17.01.2012 · Die englischsprachige Version des Online-Lexikons Wikipedia ist für einen Tag vom Netz gegangen. Damit will Wikipedia auf drohende Zensur hinweisen. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales warnte auf Twitter alle Schüler: „Macht eure Hausaufgaben früh“. In seiner offiziellen Stellungnahme klingt er ernster.
Von Martin GroppZufällige und netzweite Blackouts können große Wirkung haben. Zum Beispiel der Stromausfall in Nordamerika und insbesondere in New York im August 2003, als die angeblich niemals schlafende Stadt 24 Stunden lang ohne Strom beinahe kontemplativ in sich ruhte.
Die Unternehmen errechnete damals Umsatzeinbußen von 790 Millionen Dollar, der öffentliche Dienst musste zehn Millionen Dollar Überstundenzuschläge zahlen. Gar nicht zu sprechen von Verlusten der Airlines, die tausend Flüge streichen mussten.
Räumlich beschränkte Blackouts haben es dagegen erheblich schwerer zu wirken - zumal wenn sie angekündigt sind. So könnte es vielleicht auch der Sperre ergehen, mit der die Onlineenzyklopädie Wikipedia an diesem Mittwoch von sechs Uhr morgens an 24 Stunden gegen zwei aus ihrer Sicht freiheitsbeschränkende amerikanische Gesetzesvorhaben protestiert: den Stop Online Piracy Act und den Pro IP Act, die nach Ansicht ihrer Befürworter die Verletzung von Urheberrechten ahnden sollen.
In den Augen der Gegner könnten sie das Ende des freien Internets bedeuten, wenn das Repräsentantenhaus beziehungsweise der Senat sie denn verabschieden (F.A.Z. vom 10.Januar).
Zwar besuchten etwa im November vergangenen Jahres rund 475 Millionen individuelle Nutzer die englische Wikipedia. Das macht sie nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Comscore zur weltweit fünftbeliebtesten Internetseite nach Google, Microsoft, Facebook und Yahoo. Doch wie viel das Abschalten am Ende kostet, wird sich vermutlich niemals so ganz errechnen lassen. Wie viel es einbringt, wahrscheinlich auch nicht.
Der um die Freiheit im Internet bangende Wikipedia-Gründer Jimmy Wales machte sich auf dem Mikroblog-Dienst Twitter denn auch vor allem Sorgen um eine der mutmaßlich größten Zielgruppen der Wikipedia: „Warnung an Schüler“, schrieb Wales dort kurz nach Bekanntgabe des Embargos am späten Montagabend. „Macht eure Hausaufgaben früh.“
In seiner offiziellen Stellungnahme klingt Wales ernster: „Dies ist eine außerordentliche Aktion für unsere Gemeinschaft“, lässt er sich zitieren. „Und während wir bedauern, auch nur eine Sekunde die Welt am Zugang zur Wikipedia zu hindern, können wir nicht ignorieren, dass die Gesetze die freie Meinungsäußerung in den Vereinigten Staaten und im Ausland gefährden und einen beängstigenden Präzedenzfall für Internetzensur bilden.“
Mit der für 24 Stunden selbstauferlegten Sperrung aller Inhalte soll auf die drohende Zensur effektvoll hingewiesen werden - die Bekämpfung des Feuers mit dem Feuer. Dabei sollte sich auch die Wikipedia Gedanken machen, inwiefern sie eigentlich Urheberrechte verletzt. Immerhin arbeiten weltweit mehr als 100.000 Menschen auch daran, elektronische Lexikonartikel mit Informationen aus urheberrechtlich geschützten Werken zu bestücken.
Sicher ist nicht zu unterschätzen, wenn die Wikipedia in Amerika abgeschaltet wird. Doch haben sich im Netz Umgehungskreisläufe gebildet, die auch an der Bedeutung der Wikipedia kratzen.
Das größte Hindernis, die Menschen auf den Flächenbrand aufmerksam zu machen, der nach Meinung von Wikipedia in der amerikanischen Gesetzgebung lodert, ist aber die lokale Begrenztheit: Die zuletzt gut 25,3 Milionen Menschen, die die deutsche Wikipedia besuchen sehen am Mittwoch nur ein Infobanner, das an der selben Stelle prangt, an der Jimmy Wales noch bis vor wenigen Wochen um Spenden für die Wikipedia warben. Wenigstens ist es tiefschwarz.
@Lukas Werth:
Reinhard Lauterbach (rlauterbach)
- 18.01.2012, 14:43 Uhr
Wikipedia und die Angst vor der Zensur
Alexander Vaissié (saulus2011)
- 18.01.2012, 14:20 Uhr
100.000 arbeiten an URVs?
Alex K. (Chronos031)
- 18.01.2012, 13:23 Uhr
Information vs. Urheberrecht?
artin menderlein (staubgold)
- 18.01.2012, 09:05 Uhr
Noch vor 6-10 Jahren, da gab es keine Buchhandlung welche mit Kameraüberwachung
Birgit Zendel (BAZen)
- 18.01.2012, 08:59 Uhr