idee, gerade dann einmal jene beiden gegeneinander antreten zu lassen, die im deutschen Fernsehen den Ton angeben. Silbereisen, Pilawa, Kerner, Pflaume - die machen das alle ja ganz souverän. Aber im ZDF sagt immer noch Thomas Gottschalk, wo es langgeht, und wenn Pro Sieben morgen Stefan Raab abhanden käme, könnte der Sender vermutlich dichtmachen.

Gottschalk und Raab sind sich ähnlicher als man denkt: Beide haben Erfahrungen mit Mammutshows, und beide schaffen es nur schwer, die Größe ihres Egos zu verbergen, werden von den Zuschauern aber trotzdem geliebt.

Es ist natürlich unfair, das Duell der Generationen auszurufen, bloß weil Gottschalk und Raab am Samstag ausnahmsweise einmal gleichzeitig auf Sendung waren. Denn die Spendengala „Ein Herz für Kinder“, die live aus Berlin kam, und der wegen Schneemangels um zwei Wochen verschobene „TV total Parallelslalom“ aus dem österreichischen St. Anton waren zwei Shows, die kaum vergleichbar sind. Umso erstaunlicher ist das Ergebnis, wenn man es trotzdem versucht: Zumindest an diesem Abend ergänzten Gottschalk und Raab sich bestens.

Dall und das Mädchen

„Das Kleine sind die Kinder, das Große die Stars“, assistierte Gottschalk den Zuschauern kurz nach Beginn der Live-Gala im benefizerprobten ZDF, als die Bühne schon voll stand mit Prominenten aus Sport, Show und Musik. Allesamt hatten sie Kinder als Paten für die Sendung an der Hand, Gottschalk stürmte auf ein junges Mädchen zu, das mit Karl Dall hereingekommen war, und fragte: „Den hast du dir aber nicht freiwillig rausgesucht, oder?“

Unfaßbar, mit welchem Elan der Mann auch die hundertste Gala, bei der vor Weihnachten mit rührigen Filmchen, in denen Kinder in Not porträtiert werden, so unterhaltsam und doch seriös moderiert, daß man nicht schon nach zwanzig Minuten freiwillig ans Spendentelefon stürzt, um nachher ruhigen Gewissens abschalten zu können. Mit welcher Ernsthaftigkeit er Eltern, deren Kind schwer krank ist, Fragen stellen kann und dann blitzschnell umschalten, um mit der elfjährigen Magalie zu scherzen, von der er wissen will, wo denn ihr Name herkomme, woraufhin das Mädchen wie aus der Pistole geschossen antwortet: „südfranzösisch, nordspanisch“. Natürlich: ein Lacher. Anschließend sammelt Magalie im Publikum Schecks geladener Firmenchefs ein, die kurz erwähnen dürfen, wie ungeheuer spendabel ihr Unternehmen ist.

250.000 Euro von der Post

Ein Bauklotzhersteller spendet zum Firmenjubiläum, eine Internetfirma lobt sich für ihr Engagement im Segelsport, ein Freizeitparkbetreiber hat eine Benefizveranstaltung organisiert. Ohne Firmenlogo wird an diesem Abend nur gespendet, wenn im eingeblendeten Laufband am Bildschirmrand Namen erscheinen, hinter denen kleinere Summen stehen: acht Euro, zehn Euro. Doch selbst dort kommt gleich nach „Manfred Schlegel, Nürnberg: zehn Euro“ die „Deutsche Post AG, Bonn: 250.000 Euro“.

Große Schecks werden hereingetragen und Gottschalk bedankt sich pflichtbewußt bei großen Banken oder großen Energieversorgern, weil die symbolisch den Spickzettel von Torhüter Jens Lehmann aus dem WM-Spiel gegen Argentinien für eine Million Euro kaufen, um ihn gleich danach dem Bonner „Haus der Geschichte“ zu Ausstellungszwecken zu spenden (Siehe auch: Eine Million Euro für Lehmanns Spickzettel). Nur einmal, bei der Spontanversteigerung des dazugehörenden Lehmann-Bleistifts im Saal, kommentiert Gottschalk die Unternehmensveranstaltung frech und verlangt: „Viertausend Euro, fünftausend Euro - ist jemand von Siemens da?“ Ansonsten ist das nicht die Show der kleinen Leute, auch wenn ein paar davon auf die Bühne geholt werden, um auf dem roten Sofa, auf dem Gottschalk mit seinem roten Tarnjackett fast verschwindet, über ihre beschwerliche Arbeit für Kinder in Not zu berichten.

