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FAZ.NET-Fernsehkritik: Anne Will Soldaten sind Störer

 ·  Bei Anne Will ging es um die Bundeswehr, um deren Ansehen und den Einsatz in Afghanistan. In einem Nebensatz wartete der Verteidigungsminister mit einer handfesten Überraschung auf: Wie war das nochmal mit dem Abzug der Streitkräfte 2014?

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Mitten in der Sendung gab es einen Aha-Effekt, den die Moderatorin nicht verpasste. Die Bundeswehr zieht 2014 gar nicht ab aus Afghanistan? Fragte Anne Will den Verteidigungsminister Thomas de Maizière etwas ungläubig. Doch, die Truppe zieht ab. Ein paar Ausbilder bleiben dort. Und die müssen natürlich geschützt werden. Also zieht die Bundeswehr ab und sie zieht nicht ab. Zumindest nicht ganz. Und nicht nur die Bundeswehr.

An diesem Punkt der Debatte bei Anne Will zeigte sich, was die Afghanistan-Politik seit jeher auszeichnet. Was wirklich geschieht, wird nicht an die große Glocke gehängt. Weil man damit nicht punkten kann und auch keine Wahlen gewinnt. Die meisten Menschen in diesem Land interessiert nur bedingt, was in Afghanistan geschieht, was aus dem Land und seinen Menschen wird und was die Bundeswehr dort treibt. Möglichst schnell sollen die Soldaten raus, so die überwältigende Mehrheitsmeinung. Doch was geschieht dann? Dann geht der ganze Terror-Zirkus von vorne los. Der Terror der Taliban gegen die Afghanen und der Terror der Islamisten gegen die ganze Welt. Ihre Ausbildungslager haben die Dschihadisten nur ein paar hundert Kilometer weiter in den Süden verlegt, sie hocken jetzt nicht mehr in der afghanischen Bergregion Tora Bora, sondern im Norden Pakistans.

Dann war alles umsonst

Wenn wir jetzt gingen, sagte ein Major in der Anne-Will-Sendung in einem Einspielfilm, „und die Afghanen den Taliban und den Warlords ausliefern, dann war alles umsonst“. Dann sind deutsche und alliierte Soldaten und ungezählte Afghanen umsonst gestorben. Darauf lautet der realistische Befund, den man am liebsten verdrängt. Und der auch im Denken von Jürgen Todenhöfer nicht vorkommt, dem früheren CDU-Politiker und zwischenzeitlichen Burda-Vorstand, der sich schon vor dreißig Jahren für Afghanistan engagiert hat, als noch die Russen das Land besetzt hielten.

Man wird lange suchen müssen, bis man einen größeren Kenner der Verhältnisse findet und jemanden, bei dem Worte und Taten so gut zueinander passen. Es ist nur leider so, dass Todenhöfer ein Sendungsbewusstsein zu eigen ist, das Widerspruch selten duldet. Also fordert er den Verteidigungsminister zwischendurch auch auf, sich persönlich in Kundus blicken zu lassen und für das von einem deutschen Oberst angeforderte Bombardement zu entschuldigen, bei dem rund hundert Menschen ums Leben kamen und dessen Beförderung zum General schleunigst rückgängig zu machen. „Wenn Sie einen Mann, der hundert unschuldige Menschen getötet hat, zum General machen, dann dürfen sie gar nicht mehr sagen über Menschlichkeit“, meinte Todenhöfer, der sich mit solchen Sätzen vor der Kamera wirksam in Szene zu setzen weiß.

In Wahrheit aber weiß niemand, wie es in Afghanistan weitergeht und wie das Land endlich zu Frieden kommt, von Freiheiten, zumal für die Frauen, gar nicht zu reden. Todenhöfer aber ist davon überzeugt, dass afghanische Mädchen auch dann werden zur Schule gehen dürfen, wenn die Taliban wieder an der Macht sind. Man muss schon sehr viel Gottvertrauen haben, um das anzunehmen und sich mit einer Regierung anzufreunden, der ein Mullah Omar angehört.

