03.01.2007 · Die amerikanische Serie „24“ über eine Anti-Terror-Einheit hat ein neues Genre begründet. Neben der Echtzeit-Idee halten ein halbes Dutzend filmischer Kniffe den Zuschauer in Spannung. Der Computer spielt dabei eine geradezu göttliche Rolle. Heute läuft bei RTL II die fünfte Staffel an.
Von Norbert SchneiderDie Serie „24“ - „24 hours“ im amerikanischen Original -, die in ihrer heute beginnenden fünften Staffel mittlerweile am fünften Tag angelangt ist, ist aus mehreren Gründen ziemlich bemerkenswert. Natürlich fällt die Echtzeit-Idee, die reale Abbildung von Zeit in der Fiktion (in diesem Fall die Begrenzung auf nahezu 24 Stunden, die nur dadurch etwas verkürzt werden, weil es ohne Werbung nicht geht), ins Auge. Sie ist weit mehr als eine formale Spielerei. Damit ist nicht weniger als ein neues Genre erfunden worden. „24 „ sieht zwar immer noch aus wie eine Serie. Die Autoren spielen mit deren eingeführten Elementen, etwa mit dem cliff hanger. Doch dass es sich um etwas wirklich Neues handelt, bestätigt ein empfehlenswerter Selbstversuch, in dem der Zuschauer sein Sehverhalten ebenfalls dem Vierundzwanzig-Stunden-Prinzip annähert. „24“ ist eigentlich geschaffen für das Schauen am Stück. Erst dann entfaltet diese Idee von Realzeit in der Fiktion ihre volle Wirkung.
Die Figuren der Geschichte bleiben zwar im Erwartungshorizont des erfahrenen Serienkonsumenten. Doch sie gehen, um die Spannung in jedem Augenblick hoch zu halten, mindestens in drei Momenten an die Grenze des Gewohnten und darüber hinaus.
Auch Sympathieträger müssen sterben
Bei Figuren, deren Kommunikation zwar nicht die Handlung treibt, die beim Publikum aber mit hoher Sympathie besetzt sind, die er also nicht verlieren möchte, riskiert es „24“, dass sie, gegen jede Erwartung, von Fall zu Fall sterben müssen. Jack Bauers Frau machte hier in der ersten Staffel den traurigen Anfang. Seine Tochter folgte. Und zuletzt war es sowohl die epileptische Tochter der Anti-Terrorismus-Chefin als auch der lebensrettende Schwiegersohn des amerikanischen Außenministers, deren Tod zu beklagen war. Kiefer Sutherland, der Jack Bauer von „24“, hat in einem Interview gesagt: „Ich würde auch nicht ausschließen, dass Jack Bauer stirbt. Wenn alle sicher wären, dass Bauer überlebt, würde das der Serie die Spannung nehmen.“
Ein zweites spannungssteigerndes Moment ist das Spiel mit dem Verdacht. In allen Folgen gibt es die Verräter, von den Terroristen in die CTU, die Anti-Terror-Einheit, eingeschleust. Dies fordert vom Zuschauer, fortwährend wachsam zu sein, niemanden für den zu nehmen, der zu sein er vorgibt. Dabei greifen die Autoren auf den schon im Kindertheater immer wieder funktionierenden Trick zurück, dass der Zuschauer den Verräter vor den handelnden Personen identifiziert hat, die Betroffenen aber nicht warnen kann. Zugleich zitiert „24“ auch aus der Verdachtshysterie nach dem 11. September 2001: Trau keinem - jeder könnte es sein.
Respektlosigkeit gegenüber Politik
Nicht neu, aber neu doch in der Zuspitzung und sehr gewöhnungsbedürftig für deutsche Augen ist, mit welcher respektlosen Unbekümmertheit Regierungshandeln und politisches Spitzenpersonal vorgeführt werden: als Effekt eines von Intrigen geschüttelten Familienlebens wie bei Präsident Parker oder auch als Groteske, die von einem Vizepräsidenten aufgeführt wird, der agiert, als würde Dick Cheney von Bob Hope gespielt. Man kann sich unschwer vorstellen, was geschähe, handelte es sich bei solchen politischen Knatterchargen um deutsche Politiker. Unverzüglich käme der Vorwurf, man missachte die Würde des Parlaments und erzeuge Politikverdrossenheit. Glückliches Amerika.
Auffällig ist, mit welcher Selbstverständlichkeit der Geschichte in Fällen, in denen die Handlung unrettbar gegen die Wand laufen würde, jede Art von Logik vorenthalten wird. Wenn es nur dem Gang der Handlung dient, macht die Natur der Geschichte jede Menge Sprünge.
