Home
http://www.faz.net/-gqz-10rkc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Elke Heidenreich Reich-Ranickis gerechter Zorn

Eigentlich wollte sie Reich-Ranicki nach der Verleihung des Deutschen Fernsehpreise nur „danke“ sagen. Der Abend wurde dann aber so schrecklich, dass sich Elke Heidenreich zu schämen begann, auch für ihren Haussender. Die zornige Reportage von einem Verdummungsabend - mit 88 Jahre alter Lichtgestalt.

© picture-alliance/ dpa/dpaweb Vergrößern Marcel Reich-Ranicki und Elke Heidenreich im März 2005 in Köln

Ich kann mich auf meinen Sechsten Sinn verlassen. Er sagte mir: geh’ hin zum Deutschen Fernsehpreis, schließlich kriegt den Marcel Reich-Ranicki, dem hast du viel zu verdanken, zeig’ und sag’ ihm das, aber geh’ nicht zu früh, es ist immer grässlich da, und du bist selbst fernsehberühmt, und sie setzen dich in Reihe vier und filmen ununterbrochen deine Reaktionen.

Ich kam also schön zu spät, nachdem das Stehpalaver vorbei war, meine Plätze (ja! Reihe vier!) zum Glück vergeben waren, und ich konnte mit meinem Mann ganz friedlich und von Kameras unbelästigt irgendwo hinten sitzen. So.

Mehr zum Thema

Man will Hollywood sein und ist Köln-Ossendorf

Ein Bühnenbild, das den Namen nicht verdient. Eine Halle, die kaum auszuhalten ist, Coloneum heißt die Scheußlichkeit am Stadtrand, ist man einmal da, 17 km vom Zentrum entfernt, kommt man leider so leicht nicht mehr weg. Als wir kamen, lief die Veranstaltung schon etwa eine Stunde. Das sieht so aus, dass der Moderator Thomas Gottschalk über die Bühne schreitet und routiniert und ohne einen Funken von Witz oder Geist „Moderationen“ herunterhudelt, die er so oder anders schon tausendmal gemacht hat. Dann kommen Laudatoren und lesen vorgefertigte pointenlose Texte von Telepromptern ab, dann kommen auf Riesenbildschirmen Ausschnitte aus Werken der Nominierten, und nominiert wird ALLES: Hauptrolle, Nebenrolle, Film, Serie, Unterhaltung, Regie, Schnitt, Effekte, Comedy, Bühne, Drehbuch, ach, endloser Unsinn, man will Hollywood sein und ist eben doch Köln-Ossendorf. Es zieht sich. Und es ist ein Ärgernis ohnegleichen, dass nahezu jeder Preisträger dann am Mikrofon herumstammelt, das sei so ein toller Preis, und man wisse nun gar nicht, was man sagen solle, und man sei totaaaaal überrascht, und man danke aber dem tollen Team und dem tollen Redakteur und dem Ehemann und dem Kind und, Mama, das ist für dich.

mrr ein © dpa Vergrößern Mehr Licht! Marcel Reich-Ranicki: mutig, zornig, beleidigt, klug

Verdammtnochmal, wenn man nominiert wird, weiß man, dass die Chance, da oben zu stehen, eins zu drei ist, und dann bereitet man gefälligst eine Rede vor und blamiert sich und langweilt uns nicht mit diesem furchtbar unfähigen, unzumutbaren Gestammel. Das ist das Eine.

Wir haben uns nur noch geschämt

Das Andere: Wie jämmerlich die dargebotenen Produkte und Arbeiten in der Mehrzahl waren, wie jämmerlich unser Fernsehen ist, wie arm, wie verblödet, wie kulturlos, wie lächerlich. Wieso darf ein Simpel namens Atze Schröder da vorn seine Possen reißen? Wieso wird eine unterirdische Sendung wie „Deutschland sucht den Superstar“ zur Besten Unterhaltungssendung gekürt und gibt den Machern die Möglichkeit, frech zu sagen: Da seht ihr es, ihr intellektuellen Schreiberlinge, man liebt uns, und wir machen weiter?

