05.05.2010 · Die Jugend-Community der „Süddeutschen“, die sich bei „Jetzt.de“ versammelt, probt den Aufstand gegen eine direkte Verbindung zu Facebook. Der Protest bringt den Redaktionschef in Bedrängnis.
Von Friederike HauptDer Chefredakteur hatte Neuigkeiten, als er seine Leser Ende vergangener Woche im „Frühlingschat“ begrüßte. Zwischen 16 und 17 Uhr sollten die Nutzer von jetzt.de, der Jugendseite der „Süddeutschen Zeitung“, mit ihm über „neue Ideen und geplante Veränderungen“ diskutieren. Viele hatten sich eingeloggt, um Vorschläge zu machen. Dem Chef, Dirk von Gehlen, ging es aber bald um etwas anderes: Um 16.13 Uhr fragte er: „Wir überlegen, Facebook und Twitter stärker einzubinden. Gute Idee?“ Die Leser protestierten. Der Chef ließ nicht locker: „Wir planen einen ,Gefällt mir'-Button unter jetzt.de-Texte zu bauen“, schrieb er um 16.30 Uhr. Und dann, um 16.53 Uhr: „Heute geht der ,Gefällt mir'-Button online.“ Zwei Stunden später war er da.
Besagter Button ist ein Programm, das Facebook seit einigen Tagen jedem Anbieter einer Internetseite kostenlos zur Verfügung stellt (siehe auch Bringe alle deine Freunde zu uns: ). Integriert man es in seine Homepage, können Leser dort gefundene Beiträge mittels eines einfachen Klicks auf den Knopf ihren Facebook-Kontakten empfehlen. Weil Seiten wie etwa jetzt.de durch den Button direkt mit dem Facebook-Server verbunden sind, kann Facebook das Verhalten von Nutzern dort beobachten und zahlreiche Daten auslesen. Skeptisch waren die jetzt.de-Leser deshalb schon im Chat: „Ich bin gegen eine unbedachte Verquickung/Einbindung von FB und Twitter, weil das jetzt gerade hip ist. Ich bin gegen Weitergabe von ,Daten' (im weiteren Sinne gedacht, also nicht nur E-Mail oder so) von hier nach FB“, schrieb eine Nutzerin. Andere schlossen sich ihr an. Argumente hatten sie viele.
Feedback einer engagierten Gemeinschaft
Doch der Button kam, und die Community reagierte. Schon um 19 Uhr veröffentlichte die Nutzerin, die im Chat besonders deutlich gewarnt hatte, eine Kritik - auf jetzt.de kann neben den Mitarbeitern auch jeder, der angemeldet ist, Beiträge unter einem Pseudonym posten. Den entrüsteten Text kommentierten die Leser größtenteils zustimmend und wählten ihn mittels des Verfahrens, mit dem auf der Seite Beiträge bewertet werden, ganz oben auf die Startseite. Heute hat er mehr als vierhundert Kommentare und mehr Punkte als jeder andere Text in den vergangenen Monaten. Ein Nutzer mit Programmierkenntnissen schrieb in den folgenden Tagen darüber, wie Facebook Daten sammelt - und dass man dafür nicht einmal den neuen Button drücken oder bei Facebook eingeloggt sein muss. Auch seine Texte ernteten Zuspruch. Der Nutzer löschte sein Profilbild, auf dem er selbst zu sehen war, und viele seiner Texte: Er wolle nicht, dass sie mit einem Klick zu Facebook verlinkt werden könnten. Auch andere nahmen ihre über Jahre angesammelten Werke von der Internetseite.
Es mag ungewöhnlich scheinen, dass gerade die, welche als besonders unbesorgt im Umgang mit Daten und Privatsphäre gelten - Jugendliche und junge Erwachsene -, so nachdrücklich protestieren. Doch das Publikum, das die SZ mit ihrer Jugendseite anzieht, ist ein besonderes. Als „neugierig und kritisch, gebildet und aufgeweckt, optimistisch und engagiert“ beschreibt jetzt.de seine Nutzer. Viele schreiben und fotografieren auf vergleichsweise hohem Niveau. Sie suchen das Feedback einer engagierten Gemeinschaft, nicht die möglichst weitreichende Verbreitung ihrer Werke im Netz. Der „Gefällt mir“- Button macht ihnen gleich doppelt Angst.
Nicht allen reicht dieser Kompromiss
Zum einen kritisieren sie, dass nun die Beiträge aus dem „Kosmos“, wie sie die Seite nennen, viel leichter als zuvor bei Facebook empfohlen werden können. Viele geben an, zwar auch in dem sozialen Netzwerk registriert zu sein; dort veröffentlichten sie aber oft weniger private Inhalte als auf der Jugendseite. „Ich bin hier gerne anonym und finde, gerade wo Texte veröffentlicht werden, muss das gewährleistet sein, dass nachher nicht meine FB-„Freunde“ wissen, was ich hier mache“, meint eine Autorin. Zum anderen sehen viele Mitglieder der Community Facebooks Jagd auf Daten grundsätzlich kritisch. Eine wie auch immer geartete Verbindung ihres Forums mit dem Netzwerk erscheint ihnen gefährlich.
Chefredakteur von Gehlen sieht das anders: Wer im Internet aktiv sein wolle, komme heutzutage an Facebook nicht mehr vorbei. Dennoch sei er „eigentlich sehr stolz“ auf seine Community, die „sehr hohe Sensibilität in Datenschutzfragen“ zeige. Die Einführung des Buttons sei ein Test gewesen. Dass „einige User sehr unzufrieden“ seien, müsse er aber zur Kenntnis nehmen. An dem Vorhaben, Texte von jetzt.de leichter und schneller zu Facebook zu bringen, will von Gehlen nichtsdestotrotz festhalten. Der Mann zeigt nur zögernd Einsicht.
Den „Gefällt mir“-Button aber, den Facebook anbietet, hat die Redaktion nach einer Woche voller Proteste wieder abgeschafft. Statt des mit Facebook verbundenen Miniprogramms steht nun ein einfacher Link zu dem Netzwerk unter jedem Text. Nicht allen reicht dieser Kompromiss. In vielen Köpfen sei die „Welt des anonymen Netzes sowieso eine Welt von gestern, die nur von einigen Exoten verteidigt wird“, schreibt ein Nutzer auf jetzt.de: „Sollte man deshalb kampflos aufgeben? Nein. Nicht so schnell jedenfalls.“