11.09.2007 · Viel wurde zuletzt - dreißig Jahre nach dem „Deutschen Herbst“ - über Täter und Terroristen gesprochen. Moderator Reinhold Beckmann gelang es diesmal, seiner Talkshow Relevanz zu geben. Denn in der Debatte über die RAF fand er auch Gehör für die Not der Opfer. Von Michael Hanfeld.
Von Michael HanfeldReinhold Beckmann hat sich für die neue Programmsaison vorgenommen, dass seine Talkshow Relevanz beweise. Und fürs Erste, oder sagen wir, für diesen Montagabend, hat er sich daran gehalten. Denn bei ihm wurde in der Debatte über die RAF ein Aspekt aufgefächert, der in der journalistischen Betrachtung generell zu kurz kommt: Die Not der Opfer.
„Die Opfer kommen zu kurz“, sagte Jörg Schleyer, der jüngste Sohn des im Oktober 1977 ermordeten Arbeitgeberpräsidenten, kaum dass die Sendung begonnen hatte. Er sagte dies mit Blick auf die zweiteilige Dokumentation „Die RAF“ von Helmar Büchel und Stefan Aust, deren Abschluss vor Beckmanns Show gelaufen war. Mit welcher Brutalität und Grausamkeit die Terroristen der RAF Schicksale verbogen hätten - das, sagte Schleyer, scheine in der Debatte überhaupt nicht auf.
Gedemütigt von einer Angeklagten
Diana Müll, die als damals neunzehn Jahre altes Mädchen als Geisel in der Lufthansa-Maschine „Landshut“ saß und die der Chef der Geiselnehmer als erste erschießen wollte, schilderte, dass das Schicksal der Opfer offenbar generell für nicht besonders bedeutend erachtet werde.
Die Therapie, die sie drei Jahre nach der Flugzeugentführung begann, um das Trauma zu verarbeiten, bezahlte sie aus eigener Tasche; ihrer Mutter gegenüber hat sie das grausame Geschehen damals an Bord der Maschine bis heute nicht geschildert. Als sie später als Zeugin gegen die überlebende Geiselnehmerin Souhaila Andrawes vor Gericht aussagte, fühlte sie sich im Nachhinein gedemütigt von einer hochmütigen Angeklagten, die, wie einige ehemalige Geiseln sagen, sich ausgesprochen grausam, ja wie eine „KZ-Wächterin“ verhalten habe.
Auf die Täter fixiert
Der Vorwurf von Diana Müll und Jörg Schleyer trifft. Doch er trifft weniger im Fall des Films, denn der kümmerte sich vor allem um die kriminalistische Aufbereitung des RAF-Terrors, um noch ungelöste Fragen und ist deshalb notwendig auf die Täter fixiert. Es trifft vielmehr generell auf die Betrachtung der RAF-Geschichte zu und nicht nur auf diese. Wann immer es um Gewalt geht, stehen die Täter im Mittelpunkt, sie beanspruchen die Aufmerksamkeit aller, oft genug ist das der Antrieb für ihre Taten und sie werden dafür im Fernsehzeitalter auch fast immer belohnt.
An die Opfer des Linksterrorismus wird wenigstens noch namentlich erinnert, die unzähligen Toten, die heute der islamistische Terror fordert, nennt niemand mehr beim Namen, sie werden zu Zahlen in Nachrichtenbeiträgen.
Ein Geheimdienstmann wie ein Comedian
Die Brücke vom historischen Terror von vor dreißig Jahren zur Lage des Jahres 2007 schlug Reinhold Beckmann im Gespräch mit dem „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust, dem ehemaligen BND-Chef August Hanning und dem bayerischen Innenminister Günther Beckstein. Von Hanning war leider nicht viel Erhellendes zu hören, etwa zu der Frage, ob der Staat damals die in Stuttgart-Stammheim einsitzende Top-Terroristengruppe um Andreas Baader abgehört hat oder nicht - womit sich die Frage verbindet, ob die Geheimdienste auch in der Selbstmordnacht von Stammheim mithörten.
Irgendwie erinnerte einen der einstige BND-Chef Hanning an Piet Klocke, den Polit- und Bürokratenphrasenverdrehercomedian. Günther Beckstein und Stefan Aust hielten derweil den Punkt fest, dass der Terror der RAF etwas Pseudoreligiöses gehabt habe, eine Jenseits- und Heilserwartung der Täter, die den realistischen Blick auf die Opfer und die mörderischen Mittel vernebelte und Gedanken an Schuld erst gar nicht aufkommen ließ.
Bei den Attentätern von heute, wie Fritz G. und seinen Kumpanen, die im Namen des Islam ganz große Bombenleger werden wollten, haben wir das in Reinkultur. Die Geschichte der RAF, meinte der „Spiegel“-Chefredakteur Aust, sei wohl irgendwie „in der kollektiven Psyche hängen geblieben“.
Sympathisantenmainstream
Was wohl damit zu tun haben dürfte, dass sich im Abstand von dreißig Jahren selbst bei vielen derjenigen, die damals im Sympathisantenmainstream der RAF mit schwammen, die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass dies ein einziger mörderischer Wahnsinn war. Nur laut aussprechen wollen das die wenigsten.
Darauf aber warten die Opfer. Sie wollen zumindest wissen, wie ihre Angehörigen ums Leben kamen oder wer sie ermordet hat und wagen dabei noch nicht einmal, bei den Tätern auf Zeichen von Reue zu hoffen. Das Geschehen in der „Landshut“, sagte die ehemalige Geisel Diana Müll, die den Tod vor dreißig Jahren schon fest vor Augen hatte, nehme sie mit ins Grab. Die Terroristen von heute glauben, dass hinter der Gruft 72 Jungfrauen auf sie warten.
raf debatte durch 68er dominiert
karl berger (karl_berger)
- 11.09.2007, 13:01 Uhr
Michael Hanfeld
Charlotte Zengler (zaengler)
- 11.09.2007, 19:58 Uhr