Wir haben uns nur noch geschämt, wir wären am liebsten sofort wieder gegangen, aber wir wollten Reich-Ranicki ehren und blieben, und in mein Herz schlich sich schon nach und nach der Verdacht: das hält der nicht durch. Ich sah den achtundachtzig Jahre alten Mann da vorn in der ersten Reihe sitzen, gebrechlich, aber geistig ja vollkommen klar, und ich dachte, was für eine Zumutung diese armselige, grottendumme Veranstaltung für ihn sein müsse. In jeder Hinsicht – einen so alten Mann lässt man nicht derart lange warten, und man mutet einem so intelligenten Mann nicht einen solchen stundenlangen Schwachsinn in hässlicher Kulisse zu und Moderationen des Thomas Gottschalk wie die zu einem Film über Kinder, die aus Heimen und vor Misshandlungen gerettet werden: hoffentlich kommen noch viele Kinder in so eine Lage, damit ihr weiter so tolle Filme machen könnt! (Zitat sinngemäß, nicht wörtlich) Es verschlug uns den Atem.

Ich wusste, das lässt sich dieser Mann nicht bieten

Und dann leise Unruhe, Irritation, Gottschalk teilte mit, man sollte jetzt denken, es wäre schon Schluss, es ginge aber natürlich noch lustig weiter, aber man zöge den letzten Programmpunkt, die Ehrung fürs Lebenswerk jetzt einfach schon mal vor, weil Reich-Ranicki ungeduldig würde.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Geheimdienste und Snowden Haben die Amerikaner den Deutschen gedroht?

Der Enthüller Glenn Greenwald hat Sigmar Gabriel getroffen. Dabei habe ihm der deutsche Vizekanzler ein Geheimnis anvertraut: Womit die Amerikaner den Deutschen drohen, falls diese Edward Snowden Asyl gewähren. Mehr Von Ursula Scheer

20.03.2015, 17:25 Uhr | Feuilleton
Paarungszeit der Hirsche Röhren und betören zur Brunft

Bühne frei heißt es im Oktober für die Damhirsche. Denn zur Paarungszeit veranstalten sie großes Theater, um ihr weibliches Pendant zu betören. Hören Sie selbst, wie sich das anhört. Mehr

31.10.2014, 19:20 Uhr | Rhein-Main
Geheimdienste und Snowden Keine Infos mehr über den Terror?

Das ist schon absurd: Sigmar Gabriel verleiht dem Snowden-Vertrauten Glenn Greenwald einen Preis. Doch als der Vizekanzler dem Enthüllungsjournalisten sagen soll, wieso Snowden nicht nach Deutschland kann, gerät er ins Schwimmen. Wie ist das mit der Drohung der Amerikaner? Mehr Von Ursula Scheer

22.03.2015, 12:10 Uhr | Feuilleton
Fashion Week Berlin Dorothee Schumachers zelebrierte Weiblichkeit

Die Fashion Week 2015 ist in vollem Gange, wir berichten in unserem Liveblog von allen Veranstaltungen. In diesem Video läuft die Kamera bei Dorothee Schumachers Schau und backstage mit. Mehr

22.01.2015, 09:07 Uhr | Stil
Konservatives Forum Des Kremls rechtsextreme Freunde

Was unmöglich erscheint, ist in Sankt Petersburg wirklich geworden: ein Treffen der Internationalen Nationalisten. Der Kreml versucht, mit der Veranstaltung Freunde im Westen zu gewinnen. Mehr Von Friedrich Schmidt, Sankt Petersburg

23.03.2015, 12:21 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.10.2008, 17:37 Uhr

Ein Testfall

Von Fridtjof Küchemann

Die amerikanische Bildungsfirma Pearson will verhindern, dass ihre Eignungstests fürs College im Internet auftauchen. Daher überwacht sie Schüler in den sozialen Netzwerken. Die Öffentlichkeit ist empört. Mehr 6 5