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Elternzeitschrift „Nido“ Ihr seid ganz schön gaga!

 ·  Cooles Leben mit Kindern: Das Elternmagazin der Stunde heißt „Nido“. Es richtet sich an Erzieher, die noch Träume haben und betrachtet Kinder allenfalls als Anhängsel. Statt Wickel-Tipps gibt es solche für ein freies Wochenende.

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Wenn „Neon“ die Zeitschrift für die Generation der thirty something ist, die nicht erwachsen werden will, dann ist „Nido“ das Heft für die „Neon“-Leser, die Kinder bekommen haben. Und diese Spezies scheint, das verrät ein Blick in das Magazin, vor allem eine Sorge umzutreiben: dass sie als Eltern nicht mehr cool sind, sondern unter Spießerverdacht stehen. Zu den vielen Gründen, keine Kinder zu haben, zählt ja auch diese Furcht, das bisherige Leben samt dem Leitspruch „Ich bin so frei“, den man sich hart erkämpft hat, aufgeben zu müssen: Wer mit dem Kinderwagen statt mit dem Cabrio unterwegs ist, und zur Kita fährt und nicht zum Club, der hat auch die Peergroup gewechselt.

Für Eltern, die diesen Zustand partout nicht akzeptieren wollen, ist das Magazin „Nido“ gemacht. Dass es eine Bedürfnislücke füllt, belegt sein Erfolg. In einer Auflage von zweihunderttausend Stück im vorigen Jahr versuchsweise an den Start gegangen, erscheint das Heft von der Mai-Nummer an nun monatlich. Auf hundertfünfzig Hochglanzseiten mit Fotostrecken finden sich Blatt für Blatt neue Anleitungen dafür, wie man sein Leben mit Kindern weiterführen kann, ganz so, als sei nichts geschehen. Damit es sich so anfühlt wie früher.

Wohin mit dem Nachwuchs?

Dafür muss man einige Mühen auf sich nehmen, denn Kinderkleidchen ohne Lillifee-Aufdruck zu finden ist genauso schwer wie Jacken ohne Bärchenmuster. Für „Nido“-Leser eine Stilsünde sondergleichen. Eines steht fest: Hätten Spielplätze im Frankfurter Holzhausenviertel oder in Prenzlauer Berg – wo die „Nido“- Leserschaft wohnt – Türsteher, dann kämen derart gewandete Kinder da nicht rein. Gewiss, im Editorial klingt das weniger radikal: Man wolle sich um die „vielfältigen Interessen moderner Eltern“ kümmern, und zwar solcher, die „vielleicht nicht jede Nacht durchschlafen, aber noch Träume haben“.

Kinder kommen in dem Magazin mit dem Untertitel „Wir sind eine Familie“ – der ursprüngliche Zusatz „aber nicht gaga“ wurde gestrichen – am Rande vor; bestenfalls als modisches Anhängsel, das auszustaffieren man sich dem Kaufrausch ungehemmt hingeben darf, schlimmstenfalls als ein Handicap, dessen man sich irgendwie entledigen sollte.

Denn während man Tipps oder Ratschläge ums Thema Kind, also vom Stillen übers Wickeln bis zum Spielen oder Erziehen, vergeblich sucht, findet man die Rubrik „Kinderfreies Wochenende“, die eine Reise nach London empfiehlt. Schön und gut, aber wohin mit dem Nachwuchs? Dieses Detail bleibt in dem „großen Plan für ein freies Wochenende zu zweit“ leider ausgespart.

Auch als Mutter sexy

Gewiss profitiert das Heft auch von Angela Merkel, die mit ihrem Elterngeld ja erst dafür gesorgt hat, dass sich auch gutverdienende Väter zumindest zeitweise nachmittags auf dem Spielplatz herumtreiben. Dort führen sie das Leben von einst fort: Geflirtet wird nicht mehr auf der After-Work-Party, sondern an der Nestschaukel. Es ist schon seltsam.

