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TV-Film „Eine unerhörte Frau“ : Sie gibt die Hoffnung nicht auf

  • -Aktualisiert am

Die Sehkraft von Magdalena (Romy Butz) lässt nach. Bild: ZDF und Hendrik Heiden

Hans Steinbichler hat einen sensiblen Film über eine Frau gedreht, die gegen die Ignoranz der Ärzte um das Leben ihrer Tochter kämpft. „Eine unerhörte Frau“ beruht auf einer wahren Geschichte.

          Könnte das heute noch geschehen? Schließlich ist das Einholen zweiter Meinungen längst gängig, auch das Schlaumachen im Internet und das eigenmächtige Aufsuchen von Fachärzten. Und doch kann es wohl geschehen, dass Menschen mit der (ja nicht immer falschen) Erklärung abgespeist werden, es handele sich um eine psychosomatische Problematik. Das gilt zumal, wenn die Hilfesuchenden aus wenig gebildeten Verhältnissen stammen: Hanni Schwaiger, die in Wahrheit Angelika Nachtmann heißt und hier von Rosalie Thomass mit hervorragendem Einfühlungsvermögen gespielt wird, ist Bäuerin. Aber sie weiß einfach, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmt.

          Als die neunjährige Magdalena, überzeugend, ja famos gespielt von Romy Butz, schubweise ihre Sehkraft verliert, gibt die Hausärztin der Mutter den irrsinnigen Ratschlag, ihr eine Brille mit Fensterglas zu kaufen. Mädchen simulierten gern, weil sie eine schicke Brille wie ihre Freundinnen haben wollten. Magdalenas eklatante Wachstumsverzögerung, das häufige Übergeben, die Kraftlosigkeit und ihre permanenten Kopfschmerzen sind aber auch einer Ärztin der Kinderklinik keine in die Tiefe gehenden Untersuchungen wert. Ihre Diagnose lautet: kindliche Migräne und psychisch bedingte Anorexie. Die Forderung der Mutter nach einer Kernspintomographie pariert die Spezialistin hochmütig: „Sie amüsieren mich. Sie müssen mir doch nicht sagen, was ich zu tun habe.“

          Im Zentrum dieses stillen, ergreifenden Films nach einem Drehbuch von Angelika Schwarzhuber und Christian Lex steht Mutter Hanni. Eine einsame Frau. Weil ihr die Experten nicht glauben, haben auch die Menschen um sie herum Zweifel an ihrem Verdacht. Sogar ihr Ehemann (Florian Karlheim), der depressive, gern dem Alkohol zusprechende Vater von Magdalena, wirft ihr vor: „Du willst doch, dass dein Kind krank ist.“ Die emotional nie aufdringliche Regie von Hans Steinbichler hebt die Einsamkeit noch dadurch hervor, dass wir Hanni häufig allein mit ihrer Tochter sehen, sei es in Nahaufnahmen im Bett, sei es in der Totalen einer Berglandschaft oder Straßenszene. „Ich glaub, ich geh kaputt“, äußert das Kind dabei einmal in einem mehr entschuldigenden als ängstlichen Ton.

          Die klassische, gelungene Erzählweise kommt ohne waghalsige Manöver aus und verschleift über Erinnerungsrückblenden drei Zeitebenen miteinander. Auffällig ist der Mut zur Lücke, denn eine traumatische Missbrauchserfahrung Hannis als Kind wird mehr angedeutet als erzählt. Damals hat sie die Hilflosigkeit kennengelernt, weil ihre Mutter ihr nicht glaubte. Das tat erst ein Gericht. Inzwischen selbst Mutter, will sie diesen Fehler um jeden Preis vermeiden, auch um den des Familienfriedens: Die Brüder Magdalenas fühlen sich vernachlässigt; die Schwiegermutter verfolgt Hanni mit Flüchen; ihr Mann verzweifelt. Derweil wächst Hanni vor unseren Augen zur Heldin heran. Sie nimmt den Kampf mit den Halbgöttern in Weiß auf, den sie schließlich vor Gericht ausficht. Mit dieser späten Gerichtsszene steigt der Film ein, wobei wir lange nicht wissen, was aus Magdalena wurde, denn der nach langer Odyssee diagnostizierte, eigentlich gutartige Gehirntumor war schon so groß, dass niemand mehr zu operieren wagte.

          Und da wäre niemand, der ihnen Hilfe leistet: Hanni (Rosalie Thomass) und ihre Tochter Magdalena (Romy Butz).

          Nur wenige Szenen wirken leicht standardisiert: Hanni, die sich Fachwissen anliest; Hanni, die eine Koryphäe im fernen New York belagert, bis er ihr zuhört. Das fällt kaum ins Gewicht angesichts des authentischen Tonfalls des Films, der seinen Charakteren auch ambivalente Stimmungen zugesteht und nicht pauschal mit der Ärzteschaft oder gar „dem System“ abrechnet. Es ist eine bewegende Hommage an den Trotz und die Kraft der Hoffnung, eine Verneigung vor der Mutterliebe, die stärker ist als alle Widerstände. Und all das ist in den neunziger Jahren ziemlich genau so passiert.

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