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Facebook und Journalismus : Bitte benutzen Sie den Lieferanteneingang

Facebook filtert die Wirklichkeit und setzt sie für seine Nutzer neu zusammen. Bild: Reuters

„Spiegel“ und „Bild“ servieren ihre Artikel jetzt direkt Facebook. Geld bekommen sie dafür nicht. Es gibt nicht einmal einen Link zum Urheber. Warum macht die Presse so etwas mit?

          Tod oder Gladiolen“, sagte der frühere Bayern-Trainer Louis van Gaal vor einem Spiel, in dem es für seine Mannschaft um alles ging. Was hat der Holländer bloß mit seinen Tulpen, fragten sich viele, die um die Herkunft dieses Blumengrußes nicht wissen. Um „Tod oder Gladiolen“ ging es für die Gladiatoren in der römischen Arena – um Niederlage oder Sieg, um Verderben oder den Jubel der Massen, die Blüten ins Rund regnen ließen. Der Kampf aber war unausweichlich. Den scheinen einige Presseverlage und Fernsehsender im existentiellen Ringen mit den Goliaths der Online-Welt nun aufgegeben zu haben. Die Todgeweihten beugen sich vor dem neuen Kaiser.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Nicht anders ist zu verstehen, dass „Spiegel“ und „Bild“, „New York Times“, „Guardian“, BBC, NBC, „National Geographic“, „The Atlantic“ und das Klatschportal „Buzzfeed“ nun bei einem Programm von Facebook mitmachen, das sich „Instant Articles“ nennt. Dabei stellen die Verlage und Sender Beiträge auf Facebook zur Verfügung, die nicht verlinkt, also nicht mit der Originaladresse des Urhebers verbunden sind. Zahlen muss Facebook dafür nichts. Beziehungsweise: Der Netzwerkkonzern zahlt mit den Daten seiner Nutzer, auf die die Verlage und Sender zugreifen dürfen. Sie können zu den Artikeln auch in eigener Regie Werbung setzen.

          Journalisten mit Stockholm-Syndrom

          Das ändert jedoch nichts am Prinzip des Deals: Facebook wird zum Verleger – mit den Inhalten anderer, die sich auch noch darüber freuen, dass sie ihre Werke kostenlos abgeben dürfen. Man muss sich das entsprechende Werbevideo von Facebook antun: Da sehen wir Journalisten mit Stockholm-Syndrom, die mit glänzenden Augen erzählen, wie schnell ihre Story bei Facebook aufpoppt. Als wäre das ein Gnadenerweis, als gäbe es außerhalb von Facebook kein Leben in der Online-Welt. Die Kollegen hinterlassen einen erbarmungswürdigen Eindruck. Die Wahrheit ist: Sie benutzen als Namenlose den Lieferanteneingang. Hallo, Ihre Pizza ist da! Der Verkäufer kriegt alles, der Produzent fast nichts: Das ist das Prinzip Aldi, jetzt für die Presse.

          Dass „Spiegel“ und „Bild“ bei Facebook unterkriechen, ist fatal. Die beiden sind Reichweitenmarktführer im hiesigen Online-Journalismus und gehen mit schlechtem Beispiel voran. „Spiegel Online“ hat vor mehr als einem Jahrzehnt die Kostenlos-Kultur etabliert, unter der Verlage im Netz bis in alle Ewigkeit ächzen werden, und „Bild“ ist auch im Netz das Massenmedium schlechthin. Der Springer-Verlag verhält sich besonders widersprüchlich. Gegen Google tritt der Konzern mit dem Leistungsschutzrecht und der Verwertungsgesellschaft VG Media an, um Online-Konzerne dazu zu bringen, für das Darbieten von Texten zu zahlen. Facebook aber bekommt journalistische Inhalte nachgeworfen. Das lässt sich nur so erklären, dass sich Springer mit einem Technikkonzern wie Google gern anlegt, mit einem Konzern wie Facebook, dessen Macht auf der Masse der Nutzer beruht, aber nicht. Nicht auszudenken, wenn Millionen Facebooker die „Bild“-Zeitung nicht „liken“. „Spiegel“ und „Bild“ als Spielverderber auszusuchen, das hat sich Facebook fein ausgedacht. Dann auch noch der „Guardian“, der sich als linksaufklärerisches Blatt inszeniert, die „New York Times“, die BBC – so wird der Datenhändler Mark Zuckerberg in seinen jungen Jahren zum größten Chefredakteur der Welt. Citizen Kane ist wieder da.

          Facebook filtert die Wirklichkeit

          Was die Verlage sich davon versprechen, Facebook als Herrscher zu akzeptieren, ist klar: Aufmerksamkeit für die Marke, Einblick in die Vorlieben der Leser, den man dann für sich zu nutzen sucht – einer Geschichte, die bei Facebook gut läuft, folgt die nächste gleicher Art und so fort. Das wird den Journalismus grundsätzlich verändern, er wird anders geschrieben und gesendet werden, er wird sich vermeintlichen Vorlieben anpassen und auf eine Schiene der Zensur und Selbstzensur geraten, die Facebook legt: Da gibt es dann vornehmlich angenehme Storys im Katzenbilder-Stil oder echte, schnelle Aufreger, die zum Shitstorm werden bis zur Online-Exekution, dann wieder weg sind, aber eher nichts dazwischen und nicht zu komplex. Facebook filtert die Wirklichkeit und setzt sie für seine Nutzer neu zusammen. Wie das geht, haben wir nach dem Sieben-zu-eins-Spiel der Deutschen gegen Brasilien bei der WM gesehen – da milderte Facebook die Tonalität der Berichte dazu in Übersee ab. Das ist nur ein Beispiel, es gibt weitere.

          Zu Qualitätsjournalismus, dem es um Objektivität und Wahrhaftigkeit geht, passt das nicht. An einem solchen Journalismus haben Online-Konzerne kein Interesse. Sie biegen grundlegende gesellschaftliche Verabredungen, Freiheiten und Rechte mal eben so für ihr Geschäft zurecht. Das sollte allen klar sein, die jetzt Facebook beliefern, ebenso aber auch denen, die (wie auch der Verlag dieser Zeitung) bei der „Digital News Initiative“ von Google mitmachen. Für ganz clever halten sich wahrscheinlich diejenigen, die, wie „Spiegel“ und Guardian“, bei Facebook und Google mitmachen. Könnte sein, dass das so ist und die Adabeis am Ende gut dastehen. Es könnte aber auch sein, dass dies weitere Paraphen unter einer schon ausformulierten Kapitulationserklärung sind und die Presse aus Angst vor dem Tod kollektiv Suizid begeht. Morituri te salutant! Please like us on Facebook.

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