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Emma im Netz : Die Welt als Wiki und Vorstellung

Falsche Emma bei Wikipedia Bild: Wikipedia

Susanne Fröhlich war für sechs Stunden „Emma“-Chefin. Jedenfalls meinte ein Wikipedianer schon zu wissen, was die Medienbranche nicht wusste. Bis dahin hatte sich unser Autor fast „totrecherchiert“. Ein einziger Anruf rettete ihm das Leben und brachte die wahre Erkenntnis.

          Immerhin, sie hat nicht die „Bild“- Zeitung gewählt. Doch kam Alice Schwarzer dem schon ziemlich nahe, als sie ihren Rückzug aus der „Emma“-Chefredaktion am Donnerstagabend bei Johannes B. Kerner verkündete, in einer Sendung also, die die „Emma“-Leserin allenfalls heimlich verfolgen dürfte. Als Medienprofi aber wird sich Schwarzer etwas dabei gedacht haben. Vielleicht wollte sie Kerner dafür belohnen, dass Antifeministinnen bei ihm keine Chance haben. Im Sinn hatte sie sicher auch, dass sie einst mit ihrem bei Kerner ausgetragenen Rededuell gegen die damalige Frau Feldbusch mehr Aufmerksamkeit erfuhr als mit zehn kompletten „Emma“- Jahrgängen.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So wird sie auch genau gewusst haben, was sie tat, als sie Kerner zwar nicht den Namen ihrer Nachfolgerin nannte, wohl aber einen präzisen Steckbrief anfertigte: eine jüngere Journalistin, blond, temperamentvoll, verheiratet, zwei Kinder, tätig für Print und Fernsehen. Geheimhaltung ist etwas anderes, und alle Neugierigen konnten die Fahndung einleiten nach den Zielpersonen: munteren blonden Fernsehprintehefrauen mit zwei Kindern. Es schieden aus Sandra Maischberger (dunkelhaarig, nur ein Kind), Anke Engelke (zwei Kinder, aber keine Journalistin), Barbara Eligmann (ein Kind zu viel), Eva Herman (ein Kind zu wenig). So blieben Andrea Kiewel (“ZDF-Fernsehgarten“, Kolumnistin bei „Super-Illu“), Amelie Fried (“3 nach 9“, Kolumnistin bei „Für Sie“) und Susanne Fröhlich, die diverse Fernsehsendungen moderiert, Bestseller schreibt (“Moppel-Ich“), zwei Kinder und ziemlich viel Temperament hat.

          Als Susanne zu Emma ging

          Das alles war binnen Minuten zu recherchieren, vulgo: zu googeln. Von dort ging's rasch zu Wikipedia. Und dort stand es dann auch: „Ab Januar 2008 übernimmt Susanne Fröhlich die Chefredaktion der Frauenzeitschrift ,Emma'.“ Tags zuvor erst hatte der „Stern“ die Online-Enzyklopädie mit einer Titelstory geadelt und ihr bescheinigt, sie lasse den Brockhaus „alt aussehen“. Nun also waren die Nachrichtenagenturen dran, die von der Personalie noch nichts wussten. Längst wird ja Wikipedia auch als Nachrichtenquelle genutzt: Den Tod Karlheinz Stockhausens meldete die erste Agentur am Freitag um 18.18 Uhr. Schon um 18 Uhr hatte Wikipedia den Stockhausen-Eintrag um den Tod des Komponisten ergänzt. Zum zweiten Mal an diesem Tag triumphierten die flinken Wiki-Wiesel über die Lohnschreiber.

          Dumm nur an der Sache: Susanne Fröhlich, ganz altmodisch am Telefon befragt, stritt alles ab. Sie werde nicht Chefredakteurin von „Emma“ und sei auch nie gefragt worden. Zur selben Zeit verkündete die „Emma“-Website, wer neue Chefredakteurin werde: Lisa Ortgies, Moderatorin von „Frau TV“ im WDR-Fernsehen, seit 2005 „Emma“-Kolumnistin, verheiratet, zwei Kinder. Blond.

          Ein Telefonat hat genügt

          Journalisten verwenden gern die Wendung, man könne eine Geschichte „totrecherchieren“. In diesem Fall hatte ein Telefonat genügt, eine kritische Analyse über die Wandlung des Feminismus im Ansatz zu ersticken. Was hätte es ausgesagt, wäre „Emma“ von einer Frau geführt worden, deren Hauptwerk den Kampf gegen die eigenen Pfunde beschreibt? Wie unoriginell ist dagegen die Lösung Ortgies. Viel zu - vorhersehbar.

          Als „Wikiality“ hat der amerikanische Satiriker Stephen Colbert das Phänomen bezeichnet, dass sich möglichst viele Menschen ihre eigene Realität zusammenschreiben können. Im Falle der „Emma“- Chefin Fröhlich war es ein einzelner Phantast namens „Bennnnnni“. Sechs Stunden hielt seine Wahrheit. Dann kam Korrektor „Andibrunt“, sperrte den Eintrag und versah ihn mit dem Stempel „Nachrichtenente/ Wunschdenken/ Vandalismus“. Dabei wäre es doch ungleich reizvoller, Wikipedia nicht als Fabrik von Wahrheiten, sondern von Wünschen zu betrachten und sich eine zweite, viel funkelndere Realität zu schaffen. Dann würde die runderneuerte „Moppel-Emma“ demnächst Diätrezepte drucken. Stefan Aust würde Moderator des „heute-journals“, Claus Kleber übernähme „Frau TV“ und Alice Schwarzer würde „Spiegel“- Chefin. Wir müssen nur daran glauben.

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