Es wird viel gestorben und geblutet in der Wolfsschlucht. Eine Doktorandin der Gazi-Universität in Ankara hat für ihre Dissertation über Mafiafilme als Ausdruck der Populärkultur mitgezählt: In den 55 Folgen der ersten Staffel der türkischen Fernsehserie „Tal der Wölfe“ kam sie unter anderem auf 411 Morde, 152 Verletzungen, 111 Schießereien, 110 Fälle von Folterung und drei Vergewaltigungen. Eine spätere Zählung aus anderer Quelle ergab bis zur Folge 76 eine Gesamtzahl von 2400 Leichen, eine Quote von mehr als 31 Toten pro Film.
Zu Beginn dieser Woche wurde die Serie zumindest vordergründig zum Ausgangspunkt eines türkisch-israelischen Eklats: Der Botschafter der Türkei war am Montag in das israelische Außenministerium zitiert worden, wo ihm die Kritik an der jüngsten Folge übermittelt wurde, in der israelische Diplomaten als Entführer und Mörder erscheinen. Die Demarche wurde unter für den Diplomaten schmählichen Umständen übermittelt, Ankara drohte, er werde das Land verlassen, wenn eine Entschuldigung ausbleibe. Diese kam, der Botschafter bleibt.
Aufruf zur Bandenbindung
Die umstrittene Fernsehserie trat im Januar 2003 ihren Quotensiegeszug an. Ihr Held ist Polat Alemdar, eine nationalistischer Robin Hood, der türkische, zumindest muslimische Witwen und Waisen beschützt und deren vorzugsweise jüdischen, amerikanischen oder auf andere Art verdächtigen Peinigern den Garaus macht. Es ist eine Mischung aus „Pulp Fiction“ und einer brutalen Version der „Lindenstraße“, nur viel eindimensionaler. Geschichten, die mitunter einen wahren Kern haben, werden hemmungslos mit Verschwörungstheorien vermischt, was die viele Zuschauer kaum unterscheiden können und wohl auch nicht sollen.
Aus Kommentaren in Internetforen lässt sich erkennen, dass Bewunderer des Polat Alemdar ihr Bild der Wirklichkeit aus dem „Tal der Wölfe“ beziehen. Darin geht es um kurdischen Terrorismus und böse ausländische Mächte wie den Mossad oder die CIA, welche die Türkei spalten wollen. Der Schriftsteller Murathan Mungan sagte über die Serie einst, sie greife auf Chauvinismus und Rassismus zurück und rufe junge Leute nachgerade dazu auf, gewalttätige Banden zu bilden. Solche Äußerungen werden von Zeitgenossen, die sich überlegen dünken, gern als soziologische Überinterpretation abgetan, doch der Verdacht gegen Risiken und Nebenwirkungen Polat Alemdars ist mehr als das. Ein vierzehnjähriger Junge, der im März 2006 im Streit einen Mitschüler niederstach, prahlte später vor der Polizei, er habe nur gehandelt, wie es Polat Alemdar getan hätte. Bei einer unter 1850 Schülern erhobenen Umfrage in siebzehn Provinzen wurde die Frage nach Vorbildern gestellt. Kein Name wurde so oft genannt wie der des Polat Alemdar. Er beeindruckte die Kinder als Mann, der nicht große Worte macht und zu Gewalt greift, „wenn die andere Seite es verdient“.
Organentnahme bei lebendigem Leib
Beschwerden aus Israel über antisemitische Szenen der Serie gab es häufiger. Sie wurden meist mit dem Argument abgetan, dass die Türkei eine Demokratie sei, in ihr also Meinungsfreiheit herrsche. Dennoch musste der private Sender „Show TV“ die Sendung im Februar 2007, nachdem die erste Folge einer neuen Staffel gezeigt worden war, auf Druck der Medienaufsichtsbehörde RTÜK vorübergehend absetzen. In der Folge waren Übergriffe einer Terroristenorganisation auf türkische Soldaten gezeigt worden. Die Gruppierung wurde zwar nicht beim Namen genannt, war jedoch unschwer als die kurdische PKK zu erkennen. Die Darstellung des Themas könne Hass in die türkische Gesellschaft tragen, so die Aufseher. Die Gesellschaft durch Hass auf Juden oder Amerikaner zu festigen, scheint hingegen akzeptabel zu sein.
