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F.A.Z.-Frühkritik: Jauch : Juden nicht auf Auschwitz reduzieren

  • -Aktualisiert am

Diskussion ohne Gespräch: Die Besetzung der Jauch-Runde war nicht optimal Bild: dpa

Günther Jauch ließ über die Frage diskutieren, ob Auschwitz in Vergessenheit gerate. Der programmierte Konsens der Sendung half weder der Unterhaltung noch der Aufklärung.

          Anita Lasker-Wallfisch war zu Gast. Eine Frau, die Auschwitz überlebt hat, eine jüdische Zeitzeugin. Die Wahl der weiteren Gäste war etwas irritierend. Wen würde man erwarten, wenn über Auschwitz diskutiert wird und die Gefahr des Vergessenwerdens, jetzt, wo die letzten Überlebenden  sterben?

          Historiker wie Norbert Frei, den Leiter der Gedenkstädte Buchenwald, Volkhard Knigge oder die Programmleiterin des Jüdischen Museums Berlin, Cilly Kugelmann. Stattdessen diskutierten in der Jauchschen Runde: Die Piratengeschäftsführerin Marina Weisband („gläubige Jüdin“), Sportmoderator Marcel Reif („mit jüdischen Wurzeln“), Schauspieler Christian Berkel („jüdischer Herkunft“).

          Einig waren sich alle, dass Juden Menschen sind

          In der Sendung war niemand, bei dem die geringste Gefahr bestehen würde, dass er oder sie Auschwitz vergisst. Warum aber wurden gerade diese Diskutanten eingeladen? Einig waren sich alle, dass Juden Menschen sind. Schließlich waren sich ebenso alle einig, dass zu viel an Holocaust-Erziehung in den Schulen ein Problem sein kann, aber dies keineswegs zu einem Schlussstrich der Auseinandersetzung überhaupt führen dürfe.

          Dass in Deutschland 20 Prozent der Bevölkerung latent antisemitisch eingestellt sind, konnte sich von den Diskutierenden niemand wirklich vorstellen. Insgesamt hatte man den Eindruck, dass Antisemitismus trotz allem als ein Phänomen der Vergangenheit verstanden wurde. Jenseits dieser Positionen waren es vor allem die biographischen Erzählungen aller vier Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die der Sendung Substanz gaben. Darüber hinaus?

          Konsens war, dass es schlecht ist, wenn Nachkommen beschuldigt werden: „Diese Generation hat keine Schuld“ – für diese Äußerung gab es den ersten Applaus der Sendung. Und da in der Sendung nur alle sich über alles einig waren, wenigstens hier ein Widerspruch: Nein, Schuld und vor allem Verantwortung sind nichts Biologisches. Sie sind nicht an Generationen gebunden. Dafür sind sie aber – wenn es sich wie beim Holocaust um ein kollektiv verübtes Verbrechen handelt - an Institutionen gebunden.

          Niemand würde mit französischen Adligen übers Vergessen der Französischen Revolution reden

          Noch an einem weiteren Punkt war der Konsens der Runde problematisch: Einigkeit herrschte darüber, dass die Diskussion um Auschwitz in Deutschland insgesamt doch recht gut gelaufen sei. Selbst den porträtierten Gastwirt eines jüdischen Lokales mit zweitausend antisemitischen Drohmails präsentiert die Sendung am Ende als jemanden, der doch insgesamt auf ganz viel Zustimmung treffe. Wenigstens Marcel Reif störte durch sein Entsetzen über die Präsenz einer Neo-Nazi-Szene diesen Konsens.

          Die Frage „Gerät Auschwitz in Vergessenheit?“ drückt eine Befürchtung aus. Aber ist die Frage an diese geladenen Gäste nicht schon verwirrend? Niemand würde fragen, ob die Französische Revolution in Vergessenheit zu geraten drohe. Und niemand würde diese Frage mit vier französischen Adligen diskutieren wollen.

          Geschichtliche Ereignisse sind ja nicht nur ein Problem des Gedächtnisses. Warum fragt man dies dann aber bei Auschwitz? Geht es darum, dass mit der Erinnerung an Auschwitz auch eine materielle und moralische Verpflichtung bezüglich der kollektiv begangenen Taten aufhört? Aufhören soll? Ist dies die eigentliche Frage? Verpflichtungen, die sich aus der Shoah ergeben, sind aber faktisch eben gar nicht an Personen gebunden. Daher beschäftigen sich etwa heute noch Museen mit Restitutionsfragen.

          Ein Historiker hätte der Diskussion gut getan

          Bei den Ministerien ist das Bewusstsein der politischen und institutionellen Relevanz des Themas heute vielleicht ausgeprägter als bei der Redaktion dieser Sendung: Im Bundesjustizministerium setzt sich Frau Leutheusser-Schnarrenberger dafür ein, systematisch die Kontinuität des NS-Personals ihres Hauses über das Datum von 1945 hinweg untersuchen zu lassen. Einiges ist zwar wenigen Historikern bekannt, aber das meiste einer breiten Öffentlichkeit nicht bewusst: Die nach langem Zögern erst 1958 ins Leben gerufene „Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltung zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ wurde damals etwa mit einem ehemaligen Nazi besetzt.

          Das Ministerium und das deutsche Parlament tragen auch die Verantwortung dafür, dass die für das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz verantwortlichen Schreibtischtäter aus dem Reichssicherheitshauptamt jeglicher strafrechtlichen Verfolgung in den sechziger Jahren entzogen wurden. Vielleicht wäre die Frage also nicht „Gerät Auschwitz in Vergessenheit?“, sondern „Wissen wir schon genug darüber, wie in der Nachkriegszeit viele NS-Verbrechen niemals geahndet wurden?“ Wissen wir genug darüber, welche Rolle dabei ehemalige Nazis in führenden Stellen in den deutschen Ministerien gespielt haben? Ein Historiker hätte der Diskussion insofern bestimmt gut getan.

          Ist Auschwitz nicht stärker denn je im Bewusstsein?

          Der programmierte Konsens der Sendung half weder der Unterhaltung noch der Aufklärung. Sonst hätte jemand vielleicht gefragt, ob Auschwitz nicht vielmehr heute stärker im öffentlichen Bewusstsein ist, als je zuvor? Dies wurde zwar in der Diskussion selber ausgesprochen, aber nirgends als Widerspruch wahrgenommen.

          Auch dass unter „Auschwitz“ seit 1945 sehr unterschiedliche Dinge verstanden wurden und es darüber – nicht nur während des kalten Krieges – massive Konflikte gab, wurde nirgends erwähnt. In der Sendung wurde stark betont, Juden solle man auf keinen Fall auf Auschwitz reduzieren. Das ist sicher richtig. Aber tun solche Sendungen nicht genau dies? Vielleicht wollte man weder über das Thema noch mit den geladenen Gästen in ein echtes Gespräch eintreten, welches solche und andere Widersprüche zugelassen hätte.

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