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Europa im Fernsehen Brigitte Bardot ins Dschungelcamp!

03.01.2010 ·  Europa wächst zusammen, doch das Fernsehen wird immer provinzieller. In den Unterhaltungsshows trifft man nur noch auf nationale Größen, Europa wird ins Spartenprogramm verbannt. Warum eigentlich treten im deutschen Fernsehen kaum noch internationale Gäste auf?

Von Nils Minkmar
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Wer mit dem Fernsehen groß geworden ist, kennt Europa: Prag durch „Pan Tau“, Yorkshire durch den „Doktor und das liebe Vieh“ und die kurzen, heißen Sommer auf Småland durch die Filme mit Pippi Langstrumpf. Später bekam man mit, dass der Wilde Westen auf dem Balkan, in Andalusien oder bei Rom inszeniert werden kann, was der Freude am Cowboyfilm keinen Abbruch tat und den europäischen Horizont eben um den „Silbersee“ erweiterte. Und all diese Produktionen waren mit Autoren und Schauspielern verbunden, die - von Astrid Lindgren bis Terence Hill - ab und zu nach Deutschland kamen und im Fernsehen auftraten.

Shows, Talk- und Spielsendungen waren eigentümlich stolz, Gäste „aus dem Ausland“ dazuhaben, die überschwenglich zu „Weltstars“ befördert wurden, wenn sie einmal in Montreux gesungen hatten. „Gastgeber“, die beim Herabsteigen der Showtreppe ihr Publikum in mehreren Sprachen begrüßen konnten, galten als schick. Heute scheint bisweilen schon die Beherrschung des Hochdeutschen ein Karrierehemmnis darzustellen.

Im Regionalbereich

Auch Schlagersendungen hatten es sich über Jahrzehnte zu ihrer vornehmsten Pflicht gemacht, Weltläufigkeit zu demonstrieren und eine Eleganz zu pflegen, die, so wusste man es bis in die siebziger Jahre, erst hinter den Landesgrenzen begann. Heute mögen wir über Wencke Myhre, Gitte Hænning und Mireille Mathieu mit ihrer atombombensicheren Frisur lachen, aber jahrzehntelang erinnerten sie das Publikum daran, dass es so etwas wie Europa gibt und dass es weiter zusammenwächst. Doch welcher Radiosender spielt heute überhaupt noch Chansons, vom Fernsehen ganz zu schweigen? Wo könnten, von Carla Bruni abgesehen, frankophone Stars mal live und in Farbe zu bewundern sein? Auf welchem Sender wäre das Festival von San Remo zu verfolgen? Und wer ist gerade hip in Schweden?

In der Jubiläumssendung zum fünfzigsten Geburtstag von „Stars in der Manege“ am vergangenen Montag war diese Tendenz klar zu erkennen: In den ersten fünf Jahrzehnten jener Sendung kam ein großer Teil der auch dem deutschen Publikum bekannten Stars aus dem europäischen Ausland: Gilbert Bécaud, Caterina Valente, Claudia Cardinale, Oleg Popow und viele andere sind dort für den guten Zweck aufgetreten. Das galt aber leider nur für die Ausschnitte von anno dazumal. Die aktuelle Sendung schien sich, was die Gäste betraf, auf den Einzugsbereich des Münchener Verkehrsverbundes zu beschränken. Nichts gegen Nina Ruge, die Wepper-Brüder, Uschi Glas und Christian Ude, aber in ihnen bildete sich in jener Gala der tragische und anachronistische Rückzug des Fernsehens auf berechenbares Terrain ab.

Verschleierte Realitäten

Nun haben wir in Europa zwar ein politisches und juristisches Gebilde von einst unvorstellbarer Ausdehnung und besonderer Tiefe, aber im Fernsehen - Nachrichten ausgenommen - ist davon nichts zu spüren. Da ist Unterhaltung Ländersache, wenn nicht gar, wie im raabschen Ländervisionswettbewerb, Regionalsache.

Obwohl also Kinder und Jugendliche in eine Welt hineinwachsen, in der Nationalstaaten bloß die Bedeutung beanspruchen dürfen, die früher mal mittlere Bundesländer innehatten, bereitet sie das Fernsehen immer schlechter auf diese Realität vor. Vielleicht war Sarkozys Idee, einen französischen Minister ins Bundeskabinett zu entsenden, verfrüht - in eine deutsche Gesprächssendung könnte sich aber schon mal einer verirren.

Berechenbare Sätze

Es mag mit der Quote zusammenhängen: In den Jahren, als Ausländer zu einer gelungenen Show dazugehörten, wurde Quote für die Öffentlich-Rechtlichen zwar gemessen, war aber noch nicht das Maß aller Dinge. Es gab keine private Konkurrenz. Also durfte Bio die Monty Python oder Milva in seinen „Bahnhof“ einladen, niemand bekam es mit, wenn bei den übersetzten Gesprächen einige Zuschauer umschalteten. Heute traut sich bloß noch „Wetten, dass . . .?“ ausländische Berühmtheiten aufs Sofa zu setzen - für wenige, berechenbare Sätze und nur bei garantiertem Quotenerfolg. Aber immerhin und wer weiß, wie lange noch?

