In Wien gibt es bald wieder den Opernball. Dort werden der Gesellschaft die jungen Damen und Herren präsentiert. Dabei gibt es ein strenges Reglement. „Um ins Jungdamen- und Jungherrenkomitee aufgenommen zu werden“, so der Hinweis auf der Homepage der Wiener Staatsoper, müssen folgende Voraussetzungen erfüllt werden: „Sehr gute Linkswalzerkenntnisse, das Alterslimit: mindestens 17 und maximal 24 Jahre – und man darf den Wiener Opernball nur einmal eröffnen.“
Nun wissen wir nicht, ob der umfassend talentierte Frank Plasberg einen Wechsel in das Opernball-Fach bei den Kollegen des ORF beabsichtigt. Aber ihm ist gestern die Bewerbung für einen Wechsel in das Debütantinnen-Genre mit Bravour gelungen. Eine junge Dame, die die Redaktion als „Ehefrau von Franz Müntefering“ vorstellte, brachte mit ihren 32 Jahren gekonnt ihre Linkswalzerkenntnisse auf das Talk-Show-Parkett.
Wobei in der Rhetorik ihr Tanzpartner, jener Franz Müntefering, an Bord war, was Plasberg mitten in der beeindruckenden Drehung von Frau Müntefering zum Thema „Rentenniveau und Agenda 2010“ zur Bemerkung veranlasste, sie teile wohl die „Affinität für kurze Sätze.“ Sicherlich ließe sich ein Satz wie „Demokratie ist schwierig, aber gut“ in den stundenlangen Liveübertragungen des ORF hören, wenn sich die Wiener Debütantinnen zur Lage der österreichischen Nation vernehmen lassen sollten. Die Damen tragen bei dem Anlass übrigens ein „schneeweißes Ballkleid (ohne Reifrock), weiße Handschuhe“ sowie „weiße Schuhe.“
Eine Debütantin fehlte
Nun sind die „Bekleidungsvorschriften“ des Opernballs streng. In den zu längst vergangenen Zeiten „permissiv“ genannten Talk-Shows unserer Republik keinesfalls wünschenswert, wie bei anderer Gelegenheit schon einmal zu erfahren war. So lässt sich bei „Hart, aber fair“ kein Blick auf das Schuhwerk der Gäste erhaschen. Gleichwohl ist der Sinn der Übung zu erkennen: Die frisch gebackene Bundestagskandidatin Michelle Müntefering (Wahlkreis Herne, Bochum II) in die „Classe politique“ des Berliner Politik-Theaters einzuführen.
Es fehlte eigentlich nur noch Doris Schröder-Köpf als weitere Debütantin. Das Thema hätte die sozialdemokratische Familienpolitik sein können. Aber wahrscheinlich war Frau Schröder-Köpf in den Höhenlagen niedersächsischer Landespolitik unabkömmlich gewesen.
Fuchsberger übernimmt das Kommando
So war dann auch mit dem „fünfundachtzigeinhalb Jahre“ alten Joachim Fuchsberger ein Gast zwar nicht zum Debüt, aber, man wird es so sagen können, zu seinem Abtanzball erschienen. Wobei ihm die Formulierung des Gastgebers „Nach uns (den Alten) die Sintflut“ doch „zu flapsig erschien, lieber Frank.“ Er brachte Plasberg mit dieser halben Drehung arg ins Wanken.
Dem Grandseigneur der deutschen Fernsehunterhaltung leuchtete der Sinn des Siezens bei einem offenkundig guten Bekannten wie Plasberg nicht ein. Dieser fürchtete zwar beim formlosen Spitznamen Fuchsbergers „Blacky“ den Distanzverlust gegenüber seinem Gast. Das war allerdings unbegründet, weil ihm Fuchsberger sowieso das Kommando über die Sendung abnahm. Fuchsberger erinnerte in seiner politischen Indifferenz bisweilen an seine Rolle als Gefreiter Herbert Asch in „08/15“ aus dem Jahr 1954. Dem Drehbuchautor Ernst von Salomon war es damals gelungen, den Verbrechen der großdeutschen Wehrmacht komödiantische Elemente hinzuzufügen. Zur Freude der damaligen Veteranen.
Aber dieser Eindruck täuscht dann doch. Fuchsberger war sich bewusst, wie weit weg seine Lebenserfahrung von denen der Jungen heute ist. Es ist denen erspart worden, wie Fuchsberger bis zum 18. Lebensjahr nur „das Töten gelernt“ zu haben.
Fuchsberger hatte kluge Dinge mitzuteilen wie seine Erkenntnis, dass man das Leben offen gestalten kann, trotz existentieller Unsicherheit nach dem Krieg. Die Befunde des Sozialforschers Klaus Hurrelmann machten aber deutlich, dass die heutigen Jungen als „Ego-Taktiker“ zwar die Unsicherheit und die Ungewissheit erbten, sich aber in einem Käfig aus lauter Zwängen befänden, in dem ihnen der Ausbruch als unmöglich vorkommt. Sie sind heute zu einer zivilen Version des „08/15“ geworden, so scheint es. Frau Müntefering mühte sich wenigstens redlich, diesen Eindruck zu bestätigen.
„Alles schon einmal erlebt“
Das Thema des Debütantinnen-Talks „Die Zukunft ist grau - leben die Alten auf Kosten der Jungen?“ war entsprechend von sekundärer Bedeutung. Die anderen Gäste wirkten wie solche auf dem Opernball, die dem Debüt der jungen Dame von der Loge aus zusahen – und freundlich kommentierten. Wobei sie sich immerhin nicht von Ferdinand Piech (VW) einladen lassen mussten. Das war 1996 dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder widerfahren. Sie kostete damals in Wien 24.000 DM, allerdings nicht den späteren Bundeskanzler.
Die Loge bei Plasberg ist wesentlich günstiger zu haben. So ließ Fuchsberger die Zuschauer noch an jener Erkenntnis teilhaben, nämlich „alles schon einmal erlebt“ zu haben: „Die alten Shows, die ich damals schon für dämlich gehalten habe, inklusive meiner alten, kommen alle wieder.“ Vielleicht wird er dem „Lieben Frank“ nach der Sendung erklärt haben, was er damit meinte. Fuchsberger moderierte von 1980 bis 1991 seine eigene Talk-Show namens „Heut´ Abend“. Aber es bleibt ja noch der Opernball.
"Uns überfordern schon Talkshows wie Plasbergs „Hart,
aber fair“.
Otto Meier (DerQuerulant)
- 25.09.2012, 16:23 Uhr
Politikerinnen der jüngeren Generation
Gustav Gessing (GDrei)
- 25.09.2012, 14:22 Uhr
Weich und polemisch
Matthias Stemme (Kockjey)
- 25.09.2012, 13:13 Uhr
Qualifikation: "Ehefrau" eines gescheiterten Poltikers
Robert Hamacher (harohama)
- 25.09.2012, 11:04 Uhr
Für eines war die Sendung gut:
Jürgen Wenz (satyrffm)
- 25.09.2012, 10:59 Uhr