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Erwachsen auf Probe Liebling, ich habe das Baby gekillt

04.06.2009 ·  Mit „Erwachsen auf Probe“ ist RTL etwas ganz Außergewöhnliches gelungen. Etwas Positives für die Familien. Das sah man aber erst bei Günther Jauch in „Stern TV“. Die umstrittene Reihe selbst ist fast schon kriminell.

Von Michael Hanfeld
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RTL ist mit der umstrittenen Sendung „Erwachsen auf Probe“ etwas ganz und gar unerhört Hervorragendes gelungen. Etwas, das wir dem Sender gar nicht zugetraut hätten. Und das wäre: zehn Minuten Sendezeit für Marlis Herterich, Vizepräsidentin des Deutschen Kinderschutzbunds. Zehn Minuten bei „Stern TV“, die reine Sprechzeit war natürlich wesentlich weniger, in denen jemand mit klaren Worten und gesundem Menschenverstand aus dem ganzen Gewese, das RTL um die Sendung macht und das eifernde Kritiker nur noch vergrößern, die Luft raus ließ. Zehn Minuten und drei Worte, die den Wahnwitz, den RTL veranstaltet, auf den Punkt bringen und den eilfertigen Moderator Günther Jauch alt aussehen lassen: „Was soll's denn?“

„Was soll's denn“, fragte Marlis Herterich. Was soll „Erwachsen auf Probe“ sein? Tatsächlich der von RTL versprochene Eltern-Tüv für Teenager, die meinen, sie sollten schon Kinder bekommen? Oder ist es nicht eher doch, wie von manchen Kritikern behauptet, „Kindesmissbrauch“. Es ist eher Letzteres, wobei nicht nur die Kleinkinder, die nicht für Tage und Nächte, sondern für ein paar Stunden in die Hände von Teenagern gegeben werden, missbraucht werden, die jungen Leute werden es ebenfalls. Sie werden überfordert und vorgeführt, „bloßgestellt“, wie Marlis Herterich sagte. Und für was? Für eine Sendung, die, um es ganz unfeuilletonistisch zu sagen, nichts anderes ist als eine einzige Heuchelei. Der reine Dreck.

Kleinkinder im Menschenzoo

Wenn es tatsächlich darum gehen sollte, Teenagern die Mühen des Elterndaseins nahezubringen, dann könnte man dies anders unternehmen als auf diese „Big-Brother“-Art und Weise. Man könnte junge Leute tatsächlich - auch das fiel Marlis Herterich ein - zwei Wochen lang mit einer Babypuppe umgehen lassen und ihnen peu à peu die ebenso glückseligmachende wie bittere Wahrheit übers Kinderkriegen und Kinderhaben beibringen: Es ist verdammt anstrengend. Man lernt ohne Schlaf zu leben, hört auf, Erwachsenenliteratur zu lesen, dämmert vor der Glotze weg, tauscht mit seinem Partner nur noch das Nötigste aus, erinnert sich wehmütig an die rauschenden und libidinösen Zeiten davor und bekommt dafür im Tausch, wenn man Glück hat, die schönsten Momente des Lebens, die Chance, auch mit sich selbst noch einmal von vorn zu beginnen, Verantwortung zu tragen und ein besserer Mensch zu werden. Wenn man Pech hat, wird man allerdings nur gemeinsam fett, hat keinen Sex mehr und hört auf, am kulturellen Leben teilzuhaben, sehen wir von den Kindergartenfesten einmal ab.

Doch um all das geht es bei „Erwachsen auf Probe“ selbstverständlich nicht. Hier geht es nicht um Menschen, sondern um einen Menschenzoo, den wir im Fernsehen ja längst schon haben, nur wurden Babys und Kleinkinder bislang eher beiläufig am Nasenring vors Publikum geführt. Hilflose Teenager und Eltern am Rande des Wahnsinns aber kennen wir längst. Wer auch nur eine Ausgabe von „Frauentausch“ bei RTL2 gesehen hat, der weiß, wovon die Rede ist. Bei „Erwachsen auf Probe“ sehen wir nun vier junge Paare: Lila und Sebastian, Tamara und Basti, Nadine und Elvir sowie Anji und Mario. Dass sie mit Bedacht ausgewählt worden sind als prototypische Vertreter von Beziehungsproblemlagen, die auch ohne Kinder schon spannend genug zu lösen sind, ist von vornherein klar. Da gibt es die liebevollen Chaoten, die vom Leben hart Geprüften, die sich durchbeißen, die kurz angebundenen Romantiker und - die Loser.

Die Verlierer in diesem inszenierten Reigen sind Nadine und Elvir. Von ihnen haben wir schon nach der ersten Folge genug gesehen. Sie schaffen es nicht, einen Ikea-Stuhl zusammenzuschrauben (wobei das in der Tat eine Aufgabe ist, an der Millionen von Menschen scheitern), Elvir hat nach einem Tag keine Lust mehr, arbeiten zu gehen und will statt dessen seine hochschwangere Freundin (die mit einem künstlichen Babybauch herumläuft) zum Geldverdienen schicken. Er bekundet zudem ganz lässig, dass er Nadine schlägt, wenn sie ihm nicht den nötigen „Respekt“ zollt und schließlich erstickt er im Schlaf die ihm und seiner Freundin anvertraute Babypuppe. Als er aufwacht, will er deswegen von Nadine aber nicht „angezickt“ werden. Er hat ein ganz anderes Problem: Elvir hat geträumt, dass ihn seine Freundin betrügt. Die Zuschauer fragen sich zu diesem Zeitpunkt längst, wie lange sich das Mädchen eine solche Unterdrückung noch gefallen lassen will.