Lehrinhalte der Taliban

Darauf verwies Thomas de Maziére und auch der Grünen-Politiker Omid Nouripour hat kein Vertrauen in die Lehrinhalte, die unter den Taliban Schule machen: Koran in konservativer Auslegung und sonst nichts. Auch Nouripour kennt sich in Afghanistan aus, er kann sich mit den Einheimischen verständigen, war gerade erst in Kabul und hat sich bei Anne Will nur um eine Antwort gedrückt, die anfangs der Sendung gestellt wurde: Ob die Leistung der Bundeswehr eigentlich anerkannt und der Auslandseinsatz der Soldaten wert geschätzt wird. Bei Nouripour höchstpersönlich dürfte das keine Frage sein, für weite Teile seiner Partei und die Linke generell gilt das nicht. Rot-Grün war mit Auslandseinsätzen schon vor Jahren schnell bei der Hand, ein klares Verhältnis zur Bundeswehr, ein klares Bekenntnis zum Auftrag der Soldaten schließt das aber nicht unbedingt ein. Man lässt sie losmarschieren, schickt sie ins Feuer, käme am liebsten aber ohne sie aus.

Und einigen der Rückkehrer geht es dann so wie dem Mann von Marita Scholz, die selbst mit der Bundeswehr in Afghanistan war: Sie leiden unter posttraumatischen Störungen, von der man bei der Bundeswehr bis vor fünf, sechs Jahren nur aus Lehrbüchern gehört hatte. Die Politiker weigerten sich von Krieg zu sprechen, haben es bis heute versäumt, die Soldaten ihrem Einsatz entsprechend auszurüsten (um Hubschrauber zum Beispiel muss die Bundeswehr meist bei den Amerikanern betteln gehen) und die Folgen psychischer Erkrankungen lange ignoriert.

Der Militärbischof redet fast überhaupt nicht

Für den jetzigen Verteidigungsminister Thomas de Maziére, der in seinem zurückgenommenen Auftreten der Antityp zu herkömmlichen Polit-Krakeelern etwa der Marke Sigmar Gabriel ist, gilt die Ignoranz sicherlich nicht. Aber auch ihm blieb bei Anne Will zunächst nicht mehr, als der Klage der Marita Scholz über die bestehenden Verhältnisse zuzuhören. Ihr Antrag auf eine Unterstützung der ganzen Familie, die unter der Erkrankung ihres Mannes leidet, habe zwei Jahre lang bei einer Schreibkraft der Bundeswehrverwaltung gelegen, sagte sie. In dieser Disziplin – Verwalten und Beschaffen - ist die deutsche Armee unschlagbar. Das Dilemma des Einsatzes in Afghanistan aber bleibt, vor den dort zu bewältigenden Problemen nimmt sich sogar die von den Griechen ausgelöste, permanente EU-Krise klein aus.

Zieht man die zu lange Redezeit ab, die sich Jürgen Todenhöfer nahm und die der Militärbischof Franz-Josef Overbeck fast überhaupt nicht hatte, der zwischendurch einmal erklärte, dass es sich Eugen Drewermann (der in einem Filmbeitrag eingespielt wurde), mit „Soldaten sind-Mörder“-Sprüchen zu leicht macht, war dies ein öffentlich-rechtlicher Informationsabend, wie er sein sollte. Zuerst lief mit „Auslandseinsatz“ ein Film von Belang, anschließend ging es bei Anne Will um dessen Thema, das man sich freilich auch jederzeit ohne eine solche Vorlage vornehmen könnte. Sie zeigte die politischen Interessen, die ungelösten Probleme, aber am Ende auch die Fortschritte in Afghanistan auf und, worum es geht: Um zum Beispiel 15.000 Mädchen, die auch dank Unterstützung aus Deutschland, in einer bestimmten Region Afghanistans zur Schule gehen können. Eine nachhaltige Veränderung ist überhaupt nur zu erwarten, wenn die jungen Generationen nicht ungebildet bleiben oder zum Haß erzogen werden und - die Frauen in ihren Rechten gestärkt werden.

Was war das für ein Kontrast zum vergangenen Sonntag, an dem Günther Jauch im Ersten zum Fall Kachelmann abermals nur eine Frage aufwarf: Warum ihn die ARD für viel Geld engagiert und Anne Will und Reinhold Beckmann auf die hinteren Ränge der Woche verbannt hat.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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