Der Computer ist dreifaltig
Aber gerade diese offensichtlichen Schwächen in der sichtbaren, der analogen Logik führen auf einen entscheidenden Punkt von „24“. Es ist die dominierende Rolle des Computers. Er tritt zwar, weil er nicht so leicht inszenierbar ist wie ein analoger Held aus Fleisch und Agentenblut, hinter den Figuren zurück. Sieht man der Geschichte jedoch auf die Finger, stellt man fest, dass alle Wege in den und aus dem Computer führen. Er ist das Nadelöhr, durch das nicht nur die Handlung, sondern auch die Helden gehen oder kriechen müssen. Zwar ist richtig: Der Held denkt. Jack Bauer zumal weiß fast immer, was passieren wird. Doch ebenso gilt: Der Computer lenkt. Er und seine beiden Helfer, das mobile Telefon und der Satellit, bilden so etwas wie eine digitale Trinität.
Die Wahl des Wortes Trinität geschieht mit Bedacht. Der Computer, wie wir ihm in „24“ begegnen, verfügt nämlich über vier Merkmale, die man üblicherweise sonst nur Gott zuschreibt. Er ist zwar in der Zentrale ortsgebunden, doch er agiert, alle Distanzen im Zweifel überspringend, etwa mit dem Handy, ubiquitär. Er ist allgegenwärtig. Zugleich ist er allwissend. Er ist es, nicht die Phantasie der Akteure, der an den Brennpunkten der Handlung leuchtet. Wenn alle anderen am Ende ihrer Weisheit sind, weiß er allein noch eine Antwort.
Das digitale Lichtlein brennt
Und der Computer ist allmächtig. Special agent Jack Bauer, der gegen das Unrecht kämpft und dabei den Rechtsstaat nicht selten gleich mit erledigt, ist absolut gebunden an ein Computerbild einer alten Fabrik, wenn er erkunden möchte, wer sich dort versteckt hält. Ohne dieses Bild, das natürlich über einen Satelliten kommt, stockt sein Agentenleben. Wenn sich die Spuren verlieren, wenn die Not groß ist und die Zeit drängt, reicht ein einziges Datum eines Unbekannten, das normalerweise nichts wert ist. Man muss es nur mit einem bestimmten Programm in Berührung bringen, um in Sekunden aus einem Nichts ein eng beschriebenes Blatt eines Menschen zu machen, an dessen Fersen man sich jetzt heften kann. Der schnelle Datenabgleich bringt jeden auf der Stelle tretenden Handlungsstrang unverzüglich in Schwung.
Dabei werden die, die man Datisten nennen könnte, nahezu wie Antihelden, jedenfalls als eher beschränkt präsentiert, als Menschen mit Schrulle und Tick, in denen auch deshalb niemand Helden sehen würde, weil die Heldenrolle längst besetzt ist. Wenn alles ins Ausweglose abgeht, wenn die Logik verdorrt ist, wenn die Spuren verweht sind und die Ermittler wütend durch Sackgassen stampfen, geht ein digitales Lichtlein an - und schon sind alle wieder in Aktion. Beachtet man diese Rolle des Computers, dann gehört Jack Bauer nur scheinbar in die Tradition der großen Serienhelden, von Richard Kimble bis Commissario Cattani (der freilich wie vielleicht einmal Jack Bauer mitten in der Serie stirbt). Er hat die Fäden nicht mehr in der Hand, er hängt in Wirklichkeit am Tropf der digitalen Maschine.
An das Unsichtbare glauben
Der Computer ist zudem - die vierte göttliche Zuschreibung - unerforschlich. Der Zuschauer, dessen Computergläubigkeit mit jeder Folge wächst, versteht am Ende nie genau, was sich auf dem Display abspielt. Man kann dem Computer nicht in die Karten sehen. Das können allenfalls die digitalen Priester, die Programmierer. Mit „24“ gelingt es, alle Vorbehalte gegen die Maschine abzustreifen, vor allem den Vorbehalt Mensch. „24“ liefert uns im Unterhaltungsgewand die Maschine als Gott.
Mithin ist diese Serie die erste Geschichte aus der Turing Galaxis, in der die Beteiligten an die Digitalisierung glauben, was im übrigen auch ein Glaube an das Unsichtbare ist. Vor allem aber ist dies ein Glaube gegen die Ungesichertheit des nächsten Augenblicks, der in Zeiten des Terrorismus seine tröstlichen Geschichten erzählt. Deus est machina. Oder, weil man auch in Zeiten der Digitalisierung mit Analogien vorsichtig sein sollte: Die Maschine ist der Götze und der Mensch ihr treuer Diener.