06.09.2006 · Der ORF darf Natascha Kampusch befragen. Die „Kronen Zeitung“ und „News“ auch - wegen ihrer „sozialen Kompetenz“. Und RTL bezahlt eine sechsstellige Summe für die Übertragung. Das große Geschacher um ein Entführungsopfer.
Von Erna Lackner, WienWenn Natascha Kampusch am Mittwoch abend um viertel nach acht im österreichischen Rundfunk ORF und eine Stunde später in Deutschland bei RTL mit ihrem ersten Fernseh-Interview zu hören sein wird, werden die Fernsehzuschauer ihr Gesicht nicht sehen können.
Eine optisch schemenhafte Gestaltung des zwanzig Minuten währenden Auftritts soll verhindern, daß sie danach auf der Straße zu erkennen ist, erklärt ihr Medienberater Dietmar Ecker. Auch die etwa zeitgleich erscheinenden Interviews in der „Kronen Zeitung“ und in der Info-Illustrierten „News“ werden von dem achtzehn Jahre alten Entführungsopfer, das achteinhalb Jahre lang in einer fensterlosen Kellerkammer gefangen war, kein deutliches Antlitz zeigen.
Vermarktung eines Martyriums
Der Boulevard soll zahlen, aber er soll sich (vorerst) kein Bildnis machen, darauf läuft die höchst professionelle Strategie des Beratungsteams aus PR-Experten, Anwälten und Psychologen hinaus, das sich dicht um seinen Schützling schart. So bleibt das Gesicht noch aufgehoben für spätere Enthüllungsmöglichkeiten in Fotogeschichten und in dem Buch, das Natascha Kampusch angeblich selbst schreiben will. Die Vermarktung ihres Martyriums scheint inzwischen der oberste Wert aller Fürsorge um sie zu sein. Kein Wunder, bei dem „gewaltigen globalen Medieninteresse“ - mit Leuten, „die gleich mit einem Geldkoffer kommen, das sind aber meistens die reichen Boulevardmedien quer durch Europa“, wie Dietmar Ecker den Andrang - es gibt rund dreihundert Anfragen internationaler Medien - beschreibt.
Doch weil der geübte Kommunikationsberater und Krisenmanager im Fall Kampusch angeblich auf „sanftere Strategien“ setzt, bekamen nach zwei Bieterrunden mit drei Fernsehgruppen (ORF, RTL und Pro Sieben Sat.1) und drei Printmedien (“Kronenzeitung“, „News“ und „Bild“-Zeitung) nun doch österreichische Medien die „Erstinformation“.
Sechsstellige Summe für die Übertragung
Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender zahlt laut Angaben der Medien- und Lobbying-Agentur Ecker & Partner (die diesmal, wie sie angibt, gratis arbeitet und keinerlei Provisionen erhält) für das Interview keinen Cent. Der Finanzchef und designierte Generaldirektor des ORF, Alexander Wrabetz, gab bekannt, daß sich der ORF unter Bedachtnahme auf die besonderen Umstände entschlossen habe, auch den internationalen Vertrieb des Interviews für Natascha Kampusch unentgeltlich abzuwickeln und ihr alle Erlöse zukommen zu lassen.
Der allererste Erlös kommt nun von dem deutschen Privatsender RTL, der das Interview am Mittwoch um 21.15 Uhr ausstrahlt und dafür „eine sechsstellige Summe in den Natascha-Kampusch-Fonds“ einzahlen will, die, so wird in der Branche geschätzt, nicht viel weniger als eine halbe Million Euro betragen dürfte. Auch die weitere Verbreitung folgt einem sauber gearbeiteten Schlachtplan: Das von der Agentur Reuters TV in alle Welt verkaufte „Interview ohne Gesicht“ darf von öffentlich-rechtlichen Sendern wie ARD und ZDF erst von 0.15 Uhr an ausgestrahlt werden, Ausschnitte von sechs Minuten stehen ihnen zur Verfügung. Private Sender müssen ein Embargo von 24 Stunden einhalten. So sichert sich RTL seinen Vorsprung. Eine „sanfte Strategie“, bei der viel Geld fließen wird.
Reiche Gaben für Natascha
Weniger sanft abgestuft, sondern ganz der Macht des Faktischen unterworfen, kommt dem österreichischen Betrachter der Interview-Verkauf an die beiden Boulevardmedien „News“ und „Kronen Zeitung“ vor. Ein ganzes „Paket“ aus Ausbildungkosten, Anstellung und Eigentumswohnung, das Natascha Kampusch langfristig sozial absichern soll, schnürte Ecker mit dem Magazin und der Tageszeitung, die Natascha Kampusch sogar auf ihre Gehaltsliste nehmen will.
