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Erdogan in der ARD : So redet ein Diktator

Unter den Augen des laizistischen Staatsgründers Atatürk: Der türkische Präsident Erdogan. Bild: AP

Die EU? Nicht vertrauenswürdig. Islamistischer Terror? Existiert nicht. Die Türken? Wollen die Todesstrafe. So vorsichtig Sigmund Gottlieb fragt: Im ARD-Interview muss er Erdogan nur reden lassen, um alles über ihn zu erfahren.

          Ein Interview mit jemandem wie Recep Tayyip Erdogan zu führen, muss man sich genau überlegen. Denn es ist eine Gratwanderung: Ist es ein richtiges Gespräch mit kritischen Fragen, kann es ein Scoop sein. Doch gelingt das nicht – und damit darf man bei einem Autokraten wie dem türkischen Staatspräsidenten rechnen – endet es mit einem PR-Auftritt des Herrschers und für den Journalisten und sein Medium mit einer Blamage. Diese haben der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, Sigmund Gottlieb, und die ARD so gerade eben vermieden.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Gottlieb vermag den türkischen Präsidenten zwar nicht ansatzweise aus der Reserve zu locken, seine Nachfragen wirken lasch, sogar gegen den Vorwurf der Desinformation verwahrt er sich nur halbherzig. Aber das Interview im Ersten zeigt doch eins: Es erbringt einen weiteren Nachweis dafür, dass Erdogan mit der Demokratie, von der er fortwährend redet, nichts mehr zu tun hat. Für ihn gibt es nur noch das Volk. Dessen Willen gilt es zu erfüllen. Was ist der Wille des Volkes? Das weiß niemand besser als Recep Tayyip Erdogan. Er kennt das Volk, hört ihm zu und handelt nach seinem Willen. Er kann also gar nichts falsch machen. Er entscheidet im Namen des Volkes. Das bedeutet auch: Wer gegen ihn ist, handelt gegen das Volk. Kommt das irgend jemandem bekannt vor?

          Das Volk will die Todesstrafe

          Das Volk will zum Beispiel, dass die Todesstrafe wieder eingeführt wird, sagt Erdogan auf Gottliebs entsprechende Frage. Also kommt die Todesstrafe auf die Tagesordnung. Was die Europäer davon halten, spielt keine Rolle, schließlich gibt es die Todesstrafe fast überall auf der Welt und – wie gesagt: Das Volk will es so. Und man stelle sich nur vor, der Putsch hätte Erfolg gehabt. Dann wäre es mit der Demokratie in der Türkei vorbei gewesen und hätte es viele tausend Tote gegeben. Die Position der EU, sagt Erdogan, sei in dieser Frage „nicht vertrauenswürdig“.

          „Nicht vertrauenswürdig“ - mit dieser Qualifikation kommt Erdogan noch einige Male in dem halbstündigen Gespräch um die Ecke. Die EU ist nicht vertrauenswürdig, die europäischen Regierungen sind es nicht – nicht in der Kritik an ihm und nicht in der Flüchtlingspolitik. Die Informationen und Kritikpunkte, die ihm Gottlieb entgegenhält, sind für Erdogan selbstredend auch nicht „vertrauenswürdig“: Die türkische Gesellschaft ist gespalten, die Bildungselite wird kalt gestellt, der türkischen Wirtschaft geht es schlechter? Keine Rede davon! Man sieht doch die Menschen auf den Straßen und Plätzen, die für die Demokratie eintreten, 20.000 bis 30.000 Lehrer werden im Nu neu eingestellt, an den Universitäten ist alles in Ordnung, die Banken machen keine Probleme, und auch der Tourismus wird sich erholen: Das ist die Türkei, und das ist die Welt, wie Recep Tayyip Erdogan sie sieht.

          Was es in dieser Welt nicht gibt, und was während des Gesprächs im Ersten leider nicht zur Sprache kommt, ist der Gegenputsch, mit dem Erdogan den Putsch, auf den er nur gewartet hat, beantwortet: Ausnahmezustand (den er vielleicht um weitere drei Monate verlängert, das lässt Erdogan offen), Massenverhaftungen, zuletzt von Journalisten, Tausende abgesetzte und entlassene Staatsanwälte, Richter, Professoren, Lehrer und Militärs, Abgeordnete, deren Immunität aufgehoben wurde, der Krieg gegen die Kurden im eigenen Land.

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