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Erfahrungsbericht eines Wikipedia-Autors : Relevanz ist machbar, Herr Nachbar

  • -Aktualisiert am

Bei Wikipedia sollte man vor allem seine eigenen Artikel nicht aus dem Blick verlieren Bild: dpa

Warum schreibe ich kostenlos Hunderte Artikel für die Online-Enzyklopädie Wikipedia? Aus Enthusiasmus für die Sache. Dafür nehme ich den einen oder anderen „Edit-War“ in Kauf.

          Am Anfang war „Vandalismus“. Beim Radeln durch den Stadtpark hatte ich mich mächtig geärgert und schrieb daraufhin in den Wikipedia-Artikel über meine Heimatstadt hinein, eine der regelmäßigen Veranstaltungen im Ort sei die ständige Reduzierung des Baumbestandes durch des Bürgermeisters Kettensägen-Gang. Diese Bemerkung war im aktuellen Artikel exakt zwei Minuten zu sehen, dann hatte ein aufmerksamer Beobachter sie als Vandalismus bewertet und in die Versionsgeschichte verbannt. Auffindbar ist der Kettensägen-Satz immer noch, nur liegen inzwischen Hunderte von Bearbeitungsversionen über ihm. Es war ein peinlicher Beginn, wenig zuvor hatte ich mich in der deutschsprachigen Wikipedia (WP) mit meinen Klarnamen angemeldet. Die meisten Autoren verwenden ein Pseudonym, den sogenannten „Nickname“.

          “Artikelstart“ bedeutet die Texterstellung unter einem „Lemma“, der Grundform eines Wortes, nach der im Lexikon gesucht wird. Mit Abspeicherung in der Wikipedia werden die Rechte am Text aufgegeben, er ist „gemeinfrei“ geworden. Danach kann dann jeder, ob angemeldet oder unangemeldet, den Text verändern. Oft bleibt aber der Artikelstarter auch Hauptautor des Textes, baut ihn aus und verbessert ihn. Das lässt sich in der Versionsgeschichte überprüfen.

          In der zweiten Reihe klafften große Lücken

          Journalisten-Kollegen wundern sich darüber, dass ich so viele Stunden honorarfrei an Texten arbeite. Es ist ein Hobby. Ich schreibe, wenn mir gerade danach ist. Ich bin Kriminologe, da sind Sachartikel über kriminologische Grundbegriffe und Theorien naheliegend. Dazu kommen Texte zur schleswig-holsteinischen Heimatkunde und Zeitgeschichte. In diesen Themenbereichen starte ich nicht nur Artikel, ich pflege auch (mit vielen anderen) den Bestand, sichte und korrigiere Bearbeitungen und neue Artikel. Und ich habe sehr viele Personenartikel über (fast) vergessene Soziologen geschrieben.

          Über die deutschen Berühmtheiten der Zunft, von Theodor W. Adorno bis Max Weber und Ferdinand Tönnies, gab es schon Artikel, als ich mich in der WP anmeldete. Aber in der zweiten Reihe klafften große Lücken. Mein erster größerer Personenartikel galt Alfred von Martin. Dieser Historiker und Soziologe hatte über einen Zeitraum von siebzig Jahren wissenschaftlich publiziert und noch in die Nachkriegs-Soziologie hineinwirkt. An der Universität München verwaltete er in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den neugeschaffenen Soziologie-Lehrstuhl, bis dieser nach langen bildungspolitischen Querelen mit dem aus dem Exil zurückgekehrten Emerich K. Francis besetzt wurde. Ihm galt einer meiner nächsten Artikel. Davor gab es Texte über die ersten beiden deutschen Kriminologie-Professoren, Hans Göppinger (Tübingen) und Heinz Leferenz (Heidelberg). Erich von Kahler, ein Freund Thomas Manns, war der erste Emigrant, über den ich schrieb.

          Frei formulierte Texte gelten als „Theoriefindung“

          Für meine Bemühungen erhielt ich eine Auszeichnung. Anfangs begegnete ich der Sache mit norddeutscher Abneigung, versteckte sie gar eine Weile in der Versionsgeschichte. Inzwischen halte ich das Lorbeerblatt in Ehren, denn mit den Jahren bekam ich heraus, dass es sich bei dem inzwischen verstorbenen Mann, der als „[Euro]pa“ in der Wikipedia wirkte und mir das Lob zuteilwerden ließ, um einen bedeutenden deutschen Gelehrten gehandelt hatte, dem ich vor unserer Online-Bekanntschaft persönlich mehrfach begegnet war. Seine Beiträge auf Artikeldiskussionsseiten vermisse ich sehr.

          Bald wurden meine Personenartikel zur sozialwissenschaftlichen Emigration aus dem nationalsozialistischen Herrschaftsbereich kürzer, die Quellenlage ist dünn. Nachweise müssen aber sein, frei formulierte Texte gelten als unerwünschte „Theoriefindung“. Deshalb produzierte ich etliche „stubs“ (Stummel). So werden Artikel genannt, die nur sehr wenige Textzeilen aufweisen, jedoch die Relevanzkriterien erfüllen.

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