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ESC-Vorentscheid : Radikal Neues?

Wer versucht es dieses Mal? Am Donnerstag läuft der Vorentscheid für den Eurovision Song Contest im Ersten. Bild: dpa

So eine aufwendige Kandidatensuche für den Eurovision Song Contest gab es in Deutschland nie. Die Misserfolge der vergangenen Jahre hat der NDR untersuchen lassen. Jetzt soll alles besser werden.

          Es ist natürlich eine Legende, dass beim vermeintlichen Gesangswettbewerb Eurovision Song Contest (ESC) automatisch der Künstler mit der besten Stimme gewinnt. Auch am Lied hängt nicht alles, auch wenn es seit Gründungszeiten um den „Chanson“ oder „Song“ gehen sollte, wie es bereits beim ersten Mal in Lugano offiziell und damals auf Italienisch hieß: „Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea“. Noch eine Legende: Ein bekannter Künstler, der seit Jahren in ganz Europa immer wieder die Hitlisten stürmt, ist ein Erfolgsgarant. Doch DJ Bobo überstand 2007 in Helsinki beispielsweise nicht einmal das Halbfinale. Geradezu ein Ammenmärchen ist die Behauptung, dass Deutschland gegen den Rest Europas sowieso keine Chance habe, weil man uns nicht leiden kann und sich zudem immer ein paar Länder zusammenrotten (vor allem im Osten), um den Sieg unter sich auszumachen. Gewinnen kann jedoch nur noch, wer aus fast allen inzwischen mehr als 40 Ländern hohe Punktzahlen bekommt. Da hilft am Ende auch keine Balkan- oder Skandinavien-Connection mehr.

          Nicht mehr als Durchschnittsware

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wer gewinnt also beim ESC? Derjenige, der heraussticht, der natürlich auch singen kann, der aber vor allem über seine drei Minuten hinaus mit seinem Auftritt in Erinnerung bleibt. Sonst hat ein Künstler im Finale, an dem 26 Länder teilnehmen, keine Chance, denn zehn Kandidaten können überhaupt nur jeweils mit Punkten bedacht werden. Das heißt sechzehn gehen stets leer aus, und das sind genau die Teilnehmer, die nicht mehr als Durchschnittsware abgeliefert haben.

          Das alles hat auch der NDR erkannt, der für den Eurovision Song Contest federführend verantwortlich ist, und das schon seit 1996. „Ich denke, wir wollten es möglicherweise immer allen recht machen und haben uns oft für Kompromisse entschieden, was letztlich zu eher durchschnittlichen Musikbeiträgen geführt hat“, sagt auch der neue Leiter der deutschen ESC-Delegation, Christoph Pellander.

          Da sang sie noch: Levina erreichte 2017 in Kiew mit ihrem Lied „Perfect Life“ den vorletzten Rang.
          Da sang sie noch: Levina erreichte 2017 in Kiew mit ihrem Lied „Perfect Life“ den vorletzten Rang. : Bild: dpa

          In diesem Jahr wurde darum alles in Frage gestellt, „sozusagen vom Kopf auf die Füße“, wie der ARD-Koordinator Unterhaltung Thomas Schreiber mitteilt. Der „komplette Neustart“ sei natürlich als Reaktion auf das schlechte Abschneiden der deutschen Beiträge in den vergangenen Jahren zu verstehen: Zweimal hintereinander war Deutschland auf dem letzten Platz gelandet, 2017 erreichte Levina in Kiew mit ihrem Lied „Perfect Life“ den vorletzten Rang.

          Um es besser zu machen, sogar viel besser, hat der NDR sein Versagen nun „wissenschaftlich“ untersuchen lassen. Für die Auswertung wurde das Kölner Unternehmen Digame Mobile verpflichtet, das seit 2004 fürs Televoting beim ESC verantwortlich ist, aber auch zum Beispiel bei „Deutschland sucht den Superstar“ und dem „Dschungelcamp“ die Publikumsstimmen zählt. Heraus kam unter anderem, dass der ESC zwar die größte Fernsehshow Europas ist, aber von den Abermillionen Zuschauern nur ein Bruchteil überhaupt am Televoting teilnimmt. Diejenigen, die anrufen oder per SMS abstimmen, sind nach Schreibers Worten proeuropäisch eingestellt und zudem tolerant im Hinblick auf „Lebensstile“. Dafür spricht nicht zuletzt, dass Conchita Wurst 2014 zwar von offizieller russischer Seite massiv angefeindet wurde („Zirkus mit bärtiger Frau“ und „Das ist Europas Ende!“), aber dann doch fünf Punkte für ihren Auftritt aus Russland bekam.

          Noch ein interessantes Ergebnis der Auswertung: Deutschlands Televoter sind nach Schreibers Worten die „europäischsten“. Das bewiesen die Abstimmungen der vergangenen vier bis fünf Jahre, die dem Gesamtresultat des ESC immer am nächsten kamen. Mit anderen Worten: Hierzulande gibt man allen Liedern eine Chance, unabhängig von nationalen Animositäten. Diese Erkenntnis führte zu einer der Neuerungen, die der NDR sich für den Vorentscheid verordnete. Es wurde eine Jury gebildet, ein sogenanntes Europa-Panel, das schon an der Vorauswahl der möglichen deutschen Kandidaten beteiligt war, aber auch an diesem Donnerstag bei der nationalen Ausscheidung in Berlin mit abstimmen wird.

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