Am 25. Juni dieses Jahres trat das Wasser des Souris River über seine Ufer und überschwemmte das Städtchen Minot in North Dakota. Die Dämme brachen, Tausende von Häusern wurden überflutet, 12 000 Einwohner evakuiert. Eine Durchschnittskatastrophe, irgendwo in der amerikanischen Provinz. Die Medien kamen, ein paar Nachrichtenagenturen, ein paar lokale Fernsehsender, ein Team von CNN. Sie sprachen mit den Opfern und mit den Helfern, dann stiegen sie in einen Black-Hawk-Armeehubschrauber, flogen übers Flutgebiet und machten ein paar Aufnahmen für die Abendnachrichten. Wunderschöne Bilder der Verwüstung waren darunter, schunkelnde Autos in brauner Soße, abstrakte Bilder, gesprenkelt mit roten Flächen, die einmal Dächer waren. Der Schrecken der Zerstörung aber verlor sich in der Distanz, wie immer, wenn jemand von oben auf die Welt herunterschaut.
Kollektive Aufrüstungsszenarien
Ein paar Tage später bekamen auch die Leser des jungen iPad-Magazins „The Daily“ Minot von oben zu sehen. Und nur wer genau hinschaute, erkannte die leichte perspektivische Verschiebung. Auch „The Daily“ hatte die Wasserstadt von oben fotografiert, von einem Hubschrauber aus, aber in diesem Videoclip schien das Unglück näher, und die sogenannte Vogelperspektive war eher jene einer Schwalbe als die eines Adlers. Die gespenstische Qualität dieser Aufnahmen aber vermittelte erst der begleitende Kommentator, der den Zuschauern erklärte, wie sie zustande gekommen waren: Sie stammten von einer an einer Drohne montierten Kamera. Das reichte, um die falsche Idylle aus den Bildern zu vertreiben.
Die Gattung der Drohnen hat sich in der Vergangenheit vor allem den Ruf einer heimtückischen Waffe erarbeitet, durchaus verdient, wie diese Woche das Londoner Bureau of Investigative Journalism noch einmal zusammenrechnete: Seit 2004 flogen ferngesteuerte Bomber 291 Angriffe in Afghanistan und Pakistan, da lässt sich die militärische Herkunft derartiger Fluggeräte schwer vergessen. Da hilft es auch nicht, dass es sich bei der Drohne von „The Daily“ eher um einen Modellhubschrauber handelt als um ein raketenbestücktes Aufklärungsflugzeug der Air Force. Wie immer, wenn irgendein geheimdienstliches Spielzeug aus den Drehbüchern der Science-Fiction über die Hightech-Werkstätten des Militärs den Weg ins Regal des Elektronikfachmarkts geschafft hat, werden kollektive Aufrüstungsszenarien aktiviert. Und deshalb kann man kaum vermeiden, in den ersten Einsätzen der Minidrohne etwas anderes zu sehen als einen Testflug, und zwar einen, der weniger die Flugeigenschaften des Geräts ermitteln soll, als, vor allem, die ethischen Turbulenzen, in die so ein fliegender Schnappschussapparat geraten könnte. Es gehört nicht besonders viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass solche Mikrokopter schon bald auch dann über dem ein oder anderen Garten schweben, wenn sich dort interessantere Motive finden als stehendes Wasser.
Für Polizei und Paparazzi
Datenleaks, Mailbox-Hacks und Facebook-Schnüffeleien: Wenn Journalisten den Auftrag zur Aufklärung zu wörtlich nehmen, erodieren die Grenzen zwischen Recherche und Spionage. Dass auch „The Daily“ ein Produkt des infamen Murdoch-Hauses News Corporation ist, stärkt nicht unbedingt das Vertrauen darin, dass die Drohnen nicht demnächst von ihrem Weg abkommen. Seit einiger Zeit erfüllen sie alle Voraussetzungen eines Instrumentes, das wie geschaffen ist für die Recherchen des Boulevardjournalismus. Mikrokopter müssen nicht angemeldet werden, sie sind so leicht zu fliegen wie ein Modellflugzeug, leise und sensationell günstig. Nur eine Modellflughaftpflicht ist Pflicht, wegen der Absturzgefahr. Schon für 300 Euro bekommt man bei Amazon den Quadrokopter Parrot AR.Drone mit zwei Kameras an Bord, steuerbar mit jedem iPhone. Als fliegender Paparazzo eignet sich das Gerät nur bedingt, der Akku ist nach zehn Minuten leer, die Reichweite gering. Aber zum Vorbeischnüffeln beim Nachbarn reicht das erst einmal.
Ab etwa 20 000 Euro gibt es die professionelleren Systeme der Siegener Firma Microdrones, mit einem Radius von etwa einem Kilometer, 20 Minuten Flugzeit, einer Nutzlast von rund 200 Gramm und dem Gewicht einer Kompaktkamera. Zu den Kunden des Unternehmens gehören nicht nur Forschungseinrichtungen und Betreiber großer Industrieanlagen, die mit den Drohnen ihre Anlagen inspizieren, sondern auch die Polizei. In mehreren Bundesländern spielen Polizisten schon mit Mikrokoptern: Die niedersächsische Polizei ließ eine Drohne über die Demonstranten gegen den Castor-Transport schwirren, um mit den Aufnahmen nachträglich Straftäter zu identifizieren.
Inzwischen verfügen dort sechs Beamte über eine Zusatzqualifikation und dürfen sich deshalb ganz offiziell als „Luftfahrzeugfernführer“ bezeichnen. Auch die sächsischen Kollegen nahmen im November eine Drohne zur Überwachung von Hooligans in ihren Dienst. Und auch die Berliner Polizei experimentiert bereits mit einer Drohne, sie lobte das Gerät als „ökonomisch und ökologisch sinnvolle Alternative zum Einsatz des Polizeihubschraubers“.
