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FAZ.NET-Debatte Der Leser schreibt mit

15.01.2007 ·  Im Internet zu recherchieren ist heute journalistischer Alltag. Hier vorab die Rohfassung eines Artikels zu diskutieren ist allerdings noch die Ausnahme. Wir haben es erfolgreich erprobt. Was meinen Sie? Soll diese partizipative Berichterstattung fortgesetzt werden?

Von Christina Hucklenbroich
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Lucy wurde auch ohne das Internet berühmt. Das 3,2 Millionen Jahre alte Skelett eines wahrscheinlich weiblichen Australopithecus afarensis, des frühesten aufrecht gehenden Hominiden, schaffte es nach seiner Entdeckung 1974 rund um die Welt in die Schlagzeilen. Ein junges Paläoanthropologen-Team taufte seinen spektakulären Fund unbekümmert nach dem Beatles-Song „Lucy in the Sky with Diamonds“, in dem es um die Modedroge LSD ging - die schnelle Medienkarriere des Fossils war da nicht weiter verwunderlich.

Jahrzehnte später wurde ganz in der Nähe von Lucys Fundort in Äthiopien das Millionen Jahre alte Skelett eines Australopithecus-Kleinkindes entdeckt. Die Nachricht traf im September 2006 auf eine grundlegend veränderte Medienwelt. Doch auch mehr als dreißig Jahre nach Lucy war die Erinnerung an das gewaltige Presseecho von damals noch so präsent, dass Tageszeitungen ausführliche Stories über „Lucys Baby“ schon an dem Tag druckten, an dem auch die Erstveröffentlichung über den Fund in der Fachzeitschrift Nature erschien; im Internet kursierte die Neuigkeit sowieso. Als der monatlich erscheinende Scientific American, eine der ältesten und bekanntesten populärwissenschaftlichen Zeitschriften, „Lucys Baby“ in seiner Dezemberausgabe zur Titelstory machte, war die Neuigkeit schon fast wieder vergessen.

Doch die Redaktion hatte vorgesorgt und sich zu einem journalistischen Experiment entschlossen - zu einer Vernetzung des schnellen Mediums Internet mit dem langsamen Zeitschriftendruck. Der Artikel von Kate Wong über das fossile Kinderskelett erschien bereits Ende September auf der Website www.sciam. com. In einem Begleittext lud die Autorin Leser und Experten ein, bis zum Erscheinen der Druckausgabe im Dezember Verbesserungsvorschläge und Fragen an sie zu richten und damit direkt Einfluss auf die Endfassung des Berichtes zu nehmen.

Flut mit pornographischen Bildern

Ein ähnliches Experiment hatte zuvor die Los Angeles Times im Jahr 2005 mit einem Editorial über den Irak-Krieg, „Wikitorial“ genannt, unternommen. Leser konnten online direkt in das Wikitorial schreiben. Das Experiment war seinerzeit freilich gescheitert, weil Internetnutzer die Website mit pornographischen Bildern überfluteten.

„Wiki-Experiment“ nannte auch ein Leser des Scientific American das Projekt in seinem „Vorab-Leserbrief“ - eine Anspielung auf die Internet-Enzyklopädie Wikipedia, zu der jedermann Wissen beitragen darf. Kate Wong selbst hat noch keinen Namen für ihr Experiment gefunden. „,Wiki-Journalismus' träfe vielleicht den Aspekt, dass es ein Projekt ist, bei dem die Kooperation im Vordergrund steht“, sagt Wong. „Aber wir unterscheiden uns ansonsten deutlich von Wikipedia. Wir lassen unseren Artikel nicht von jedem Interessenten umschreiben. Ich als Autorin behalte stets die Kontrolle über das Endprodukt.“