Da kommen in Deutschland immer weniger Kinder zur Welt, und gleichzeitig wird immer mehr Kinderkleidung und Spielzeug nachgefragt – von diesem Effekt profitiert auch „Nido“. Es gibt zwar weniger Familien als früher, aber die happy few wollen es unbedingt richtig machen. Babys beleben den Handel. Das lässt sich nicht nur am bunten Geschäftstreiben am Berliner Kollwitz-Platz studieren, sondern eben auch im umkämpften Zeitschriftenmarkt. Während die Verlage zuletzt vor allem mit der Abwicklung von Magazinen wie „Amica“, „Maxim“, „Vanity Fair“ oder „Park Avenue“ beschäftigt waren, ist „Nido“ eine der seltenen Neugründungen dieser Tage – nicht zufällig unter der Leitung von Michael Ebert und Timm Klotzek, die zuvor schon gemeinsam das Magazin „Neon“ gestemmt haben. Im selben Verlag erscheint übrigens seit 1966 der Klassiker aller Familienzeitschriften, „Eltern“, dem Gruner + Jahr unlängst in einem Relaunch ein moderneres Antlitz verpasst hat.

Während „Eltern“ weiterhin den bewährten Ratgeber gibt, trumpft der kleine Bruder „Nido“ im Interview mit „Europas wildestem Zeichner und Kinderbuchautor“ Tomi Ungerer auf. Und der schießt tatsächlich den Osterhasen ab, indem er die Antithese zum Heft formuliert, wenn er behauptet, „Entmännlichung“ sei der notwendige Preis, „den ein guter und glücklich verheirateter Vater zu zahlen hat“. Während an diesem wunden Punkt alle coolen „Nido“-Papis aufheulen, können sich verzagte „Nido“-Mamis mit Entlastungsartikeln wie jenem über die Urfrage - „Bin ich eine gute Mutter?“ - beruhigen. Dass man auch als Mutter noch sexy sein kann, steht nicht nur im Text, auch die vielen illustrierenden Nacktfotos einer Mutter sollen das belegen.

Dann klappt's auch mit dem Krippenplatz

Was einem Vater hingegen beim „Ki-ka“-Gucken so durch den Kopf geht, „Fernsehen mit Kindern ist der größte Umbau des eigenen Fernsehschemas, den man sich vorstellen kann. Man selbst schaut fast nichts mehr und sitzt stattdessen immer dabei, wenn sie schauen“, das könnte sich glatt zu einer neuen Rolle für Til Schweiger ausweiten. Denn es ist unerwartet viel von dem stimulierenden Hormon Oxytocin im Spiel, wenn der Autor sich an Moderatorinnen wie Singa oder Tanja berauscht, die er bald „besser kennt als Anne Will oder Marietta Slomka“, und, abgesehen von der Frage, wie gut er Letztere kennt, sich so seine Gedanken macht, warum Singa „heute keine gute Frisur“ hat und er mit Shary früher niemals eine Wohnung geteilt hätte.

Diese Kindermoderatorinnen hopsen, staunen und lachen, „wie es die wirklichen Frauen im eigenen Leben schon lange nicht mehr gemacht haben“, und lassen den Autor ganz wehmütig werden, auch seine Welt war einmal „der Rausch eines gerade erst angefangenen Lebens“. Geschichten wie diese beflügeln die „Nido“-Leserschaft. „Lebensgefühl-Journalismus“ nennen Ebert und Klotzek das Konzept, das sie bei „Neon“ erfolgreich umsetzen. Hier verlieren Sie Ihre panische Angst davor, zu verspießern und die hippen Freunde aus den Lofts zu verlieren. Denn, so lesen wir in „Nido“: Guter Sex geht auch, wenn man Kinder hat, und Achtung: Wenn man der Politik nur ein bisschen Beine macht, dann klappt’s auch mit dem Krippenplatz.

Ein Kind sitzt bei „Nido“ auf einem Thron und wundert sich. Ein anderes trägt eine Rokokoperücke aus Klopapierrollen. Hauptsache, die Bastelanleitungen passen ins Stilkonzept der Eltern. Stets geht es darum, dem Spießerverdacht ein Schnippchen zu schlagen: Wo gibt es modische Fahrradhelme zu kaufen, wie vermeide ich es, kaputte Kinderfahrräder durch die Stadt zu schleppen? Und deshalb gibt es als Literaturtipp auch nicht Anna Katharina Hahns lesenswerte Elterngroteske „Kürzere Tage“, sondern Hanna Lemkes Erzählband „Gesichertes“. In diesen Geschichten aus der Großstadt kommt kein einziges Kind vor – aber dafür bringt die neunundzwanzigjährige Autorin und Wahlberlinerin das Lebensgefühl einer Generation zum Ausdruck, die vor allem eines prägt: die Angst, Verantwortung für andere übernehmen zu müssen.

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Jahrgang 1970, Redakteurin im Feuilleton.

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