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Erinnerung an Willy Brandt Der Vorschein auf eine bessere Welt

17.12.2008 ·  Es gab einmal Gründe, in die SPD einzutreten. Willy Brandt etwa, der den Deutschen den Aufbruch versprach, den sich Amerika heute von Obama wünscht. Jochen Hieber, Jahrgang 1951, und Tobias Rüther, Jahrgang 1973, erinnern sich an den Politiker, dem der NDR eine ganze Nacht widmet.

Von Jochen Hieber
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Der schwebenden Aura Willy Brandts und der harschen Rhetorik Herbert Wehners wegen bin ich 1969, nicht ganz achtzehn Jahre alt, in die SPD eingetreten. Fast überall in Baden-Württemberg, auch in meiner Heimatstadt Aalen, hatte die CDU damals üppige Mehrheiten in den Stadt- und Kreisparlamenten, von Stuttgart aus regierte Hans Filbinger das Land. Kulturpolitischer Berater der Landtags-CDU war der gut vierzigjährige Wolfgang Hegele, der an unserem Gymnasium Deutsch, Geschichte und, so hieß das Fach, Gemeinschaftskunde unterrichtete - je einmal pro Woche bot er nachmittags zudem einen Literatur- und einen Philosophiekurs an. Dort las Hegele, ein liberaler und kämpferisch toleranter Konservativer, mit uns Dürrenmatt und Frisch, Sartre und Camus, aber eben auch „Katz und Maus“ von Günter Grass und Ernst Blochs „Das Prinzip Hoffnung“.

Die Verfilmung von „Katz und Maus“ hatte ich 1967 sofort im Kino gesehen. Willy Brandts Söhne Peter und Lars wechselten sich darin in der Rolle des Rebellen Joachim Mahlke ab. Das imponierte ungemein. Lars war mein Jahrgang, und der drei Jahre ältere Peter äußerte sich in aller Öffentlichkeit kritisch über seinen Vater, der sich anschickte, vom Außenminister der Großen Koalition zum ersten sozialdemokratischen Kanzler des Landes zu werden - und dieser Politikervater verteidigte die Kritik als das demokratische Recht des Sohnes dann sogar auf Parteitagen.

Gehen Sie in eine Partei

Für diesen Politiker zogen 1969 - nicht zum ersten Mal - einige jener Schriftsteller in den Wahlkampf, die ich mehr bewunderte als las: neben Grass auch Heinrich Böll und Siegfried Lenz. Dass zwei andere, deren Bücher mir wichtiger waren, Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger, der parlamentarischen Demokratie weiland und vorübergehend nicht mehr über den Weg trauten, konnte ich, zumal nach dem Attentat auf Rudi Dutschke im Jahr zuvor, zwar verstehen - mit dem bei Hegele gelernten und von ihm auch praktizierten staatsbürgerlichen Engagement kam es nicht überein. „Wenn Sie etwas verändern wollen“, pflegte er zu sagen, „gehen Sie in eine Partei.“ Dass es bei mir die SPD war, wunderte ihn nicht, und natürlich nahm er es nicht im Geringsten übel.

Zumal Herbert Wehner und der 1967 gestorbene SPD-Fraktionsvorsitzende Fritz Erler hatten mich zu einem begeisterten Zuschauer von Parlamentsdebatten werden lassen - vorab die Wortduelle der beiden mit Franz Josef Strauß, nach seinem Rücktritt als Verteidigungsminister von 1962 an Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag, waren Höhepunkte des frühen Fernsehens. Willy Brandt nahm ich kaum als Parteipolitiker, aber auch nicht einfach als Visionär wahr. Für mich war es ein Novum schlechthin, dass er als Staatsmann Wert auf Nichtautorität legte. Vor allem jedoch verkörperte er sehr real das Prinzip Hoffnung und war damit, Ernst Blochs Zentralbegriff gemäß, ein Agent des „Vorscheins auf eine bessere Welt“.

Atemberaubende Dichte

Als er am Wahlabend des 28. September 1969 um kurz vor Mitternacht seinen Anspruch auf das Amt des Bundeskanzlers kundtat und einen Monat danach in der ersten Regierungserklärung seiner Mini-Mehrheits-Koalition mit der FDP dann mehr Demokratie zu wagen versprach, hatte er, wiederum ganz im Sinne meiner Bloch-Lektüre, jene „Erwartungsaffekte“ bedient, derentwegen damals sehr viele und zumal junge Leute der Partei beitraten. 1961, als Brandt erstmals Kanzlerkandidat war, hatte die SPD 600.000 Mitglieder, Anfang der siebziger Jahre waren es 950.000, 1976 war die Million erreicht, heute sind es noch knapp 530.000.

Die schiere Dichte der real- und symbolpolitischen Großereignisse des Jahres 1970 war atemberaubend - für Anhänger und Gegner gleichermaßen. Am 19. März fuhr Brandt zum Treffen mit dem DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph nach Erfurt, am 12. August unterzeichnete er den Moskauer, am 7. Dezember den Warschauer Vertrag. Der Kniefall jenes Tages am Mahnmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto war einst eine in Polen und in der Bundesrepublik umstrittene Geste - in einer Umfrage von Allensbach befürworteten sie hierzulande nur 41 Prozent -, gleichwohl war sofort zu spüren, dass sie für immer bleiben und gültig sein werde.

Wechselseitige Erschöpfung

Im Herbst 1970 begann ich zu studieren - und das Interesse an der Bonner Politik nahm rapide ab. Willy Brandt elektrisierte meinesgleichen noch dreimal - am 27. April 1972, dem Tag des gescheiterten Misstrauensvotums gegen ihn und seine Regierung, am Abend des 19. November, als die SPD erstmals bei einer Bundestagswahl stärkste Partei wurde, und schließlich in den Tagen vor dem 7. Mai 1974, in denen man heftig über das Für und Wider seines möglichen Rücktritts wegen der Guillaume-Affäre diskutierte. Ansonsten war Realpolitik einige Jahre lang nur noch Anlass für Protestresolutionen und Demonstrationen - mit ihren Akteuren, sogar mit Willy Brandt, verbanden sich keine Sympathien mehr. In Wahrheit schon Nachläufer, taten wir noch eine Weile so, als gäbe es die Studentenbewegung noch. Die Mitgliedschaft in der SPD wurde nicht gekündigt, sondern einfach vergessen - und die Göttinger „Rote Zelle Lehramtskandidaten“ - kurz: Rotzlehr - verlangte kein Mitgliedsbuch.

Bis das Interesse an wirklicher Politik zurückkehrte, vergingen fast vier Jahre, bis zum realen Austritt aus der SPD aufgrund wechselseitiger Erschöpfung weitere dreißig. Aber das ist eine andere Geschichte. Morgen wäre Willy Brandt 95 Jahre alt geworden. Mir scheint, keinen Politiker habe ich mehr verehrt.

Zum Beitrag von Tobias Rüther: Willy Brandt: Der Kanzler, der aus der Kälte kam

Willy Brandt, der Kanzler der Ostpolitik, wäre an diesem Donnerstag 95 Jahre alt geworden. Der NDR erinnert zu diesem Datum an den Politiker, der das Vermächtnis seines Wirkens am 9. November 1989 noch erlebte, als die Mauer fiel. Der einstige Bundeskanzler, Regierende Bürgermeister von Berlin und SPD-Ehrenvorsitzende verstarb am 8. Oktober 1992. Die Willy-Brandt-Nacht läuft heute von Mitternacht an im NDR-Fernsehen.

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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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