Die Anregungen von Lesern und Experten seien durchaus hilfreich für ihren Artikel über den Fossilienfund gewesen, sagt Wong. „Beispielsweise schrieben Leser auf unserer Website, dass sie gern wüssten, wie man das Alter des Kindes genau festgestellt hatte. Diese Information konnte ich dann in der Printausgabe bereitstellen.“ Eine Biologielehrerin schlug vor, dass anhand einer Grafik illustriert werden sollte, inwiefern bestimmte Merkmale des Skeletts auf die Lebensweise von Australopithecus schließen ließen. Sie wolle den Artikel im Unterricht verwenden und habe die Erfahrung gemacht, dass ihre Schüler den Stoff besser verstehen, wenn er mit visuellen Mitteln dargestellt wird. Einer der Wissenschaftler, die sich auf der Website äußerten, wies außerdem darauf hin, dass die Fundstelle in Äthiopien zu Lebzeiten des Kindes eine waldreiche Gegend gewesen sei - ein wichtiger Aspekt hinsichtlich der Frage, ob „Lucys Baby“ auf Bäumen gelebt hat.

Experiment des Scientific American

Das Konzept der Diskussion eines Beitrags vor Drucklegung, das hinter dem Experiment des Scientific American steht, wird in ähnlicher Form seit längerem von einigen Fachzeitschriften verfolgt. Zum Beispiel von der vierteljährlich erscheinenden deutschen Zeitschrift Erwägen Wissen Ethik (EWE): Die Herausgeber werben für jede Ausgabe einen Hauptautor an, dessen Artikel vor dem Druck etwa dreißig Experten und Wissenschaftlern aus verschiedenen Bereichen zur Verfügung gestellt wird. Auf deren Kritik hin darf wiederum der Hauptautor antworten. Die gesamte Auseinandersetzung erscheint dann unverändert im Blatt. Dies sei kein „Destillat“ aus verschiedenen Ideen und Meinungen wie beim Experiment des Scientific American, sagt der Soziologe und EWE-Mitherausgeber Werner Loh von der Universität Paderborn: „Wir nennen es eine Erwägungssynopse.“

Spezialisten, sagt Loh, würden im Allgemeinen nur ihr Gebiet kennen, ihre Bezugsgruppe und die Einstellungen ihrer Spezialfeinde. Das breite Spektrum der im Wissenschaftsbetrieb geführten Diskussionen könnten Spitzenforscher schon allein aus Zeitgründen nicht mehr berücksichtigen. EWE hat ein amerikanisches Vorbild: Das Erscheinungskonzept der Fachzeitschrift Behavioral and Brain Sciences ist vergleichbar. Aber auch hier zirkuliert ein zur Diskussion stehender Artikel nur innerhalb einer kleinen Gruppe von Experten. Die Idee des Scientific American, einen Artikel mit den Möglichkeiten des Internets vor dem Druck für die Meinung aller Leser weltweit zu öffnen, ist in dieser Form neu.

„Ohnehin unser täglich Brot“

Ob der klassische Print-Journalismus, der einst Lucy auf die Titelseiten brachte, sich durch Projekte dieser Art revolutionieren lässt, bleibt noch dahingestellt. Ingrid Kolb beispielsweise, die Leiterin der angesehenen Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg, sieht keine grundlegenden Veränderungen für die journalistische Arbeit: „Anregungen aufgreifen, die durch den Raum schwirren, ist ohnehin unser täglich Brot“, sagt Kolb.

Schon länger stelle sich den Printmedien die Aufgabe, eine Form zu finden, die über die reine Neuigkeit, die Nachricht, die heute jederzeit sofort über das Internet verfügbar ist, hinausgeht, predigt Ingrid Kolb ihren Schülern. „Als Journalist hat man dabei gelernt, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.“ Deshalb spreche bei sorgfältiger Aufbereitung und Überprüfung nichts dagegen, Beiträge aus einem Internetforum für die Druckversion eines Artikels zu nutzen.

Das Team des Scientific American hat jedenfalls Geschmack an der Diskussion gefunden. „Wir wollen unser Experiment im Laufe des Jahres 2007 mit einem weiteren Artikel fortsetzen“, sagt Kate Wong.

Sind Sie der Meinung, dass diese Form der Berichterstattung fortgesetzt werden soll? Nutzen Sie die Kommentarfunktion und schreiben Sie Ihre Meinung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.01.2007, Nr. 2 / Seite 54
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