Man erträgt sogar Frau Ferres

Was soll's: Zum Schluß sind fast neun Millionen Euro an Spenden zusammengekommen, die Großsummen der Unternehmen eingerechnet, versteht sich. Und für den guten Zweck hat man ausnahmsweise auch Veronica Ferres ertragen, die starren Blickes ihren wohl formulierten Appell an die Gesellschaft richtete, sich mehr um das Wohl der Kinder zu kümmern.

Sympathischer war jedoch, wie Verona Pooth als Patin eines Kinderprojekts ziemlich holprig erst schilderte, wie gut es ihrem dreijährigen Sohn gehe, um dann mit zittriger Stimme von Kindern in Bolivien zu erzählen, die tagsüber in Bergwerken schuften müssen. Das war einer der ehrlichen Momente des Abends. Und der war allein schon wegen seiner recht beachtlichen Prominentendichte ein besonderer. Von Beckmann über Tokio Hotel bis zu Otto Waalkes traten sie alle für Spendenbereitschaft ein. Als dann plötzlich auch noch Angela Merkel auf dem Sofa saß, wußte man endgültig: In Berlin hatte es zu dieser Zeit keine wichtigere Veranstaltung geben können.

Quälend langes Achtelfinale

Als Gottschalk nach über zwei Stunden darüber hinwegmoderierte, daß er wieder einmal überziehen würde, wurde es glücklicherweise auf Pro Sieben spannend. Während die Schauspielerin Liv Ullmann im ZDF für ihr Engagement mit dem „Goldenen Herz“ ausgezeichnet wurde, war in St. Anton endlich das quälend lange Achtelfinale von Raabs Ski-„Parallelslalom“ beendet, bei dem jeweils zwei Prominente auf Zeit die Piste herunterrasen mussten, ohne die im Weg stehenden Tore zu treffen.

Moderator Oliver Welke und Ko-Kommentator Willi Bogner hatten geschlagene zwei Stunden kaum etwas anderes zu tun, als Duelle anzukündigen, deren Ergebnis von vornherein feststand, weil die besten aus der Qualifikation vom Vortrag gegen die schlechtesten antraten, und für die Zuschauer bloß die Hoffnung bestand, daß es die ein oder andere unerwartete Überraschung geben würde.

Der verbissene Raab

Erst mit zunehmender Sendezeit gewann Raabs Skiwettbewerb an Fahrt, und daß man sich dann bereits von Ausscheidern wie Lukas Hilbert, DJ Ötzi und Hans-Joachim Stuck verabschiedet haben mußte, war zu verschmerzen. Als gegen Ende nur noch DJ Bobo, RTL-Richter Alexander Hold, Christian Clerici und Gastgeber Raab übrig waren und alle vier um den Finalsieg eines Rennens kämpften, in dem es um gar nichts geht, als Raab sich dabei wie immer am verbissensten mühte, war das tatsächlich ein angenehmer Ausklang des vorher doch recht ernsten Gala-Abends.

Nur Sonya Kraus, als Reporterin am Zieleinlauf im Einsatz, strengte sich ordentlich an, Veronica Ferres an diesem Abend den Rang abzulaufen. Bei jedem neuen Sieg Alexander Holds scherzte sie: „Jetzt muß ich brav sein, sonst werd ich verknackt.“ Oder: „Euer Ehren, gegen diesen Sieg werden Sie keine rechtlichen Schritte einleiten, nehme ich an.“ Gegen Mitternacht gewann dann ZDF-„Sudoku“-Quizzer Clerici das Rennen.

Zwei Stündchen Gottschalk, im Anschluß anderthalb Stündchen Raab: danach hat man alles gesehen, was das deutsche Fernsehen kurz vor Weihnachten am Samstagabend noch zu bieten hat. Vielleicht ist es im neuen Jahr ja ein bißchen mehr.

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