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Elektronische Spione : Journalismus von oben

Leise, anmeldefrei und bei Amazon erhältlich: die Spielzeugdrohne Parrot. Schwebt auch bald über Dieter Bohlen Bild: AR.Drone

Es gibt sie im Elektromarkt, aber im Journalismus sind sie noch nicht angekommen. Dabei sind Mini-Drohnen als fliegende Paparazzi wie geschaffen für die Recherchemethoden des Boulevardjournalismus.

          Am 25. Juni dieses Jahres trat das Wasser des Souris River über seine Ufer und überschwemmte das Städtchen Minot in North Dakota. Die Dämme brachen, Tausende von Häusern wurden überflutet, 12 000 Einwohner evakuiert. Eine Durchschnittskatastrophe, irgendwo in der amerikanischen Provinz. Die Medien kamen, ein paar Nachrichtenagenturen, ein paar lokale Fernsehsender, ein Team von CNN. Sie sprachen mit den Opfern und mit den Helfern, dann stiegen sie in einen Black-Hawk-Armeehubschrauber, flogen übers Flutgebiet und machten ein paar Aufnahmen für die Abendnachrichten. Wunderschöne Bilder der Verwüstung waren darunter, schunkelnde Autos in brauner Soße, abstrakte Bilder, gesprenkelt mit roten Flächen, die einmal Dächer waren. Der Schrecken der Zerstörung aber verlor sich in der Distanz, wie immer, wenn jemand von oben auf die Welt herunterschaut.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Kollektive Aufrüstungsszenarien

          Ein paar Tage später bekamen auch die Leser des jungen iPad-Magazins „The Daily“ Minot von oben zu sehen. Und nur wer genau hinschaute, erkannte die leichte perspektivische Verschiebung. Auch „The Daily“ hatte die Wasserstadt von oben fotografiert, von einem Hubschrauber aus, aber in diesem Videoclip schien das Unglück näher, und die sogenannte Vogelperspektive war eher jene einer Schwalbe als die eines Adlers. Die gespenstische Qualität dieser Aufnahmen aber vermittelte erst der begleitende Kommentator, der den Zuschauern erklärte, wie sie zustande gekommen waren: Sie stammten von einer an einer Drohne montierten Kamera. Das reichte, um die falsche Idylle aus den Bildern zu vertreiben.

          Minihubschrauber als leise Spione aus der Luft. Die Rechtslage ist einigermaßen chaotisch

          Die Gattung der Drohnen hat sich in der Vergangenheit vor allem den Ruf einer heimtückischen Waffe erarbeitet, durchaus verdient, wie diese Woche das Londoner Bureau of Investigative Journalism noch einmal zusammenrechnete: Seit 2004 flogen ferngesteuerte Bomber 291 Angriffe in Afghanistan und Pakistan, da lässt sich die militärische Herkunft derartiger Fluggeräte schwer vergessen. Da hilft es auch nicht, dass es sich bei der Drohne von „The Daily“ eher um einen Modellhubschrauber handelt als um ein raketenbestücktes Aufklärungsflugzeug der Air Force. Wie immer, wenn irgendein geheimdienstliches Spielzeug aus den Drehbüchern der Science-Fiction über die Hightech-Werkstätten des Militärs den Weg ins Regal des Elektronikfachmarkts geschafft hat, werden kollektive Aufrüstungsszenarien aktiviert. Und deshalb kann man kaum vermeiden, in den ersten Einsätzen der Minidrohne etwas anderes zu sehen als einen Testflug, und zwar einen, der weniger die Flugeigenschaften des Geräts ermitteln soll, als, vor allem, die ethischen Turbulenzen, in die so ein fliegender Schnappschussapparat geraten könnte. Es gehört nicht besonders viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass solche Mikrokopter schon bald auch dann über dem ein oder anderen Garten schweben, wenn sich dort interessantere Motive finden als stehendes Wasser.

          Für Polizei und Paparazzi

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