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Enterung der „Mavi Marmara“ Verletzte Soldaten sehen wir nicht

14.06.2010 ·  Neues Filmmaterial zu den Vorgängen auf dem türkischen Flaggschiff der „Solidaritätsflottille“ erhärtet den Verdacht, dass sich IHH-Aktivisten auf die Enterung des Schiffs vorbereitet und den Kampf geplant hatten.

Von Joseph Croitoru
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Neues Filmmaterial zu den Vorgängen auf der „Mavi Marmara“, dem türkischen Flaggschiff der „Solidaritätsflottille“, sorgt für Aufsehen. Nachdem sie zunächst nur einen Ausschnitt der von ihr gemachten Aufzeichnungen auf ihrer Internetseite veröffentlicht hatte, hat die amerikanische Organisation „Cultures of Resistance“ nun einen einstündigen Film ins Netz gestellt. Mit den Aufnahmen will die Organisation, deren Vertreter einschließlich der Mitbegründerin Iara Lee auf dem Schiff waren, Beweise für das angeblich besonders rücksichtslose Vorgehen der israelischen Soldaten liefern.

Doch spricht das Video, das nicht auf dem Oberdeck, wo das blutige Geschehen stattfand, sondern auf dem darunter liegenden Deck sowie im Schiffsinneren gedreht wurde, vielmehr für das Gegenteil. Es bestätigt das Bild, das sich aus einem neuen Bericht der israelischen Militäraufklärung von den blutigen Ereignissen auf See ergibt. Damit erhärtet sich der Verdacht, dass sich ein harter Kern türkischer IHH-Aktivisten auf die Enterung des Schiffs durch die Israelis vorbereitet und einen gewalttätigen Angriff auf die Soldaten geplant hatte.

Stöcke, Eisenstangen, Messer, Steinschleudern und Glaskugeln

Wie inzwischen feststeht, war kein Geringerer als IHH-Chef Bülent Yildirim an Bord, um den Angriff persönlich – zuletzt über Funk aus einem streng bewachten Raum im Schiffsinneren – zu kommandieren. Der gewalttätige Kern bestand nach israelischen Angaben aus etwa vierzig Aktivisten, die anders als die meisten Passagiere nicht im türkischen Antalya an Bord gegangen, sondern – fast ohne Sicherheitschecks – in Istanbul zugestiegen waren. In ihrem Gepäck hatten sie Stöcke, Eisenstangen, Messer, Steinschleudern und Glaskugeln, außerdem kugelsichere Westen und Schutzmasken sowie einige elektrische Sägen.

Als die israelische Marine Kontakt mit der Schiffsbesatzung aufnahm und sie zur Kooperation aufrief, bemächtigte sich der türkische Trupp des Oberdecks. Alle anderen Passagiere wurden nach unten verbannt und durften ohne Erlaubnis nicht mehr nach oben. Eine kleine türkische „Reserve-Einheit“ blieb mit arabischen Aktivisten auf dem mittleren Deck. Die IHH-Kämpfer rüsteten sich zum Angriff. Sie zersägten die Reling, um sich mit Eisenstangen zu bewaffnen, entwendeten die Äxte aus den Feuermeldern und deckten sich mit Messern aus der Kombüse ein.

Die Soldaten werden mit einer Schockgranate angegriffen

Auf dem jetzt aufgetauchten Video sind diese Einsatzvorbereitungen nicht zu sehen. Wohl aber, dass die improvisierten Schlagstangen an die türkischen Aktivisten verteilt wurden. Etwa in der Mitte des einstündigen Videos erscheint das erste israelische Schnellboot, das sich dem Schiff nähert. Die Kamera fängt allerdings nur einen Bruchteil der einsetzenden Angriffe der kampfbereiten Passagiere auf die Bootsbesatzung ein. Den weit aufschlussreicheren Rest liefert ein vom israelischen Militär veröffentlichtes Video: Die Soldaten werden mit Gegenständen beworfen und mit mindestens einer Schockgranate angegriffen, man drängt sie zurück mit langen Eisenstangen und spritzt mit den schiffseigenen Feuerwehrschläuchen auf sie.

Die verdutzten Kommandosoldaten erwidern die Angriffe mit Paintball-Gewehren – damit wollte man ursprünglich die Passagiere schonen – und schießen Farbpatronen. Dann ziehen sie sich zurück. Siegesfreude bei der Abwehrfront der Aktivisten auf dem mittleren Deck ist auf den Aufnahmen der amerikanischen Organisation kaum zu erkennen. Die IHH-Mannschaft muss wohl davon ausgegangen sein, dass die Israelis einen zweiten Versuch starteten. Tatsächlich scheinen sich die Einsatzszenarien der beiden Seiten überschnitten zu haben: Um das Schiff zu entern, seilten sich die Israelis nun von einem Hubschrauber aufs Oberdeck ab, genau darauf waren die IHH-Aktivisten gefasst.

Weder Panik noch besondere Aufregung

Aber nicht nur dort. Auf dem Video von „Cultures of Resistance“ kann man sehen, wie die lange versteckten Steinschleudern sogar vom mittleren Deck aus gegen die sich abseilenden Soldaten zum Einsatz kommen. Welcher Empfang sie auf dem Oberdeck erwartete, ist nicht zu sehen, die Folgen sind zu hören: Es fallen Schüsse. Solche wurden, so jedenfalls suggeriert ein israelisches Militärvideo, auch von türkischer Seite abgegeben, und zwar auf die ersten landenden Soldaten, die fast schon in Panik per Funk ihre sofortige Evakuierung forderten. Stattdessen, wie inzwischen bekannt, sandten die Einsatzkommandeure Verstärkung.

Auf dem Video sieht man, wie die ersten türkischen Opfer im Treppengang zwischen den Decks medizinisch versorgt werden, während die mit Eisenstangen, Stöcken und teilweise mit Schutzmasken gewappneten IHH- „Reservekräfte“, sich vor der Tür zum Oberdeck sammeln, um den Ansturm der Soldaten abzuwehren. Es herrscht weder Panik noch besondere Aufregung. Es hat gar den Anschein, als sei ein solches Szenario geprobt worden. Auch an Ersatz für fehlende Schutzmasken hat man offenbar gedacht. Händeringend sucht ein IHH-Aktivist, der mit einer Steinschleuder auf den israelischen Hubschrauber geschossen hatte, nach den deponierten Zwiebeln, deren ätherisches Öl bekanntlich die Wirkung von Tränengas mildert. Von den verwundeten israelischen Soldaten, die von der IHH festgehalten werden – davon unterrichtet auf besagtem Video ein westlicher Aktivist den Kameramann –, fehlt hier seltsamerweise jede Spur.

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