15.10.2007 · Es war eine verpasste Chance. In der Talkshow von Anne Will lief die Debatte über die Schulen in Deutschland nach bekannten Mustern ab: Es gab viel aufgeplustertes Gerede zu hören und Argumente, die den Tatbestand der Volksverdummung erfüllen. Von Jürgen Kaube.
Von Jürgen KaubeEs ist schade: Die Schuldebatte in Deutschland läuft so, wie man sie sich jetzt auch noch einmal bei Frau Will anschauen konnte. Die einen glauben, man müsse das dreigliedrige Schulsystem abschaffen. Sie halten die Hauptschule für unfähig, Kinder aus bildungsarmen Familien zu fördern. Aber auch das Gymnasium mögen sie als Hort von tatsächlichen und vermeintlichen Privilegien nicht. Das waren die Schuldirektorin Riegel und der inzwischen auch zum Bildungsexperten erklärte Gesundheitsexperte Lauterbach (SPD). Dass die Pisa-Studie keinerlei Hinweis auf einen Zusammenhang von Schulform und Schulerfolg gibt, verschweigen sie.
Die anderen - hier Ministerpräsident Wulff (CDU) und Lehrersprecher Kraus - finden das System ganz in Ordnung und wollen die Probleme über mehr Ressourcenzufuhr lösen. Aber den Schulen fehlt nachweislich gar nicht das Geld und oft nicht einmal das Personal, sondern sie sind einfach zu unfrei, den Unterricht nach eigenen Gesichtspunkten durchzuführen. Und dass die Lehrer falsch ausgebildet werden, das sagte natürlich weder der Lehrersprecher noch der Ministerpräsident noch die Schuldirektorin Riegel oder gar der Ungleichheitsexperte Lauterbach.
Tatbestand der Volksverdummung
Der Lehrersprecher bemühte sich, rhetorisch aber wenig glücklich, die Grenzen anzudeuten, die der Schule durch desolate Familien gezogen sind. Ein eingespielter Film über Schüler, denen es schwer fällt, auch nur aufzustehen und zeitig zum Unterricht zu erscheinen, machte solche Schwierigkeiten deutlich. Frau Riegel meinte, solche Kinder müsse man früher auf den besseren Weg bringen, womit sie recht hat. Dass das darauf hinausläuft, so etwas wie Internate für Bildungsarme zu schaffen, sagte sie aber nicht.
Stattdessen nutzte sie wie Lauterbach und Wulff und Kraus und Will das Gespräch zum Austausch von beliebig interpretierbaren Zahlen, - die Zahlengläubigkeit ist auf allen Seiten ungeheuer -, oder zu Argumenten, die den Tatbestand der Volksverdummung erfüllen - „Kein Politiker schickt seine Kinder freiwillig in die Hauptschule“ (Lauterbach) - und zum Ausmalen der Utopie einer Schule, in der jedes Kind individuell gefördert werde. Das aber ist wohlfeiles Gerede, kein Unterricht der Welt leistet das, auch in Skandinavien nicht. Es werden Klassen unterrichtet, nicht Individuen und viele Schüler würden sich etwas anderes auch verbitten. Das Gerede über die Schule ist, mit anderen Worten, naiv.
Nobelpreisträger als Dekoration
Aber es geht in solchen Debatten ja auch gar nicht darum, ein nüchternes Bild von den Tatsachen und eine realistische Sicht auf die Möglichkeiten von Schule zu gewinnen. Einzelfälle werden zum Anlass für kompakte Gesamturteile genommen. Dass es, wie zwei mehr als Dekoration denn als Diskussionsteilnehmer verwendete Nobelpreisträger sagten, auch vom Bildungswillen in den Familien und zwar gerade in den ärmeren abhängt, ob aus den Kindern etwas wird, bleibt undiskutiert.
Aus dem Beispiel eines Buchhändlers, der sich um ein von der Schule zurückgelassenes Mädchen so weit gekümmert hat, bis es jetzt vor dem Abitur steht, will man nicht lernen, dass weniger Struktur-Veränderungen als lokale Initiative maßgeblich sind.
Aufgeplustertes Gerede
Der Chemienobelpreisträger Ertl wies darauf hin, dass früher fünf Prozent eines Jahrganges Abitur machten, heute ein Vielfaches davon. Wie das zur These Lauterbachs von der drastischsten Bildungsbenachteiligung im Universum, nämlich der deutschen passt, wurde nicht gefragt. Fragt man übrigens Finnen, warum die Schüler bei ihnen so gleich aus den Schulen herauskommen, sagen sie lächelnd: Weil sie bei uns auch vergleichsweise gleich hineinkommen, zum Beispiel, was die finnische Sprache angeht.
Aber solche Empirie interessiert das aufgeplusterte Gerede im Fernsehen nicht. Wie viel mehr wäre gewonnen, wenn man statt zu solchen Gesprächsrunden Frau Will einmal dazu auffordern würde, sich eine Stunde lang - und warum nicht sogar zwei? - geduldig mit einem Lehrer zu unterhalten, oder mit einem Schüler, oder mit beiden.
Unaufgeregt, alle Themen, auf die es ankommen könnte, heranziehend, gut vorbereitet. Mit der erforderlichen Zeit, falsche Schlüsse auch als solche zu entdecken. Mit der erforderlichen Ruhe, um der Sache, um die es doch vorgeblich geht, nahe zukommen. Vielleicht würde man dann ja sehen, dass alle Reformen, die der Schule nützen würden im Kleinen, bei ganz wesentlichen, aber nur vor Ort erreichbaren Details ansetzen müssten.
Anne Will
Hermann Amecke-Mönnighoff (luftikus123)
- 15.10.2007, 11:12 Uhr
Anne Will2
Hermann Amecke-Mönnighoff (luftikus123)
- 15.10.2007, 11:18 Uhr
...oft nicht mal das Personal...
Hein Fietenbrink (HeinFiete)
- 15.10.2007, 12:36 Uhr
Richtige Analyse....
wolf haupricht (emilgilels)
- 15.10.2007, 12:46 Uhr
So unrecht hat Herr Kaube nicht
Alfred Fahr (alfredfahr)
- 15.10.2007, 13:20 Uhr