Wem geben Sie Ihre Kinder, Katja Kessler?

An diesem Punkt kommt Katja Kessler ins Spiel, die sich als Familienfachfrau (mit vier Kindern) einen Namen gemacht hat und ihren Namen für dieses Format hergibt. Sie darf entscheiden, welche Paare ein „echtes“ Baby bekommen. Nadine und Elvir bekommen keines, zumindest noch nicht in der zweiten Folge von „Erwachsen auf Probe“, wohl aber in der dritten, wie wir im Trailer erkennen können. Die Möchtegerneltern müssen ein wenig nachsitzen und einen weiteren Tag mit der Babypuppe verbringen, während sich die drei anderen Teenagerpaare schon um die Leihkinder kümmern.

Würde es an dieser Stelle mit rechten, verantwortungsgeleiteten Dingen zugehen, dann dürften Nadine und Elvir nicht nur in der dritten Folge kein Baby übergeben bekommen, sondern gar nicht. Man kann kaum ansehen, wie die beiden miteinander umgehen und möchte sich nicht vorstellen, wie es einem Kind in ihrer Obhut ergeht. Die wehleidige Selbstverliebtheit, die der selbsternannte Herr in diesem Elternhaus von „Erwachsen auf Probe“ an den Tag legt, ist nicht nur nervtötend, sie ist gefährlich.

Stellen wir also an die prominenten Protagonisten und die Verteidiger der Reihe die Kardinalfrage: Würden Sie - Sie, Katja Kessler, Sie Günther Jauch (um nur zwei naheliegende Beispiele zu nennen) - ihre eigenen Kinder unter diesen Umständen auch nur für fünf Minuten in die Obhut dieser beiden Teenager geben? Würden sie nicht! Und das mit Recht. Denn wer seine Kinder tatsächlich, wie RTL so schön aus dem Off säuselt, für das Wertvollste hält, das ihr oder ihm gegeben ist, der setzt sie nicht der Gefahr aus, bei einem solch blöden Fernsehexperiment seelisch und körperlich Schaden zu nehmen. „Mir ist nicht ganz wohl dabei“, sagt eine Mutter, als sie ihr Kind den Teenagern für die nächsten Stunden überlässt; die Qualen, die die Mütter durchleiden, da sie am Monitor mitverfolgen, was sich mit ihren Kindern in den Häusern abspielt, kann man an ihren Gesichtern ablesen.

Billiger Mist

Diese Sendung ist nicht harmlos. Sie wäre es, hätte man es bei den Babypuppen belassen. Sie wäre es, führte man die Teenager wirklich an die Elternaufgabe heran und stellte nicht bloß Aufpasser hinter die Tür, die das Schlimmste verhüten sollen. Sie wäre es, gäbe es helfende Großeltern und einen funktionierenden Familienverbund, wie er bei den Vorzeige-Teenager-Eltern im Hintergrund wirkt, die Günther Jauch in „Stern TV“ auch als Beispiel aufbot. Doch davon gibt es bei „Erwachsen auf Probe“ nichts.

Man muss kein konservativer Familienfetischist sein, um diese Show für billigen Mist zu halten, man muss sich den zum Teil schrillen Vorwürfen nicht anschließen, doch man muss die, die sich zu Wort gemeldet haben, auch nicht in Bausch und Bogen für hysterisch oder minderbemittelt halten, denn sie beschweren sich - wenn auch zu früh - aus richtigem Grund. Zu früh, weil die Sendung erst am Mittwochabend gelaufen ist, zu spät, weil die Dreharbeiten im vergangenen September waren. Die Kinder haben die Rosskur schon lange hinter sich. Wobei wir uns an dieser Stelle den Vergleich mit Tagesmüttern oder Kitas, in deren Obhut man die Kleinsten gibt und also den Eltern entreißt, verbitten wollen; schließlich handelt es sich dabei nicht um überforderte Teenager, die lieber eine rauchen, als das Baby zu wickeln.

Lange Rede, kurzer Sinn. Zitieren wir abermals Marlis Herterich: RTL sollte „Erwachsen auf Probe“ nicht fortsetzen und auf keinen Fall neue Folgen produzieren. Die Sendung taugt für gar nichts, schon gar nicht für eine ernsthafte Familiendebatte. Dass die britische BBC mit der Vorbildserie „Baby Borrowers“ offenbar kaum Probleme hat und angeblich Kleinkinder mit „Trennungserfahrung“ für die Show sucht, sollte einen nicht beruhigen. Es sollte einem zu denken geben - allerdings nur mit Blick auf die Standards dieses öffentlichen Senders.

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