Die Paket-Allianz zwischen deren Hälfteeigentümer Hans Dichand und dem „News“-Mehrheitsgesellschafter Gruner + Jahr kam offensichtlich im gemeinsamen Kampf gegen Wolfgang Fellner zustande, den nun ausgebooteten Verleger der neuen Tageszeitung „Österreich“, der Natascha Kampusch angeblich auch ein Seegrundstück am Attersee geboten haben soll. Fellners Gegenspieler Oliver Voigt, der neue Chef der österreichischen News-Gruppe, zeigt sich nun „glücklich und froh“ über das Vertrauen von Natascha Kampusch, nach den „Irritationen der vergangenen Woche“.
Eine Hand klagt, eine Hand nimmt
Die größte Chuzpe des Handels mit dem Interview-Vertrag mit dem Magazin „News“ beschreibt der Umstand, daß Natascha Kampusch gegen eben dieses Magazin eine Klage einreichen ließ, weil es in seiner letzten Ausgabe ein „Protokoll des Grauens - Ihr tapferer Überlebenkampf“ mit angeblichen Zitaten von Natascha Kampusch veröffentlichte, die aus Gesprächen mit der Polizei und Psychologen stammen sollen. Und nun gibt ihr Medienberater Ecker bekannt, sie habe sich „für diese Medien entschieden, weil deren Verantwortliche auch soziale Kompetenz gezeigt haben“.
Soziale Kompetenz? Seit wann? Natascha Kampusch prozessiert gegen ein Magazin, das ihre schutzwürdigen Interessen verletzt hat, und gibt ebendiesem in der nächsten Ausgabe ihr wichtigstes Interview? „News“ habe sich mittlerweile für die Mißverständnisse entschuldigt, entschuldigt sich quasi auch Ecker; und die Verlagsgruppe habe eben ein gutes Angebot gemacht. Jetzt gehe es um Natascha Kampuschs „Zukunftsperspektiven und ihr Leben nach dem Medienhype“, führt er in einer Erklärung aus. All dies und mehr wird stets im Namen des Entführungsopfers verlautbart, auf seine persönlichen und ausdrücklichen Wünsche hin.
Wiener Beziehungsgeflecht
Wie kann Natascha Kampusch in den wenigen Tagen ihrer Freiheit die österreichische Medienlandschaft so gut kennengelernt haben, lauten schon die ersten Vorwürfe an ihre Betreuer und Manager. Jedenfalls wird da wieder einmal in einem sehr engen Wiener Beziehungsgeflecht agiert. Der ursprünglich von einer Opferorganisation angeheuerte erste Anwalt hatte seinen Job wegen der nicht mehr überschaubaren Dimension nach ein paar Tagen abgegeben.
Nataschas Kampuschs neuer Anwalt Gabriel Lansky, auf Medien- und Wirtschaftsrecht spezialisiert und natürlich auch immer wieder für „News“ und die „Krone“ tätig, kündigte in einem Gespräch mit der „Presse“ an, „jede Menge“ Klagen gegen Medien vorzubereiten, welche die Bild- und sonstigen Rechte seiner Mandantin verletzten, sagte aber im nächsten Satz, die eine „News“-Klage wegen möglicher Interessenkollisionen nun doch an einen Kollegen weitergereicht zu haben. „Sanfte“ Strategie?
Geld regiert das Medienspektakel
Die Eltern des mittlerweile volljährigen Entführungsopfers wollen auch noch mitmischen und mitklagen. Die Mutter hatte schon einen Anwalt beauftragt, den Fernsehauftritt durch eine einstweilige Verfügung zu stoppen, weil ihre Tochter manipuliert werde. Doch nach einem darob endlich doch zustandegekommenen Gespräch zwischen Mutter und Tochter sollen beide versöhnt sein. Der Vater wiederum, der schon bei Arabella Kiesbauer auftrat, brachte eine Klage ein, in der er 35.000 Euro Schmerzensgeld aus dem Nachlaß des Entführers fordert.
Geld, viel Geld spielt inzwischen die Hauptrolle im Entführungsfall Kampusch. Noch vor einer Woche hatte der Psychiater Max Friedrich erklärt, es werde vermutlich Wochen oder Monate dauern, bis Natascha Kampusch ein Interview geben könne.
"arme" Natascha
Esther Zeiher (estherzeiher)
- 06.09.2006, 00:12 Uhr
ohne worte
Stefan Schelm (unwen)
- 06.09.2006, 02:06 Uhr
Boulevard
Heidi Rix (yeksaa)
- 06.09.2006, 07:50 Uhr
Zur Nachahmung empfehlen?
Klaus Weil (KlausWeil)
- 06.09.2006, 08:12 Uhr
pervers
thomas baum (foltin)
- 06.09.2006, 17:35 Uhr