Zum Kaufen oder Mieten
Angesichts der Geschwindigkeit der technischen Entwicklung allerdings wird auch die Überwachung aus der Luft nicht lange staatliches Privileg bleiben. Beim jungen Berliner Unternehmen Service-Drone kann man schon heute „individuelle Luftaufnahmen nach Ihrer Vorgabe“ anfertigen lassen, aber auch Drohnen kaufen, Flugschulung inklusive. „Das Angebot“, wirbt die Firma auf der Website, „richtet sich vor allem an Anwender, die ihre Drohne für spezielle Zwecke, wie z. B. Werkschutz oder Journalismus einsetzen wollen.“ Zwar kämen bisher höchstens zehn Prozent seiner Kunden aus dem Medienbereich, erklärt Geschäftsführer Oliver Knittel, auch Anfragen von „Spiegel“ und „Spiegel.TV“ habe er schon gehabt. Doch wer die Werbevideos des Unternehmens anschaut, sieht auch, dass solche Minidrohnen nicht nur wegen ihrer investigativen Qualitäten interessant sind, sondern auch wegen ihrer ästhetischen: Sie liefern nicht nur Luftaufnahmen, die erheblich günstiger sind als etwa Aufnahmen aus Hubschraubern, sondern auch solche, die vorher einfach nicht produziert werden konnten: rasante Rundflüge um den Kopf einer Statue, über Grasnarben und Wasseroberflächen, durch Wälder und Straßenfluchten.
Dass trotz dieser reizvollen Voraussetzungen noch immer keine Mikrokopter über dem Haus von Dieter Bohlen gesichtet wurden, ist einigermaßen verwunderlich. Immerhin ist die Idee, die fliegenden Kameras als Paparazzo-Roboter einzusetzen, so naheliegend, dass sich Datenschützer vorsorglich schon mal den Kopf zerbrechen. Im vergangenen Dezember warnte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner Hobbypiloten davor, sie könnten mit ihren Spielzeugdrohnen „schnell an rechtliche Grenzen stoßen“. Und auch der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar meldet in seinem aktuellen Tätigkeitsbericht Bedenken an gegen die Minihubschrauber. Die Rechtslage ist einigermaßen chaotisch: Private Videoaufnahmen in der Öffentlichkeit könnten als Überwachung ausgelegt werden, dann wären sie nach dem Datenschutzgesetz nur in bestimmten Ausnahmen zulässig. Im Privatbereich dagegen handelt es sich „bei heimlichen Aufnahmen“ eindeutig um eine Straftat, die aber würde nur nach einem Strafantrag des Betroffenen verfolgt werden. Genau darin dürfte in der Praxis das Problem liegen: „Die Betroffenen“, schreibt Schaar, „haben aber meist kaum eine Möglichkeit, sich gegen diesen Eingriff in ihre Privatsphäre effektiv zur Wehr zu setzen. Denn auch die den Betroffenen unter Umständen zustehenden zivilrechtlichen Unterlassungsansprüche setzen voraus, dass die Drohnen bemerkt und einem konkreten Nutzer zugeordnet werden können.“
Ohne Moral und Verstand
Womöglich hat die Abstinenz nicht nur mit technischer Rückständigkeit der Redaktionen zu tun, sondern ganz einfach mit der überraschenden Wirksamkeit gesetzlicher Vorschriften. Seit dem sogenannten Caroline-Urteil herrschen relativ strenge Vorschriften für Fotos aus dem Privatleben Prominenter, ganz egal, ob diese mit dem Teleobjektiv durch den Zaun oder aus der Luft geschossen werden. Dass man sich beispielsweise bei der innovationsfreudigen „Bild“-Zeitung derzeit noch nicht mit Drohnen beschäftigt, wie ein Springer-Sprecher mitteilt, mag auch mit der durchwachsenen Bilanz der Leserreporter zusammenhängen. In den vergangenen fünf Jahren hat das Blatt 15 800 Amateurfotos veröffentlicht.
Die damals prognostizierte Inflation kompromittierender Promi-Bilder jedoch blieb aus, weil auch die „Bild“, was ihr selbst Kritiker wie der Medienanwalt Christian Schertz bescheinigen, die Aufnahmen aufwendig prüft. Ähnlich mickrig ist auch die viel zu wenig beachtete Bilanz der Mailbox-Hacks von „News of the World“, die veranschaulicht, wie irre das Missverhältnis zwischen der kriminellen Energie der Reporter und dem publizistischen Ertrag ist: Gerade mal dreizehn Artikel in zehn Jahren strickte das Blatt aus den Ergebnissen seiner Abhöraktionen. Vielleicht sollte man einfach einmal ausrechnen, ob sich die teuren Schmiergelder und Privatdetektive am Ende überhaupt gelohnt haben. Gut möglich, dass im Boulevardjournalismus nicht nur moralische Defizite verbreitet sind, sondern auch buchhalterische.
Wenn sich aber auch dadurch in Zukunft der Luftjournalismus nicht ganz ausschließen lässt, müssen vielleicht die Betroffenen aufrüsten. Mit einem stärkeren Sender etwa lassen sich die Drohnen einfach kidnappen. Andreas Steinhauser vom Chaos Computer Club, der sich seit Jahren mit Mikrokoptern beschäftigt, empfahl schon vor Jahren eine wirksame Gegenwehr: „Eine Schrotflinte ist sicher am effektivsten.“
Unprofessioneller Unsinn dieser Artikel
Arno Nymous (Der-Kommentar)
- 16.08.2011, 19:32 Uhr
Entmikrokopterisierung des deutschen Luftraums
Rolf Mueller (raem)
- 16.08.2011, 18:41 Uhr