Es ist wirklich paradox: Unsere politischen Entscheidungsträger müssen ihre europäischen Kollegen oft im Schnellverfahren so gut kennenlernen, dass sie ihnen blind vertrauen - aber der Öffentlichkeit bleibt diese Anstrengung erspart, man merkt sich oft nicht mal die Namen der europäischen Regierungschefs, von den bei den Nachbarn geschätzten Künstlern oder Promis ganz zu schweigen.

Selbst interessierte, europäisch gesonnene Leser staunen, wenn ihnen im Urlaub eine französische oder spanische Illustrierte in die Hände fällt: kaum ein bekanntes Gesicht unter den beliebtesten Schauspielern, Musikern, Comedians unserer Nachbarländer. An den Produkten liegt es nicht: Ein französischer Komiker wie Dany Boon, dessen „Schtis“ auch hierzulande ihr Publikum fanden, könnte auch bei Raab oder Schmidt auftreten, die jeweilige kulturelle Distanz ist auch nicht größer als jene von Wim Thoelke zu Bud Spencer.

Unter nationaler Fuchtel

Europa muss nicht Hochkultur bedeuten, im Gegenteil. Mit großem Spaß wurde einst das „Spiel ohne Grenzen“ zelebriert, schon die Eurovisionshymne verlieh solchen Albernheiten eine Anmutung von Relevanz. Warum also enden beispielsweise die Castingshows immer an den alten Grenzen? Warum suchen Heidi oder Dieter ihre neuen Kollegen nicht auch mal auf Sizilien, in Irland oder Schweden? Warum gibt es kein europäisches Dschungelformat mit Brigitte Bardot, John Cleese und Roberto Benigni?

Der deutsch-französische Kultursender Arte dient allzu gut als Alibi. Europa wurde in ein Spartenprogramm verbannt, der Rest der Prime Time kann von den Nachbarn unbehelligt und sicher unter der Fuchtel der jeweils Regierenden verbleiben, ihre Macht schrumpft ja zusehends in globalisierten Zeiten, da will man wenigstens im nationalen Fernsehen etwas zu melden haben. Alle Länder tun so, als müssten die Fernsehsender ihr Publikum vor den lebenspraktischen Konsequenzen der europäischen Einigung irgendwie bewahren. Ab und zu sieht man im französischen Fernsehen Angela Merkel - unter Linken dort immer ein Grund zum Jubeln, gilt sie doch als die Einzige, die Sarkozy wenigstens ab und zu mal die Meinung sagt - aber nie Hape Kerkeling, Till Brönner oder Charlotte Roche.

Den nationalen Horizont überwinden

Europa muss von Kanada lernen, wie man die Vielfalt des eigenen Kulturraums mit wenigen, cleveren Mitteln, wie Quoten für europäische Produktionen in den öffentlich-rechtlichen Sendern, bewahrt und fördert. Das sollte sich auf alle Bereiche erstrecken. Warum kann das Debakel der Kopenhagener Konferenz im deutschen Fernsehen nur mit deutschen Menschen besprochen werden? Und warum kommen in einer modernen und ambitionierten Dokumentation wie der ARD-Produktion über den Hungerwinter 1946/47 nicht auch polnische, britische und französische Zeitzeugen zu Wort? Schließlich ging es da ja nicht um letzte kontroverse Fragen der Zeitgeschichte, sondern um ein damals in Europa arg verbreitetes menschliches Elend.

Die erneute Überwindung des nationalen Horizonts bedürfte einer Anstrengung, auch des Publikums. Bislang müssen sich für Europa nur die Profis anstrengen. Das sollte nicht so bleiben. Es würde sich dann übrigens erweisen, dass viele Moderatoren und Entertainer durchaus mehrere Sprachen beherrschen und ein echtes Interesse an der Außenwelt hegen, welches sie aber in den engen Formaten ihrer engen Studios nicht recht entfalten können - könnte ja, oh weh, Quote kosten.

Dabei ist die Vorbereitung des Publikums, insbesondere der Kinder und Jugendlichen, auf den europäischen Kuddelmuddel, der schon heute ihre Lebenswirklichkeit prägt, eine der vordringlichsten Aufgaben. Nichts verbindet Erwachsene, die sich schnell auf einem Arbeitsfeld aufeinander einstimmen müssen, so sehr wie gemeinsame Kindheitserinnerungen und dort wiederum nichts so sehr wie die in der Sicherheit des Wohnzimmers tief empfundene Schadenfreude über besonders gruseliges Fernsehen.

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