Den bisherigen Höhepunkt ihrer Popularität erreichte die Figur des Polat Alemdar durch den Kinofilm „Tal der Wölfe – Irak“, der alle Kassenrekorde brach. Die perfide Kunst der Drehbuchschreiber, tatsächliche Vorfälle mit Erdachtem zu kombinieren, um das eine als auch das andere dokumentarisch erscheinen zu lassen, fand neue Höhen. Szenen von einem (tatsächlichen) amerikanischen Überfall auf eine im Nordirak stationierte türkische Einheit sowie der Misshandlungen von Gefangenen in Abu Ghraib wurden um die Geschichte eines jüdischen Arztes bereichert, der muslimischen Gefangenen bei lebendigem Leibe Organe entnimmt, um sie zu verkaufen. Als einer der Drehbuchschreiber gefragt wurde, warum auf einer Kiste, in der die Organe verschickt werden, ausgerechnet „Tel Aviv“ stehe, antwortete er sinngemäß, das sei reiner Zufall. Es hätte auch „Karachi“ darauf stehen können.
Prominenz bei der Premiere
Stand es aber nicht, denn das wäre dem unterschwelligen Prinzip des Films zuwidergelaufen, „die Türken“ und „die Muslime“ als gute Menschen und Opfer, „die Christen“ und „die Juden“ hingegen als böse Menschen und Täter zu zeigen. Die Nachricht sollte nicht lauten: Auch das ist Amerika. Sie sollte suggerieren: So – und nur so – ist Amerika, ist Israel.
Die Verteidiger der Serie und des Films haben angeführt, dass nichts anderes gezeigt werde als in amerikanischen „Rambo“-Filmen, nur dass in diesem Fall ausnahmsweise die Amerikaner die Bösen seien. Letztlich kopierten die Macher nur die Methoden der amerikanischen Filmindustrie mit Inhalten, die im Westen als nicht politisch korrekt empfunden werden. Dass manche jener, die noch gestern für die Freiheit dänischer Mohammed-Karikaturisten gestritten haben, nun die Geschichten des Türken-Rambos am liebsten verboten sähen, passe nicht zusammen, auch wenn die Macher vom „Tal der Wölfe“ eingestandenermaßen noch nicht mit Morddrohungen überhäuft worden seien und ohne Angst vor Anschlägen leben.
Doch auch in der Türkei fiel es vielen Kommentatoren unangenehm auf, dass zur Premiere vom „Tal der Wölfe – Irak“ die halbe politische Prominenz des Landes erschienen war und sich Spitzenpolitiker der „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) des Ministerpräsidenten Erdogan in Lobeshymnen über das Machwerk ergingen. Selbst die Ehefrau des Ministerpräsidenten sei angetan gewesen, wurde nach der Premiere berichtet. „Sehr schön“, soll Emine Erdogan über das Gemetzel auf der Leinwand gesagt haben.
kein Unterschied zu Rambo
Peter Müller (Henrico)
- 14.01.2010, 17:52 Uhr
Tolle Aussichten
Michael Rosenthal (m_rosenthal)
- 14.01.2010, 18:20 Uhr
Propaganda
Fritz Vandermöhlen (FritzV)
- 14.01.2010, 18:37 Uhr
Ja - so stellt man sich Europareife vor. Hält man die Europäer für dumm?
pauline mohr (paulinemohr)
- 14.01.2010, 18:45 Uhr
Meinungsfreiheit
Jan Bartussek (Nichtvergeben)
- 14.01.2010, 18:55 Uhr