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„Eine Hand wäscht die andere“ im Ersten : Wir sind korrupt, und das ist auch gut so

Spargel oder Knöllchen? Finanzprüfer Chlodwig Pullmann (Ulrich Noethen) schlawinert sich durchs Leben. Der Wachtmeister hat ein Einsehen. Bild: NDR/Svenja von Schulzendorff

In der Korruptionskomödie „Eine Hand wäscht die andere“ glänzt Ulrich Noethen als krimineller Finanzprüfer. Die überdrehte Provinzsatire ist vor allem eins: Großes Theater.

          Für einen Finanzprüfer ist Chlodwig Pullmann (Ulrich Noethen) entschieden zu beliebt. In seiner Heimatstadt Stade hat er sich ein Idyll aufgebaut, das auf Geben und Nehmen beruht. Der ausgeschlossene Dritte ist der Staat. Pullmann schaut nicht so genau hin, wenn ihm Betriebsunterlagen in die Finger kommen. Und er freut sich über kleine Geschenke. Eine Kaffeemaschine, sehr gerne. Auch die Kollegen haben schließlich etwas davon. Die sind mit Pullmanns Berufsauffassung sehr einverstanden. In der Kaffeepause verlost man die Bestechungsangebote der örtlichen Kleinbetriebe. Auch vom Bürgermeister ist eines dabei. Aber das bleibt in Pullmanns Hand. Mit ihm macht er nämlich die dicksten Deals.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist ihm schwer übelzunehmen. Pullmann ist ein charmanter Kleinganove, seine Ziele sind sozialverträglich. Es reitet ihn nicht die grenzenlose Gier. Er will einen Wohnwagen für den Lappland-Urlaub und kleine Vergünstigungen, die den Alltag versüßen. Das passt bestens zu den Geschäftszielen seines Umfelds. So lebt er im Glauben, jeden von seiner Lebenseinstellung überzeugen zu können. Weil doch jeder etwas davon hat.

          Auch seine treuherzige Ehefrau Jenny (Steffi Kühnert), die von all dem nichts ahnt und als Vorkämpferin der lokalen Antikorruptionsbewegung die moralische Fassade aufrechterhält. Sie freut sich über den gehobenen Lebensstandard in der Deichvilla, der mittlere Beamtenbezüge weit überschreitet. Über die vielen kleinen Aufmerksamkeiten ihres Gatten gerät sie so sehr in Rührung, dass sie nachzufragen vergisst, woher er das Geld für sie hat. Und der kleinkriminelle Sohn Torben (Kristo Ferkic) holt sich für Sprengstoffexperimente und Autoklau von seinem Vater nur eine tätschelnde Ohrfeige ab, in der viel Anerkennung liegt.

          Kein Büroschlaf, ein Ernstfall: Der Chef des Finanzamts tritt unfreiwillig ab. Chlodwig Pullmann hält sich für seinen berufenen Nachfolger. Es kommt anders.

          Hermine Huntgeburths Komödie „Eine Hand wäscht die andere“ ist eine beschwingte Mentalitätsstudie über den Nährboden der Korruption in der Provinz. Sie schreibt das in der Finanzkrise geläufig gewordene Motiv fort, dass die moralische Empörung über die Gier der Großfinanz dort endet, wo der eigene Lebenskomfort beginnt, und dass die Neigung zur Vorteilsnahme maximale Kreise zieht. Mit anderen Worten: Alle Wege führen zur Wall Street.

          Dass sich der Film an seiner überdehnten These nicht verschluckt, wird eher ästhetisch beglaubigt als logisch plausibel. Ulrich Noethen ist als Wolf von der Waterkant ein Glücksfall. Mit kaum bewegter Augenbraue steuert er durch die heikelsten Situationen und schafft es immer wieder, einzelne Szenen zum Leuchten zu bringen. Wie er mit der Piratenflagge seines Sohnes den imaginären Hund verjagt, der seinen verhaltensgestörten Schwager Johnny (Peter Lohmeyer) in höchste Not versetzt, ist großes Theater. Waldemar Kobus als Bürgermeister, amtsgemäß etwas jovialer im Zuschnitt, und Steffi Kühnert als gefühlige Moralistin stehen ihm an schauspielerischer Überzeugungskraft kaum nach. Und das Drehbuch von Volker Einrauch und Lothar Kurzawa steckt voll irrwitziger Wendungen. Pullmann wird schließlich wider Willen selbst zum Fahnenträger der Antikorruptionskampagne und verhilft ihr zum nicht mehr erwarteten Sieg. Der großartige Peter Lohmeyer nimmt derweil mit seinen epileptischen Zuckungen das drohende Unheil vorweg.

          Der dramatische Wendepunkt tritt ein, als Pullmanns Vorgesetzter sich zu Tode säuft und der neue Finanzchef Jakob Kronibus antritt. Alexander Scheer verkörpert ihn als wild gestikulierende Beamtenkarikatur, die mit schneidendem Verstand darangeht, Pullmanns Sumpfgebiete Schritt für Schritt trockenzulegen, aber erkennbar zu intelligent und sympathisch ist, um einen technokratischen Regelterror einzuführen. Hinter seiner schaufenstergroßen Brille schlummert eine Sinnlichkeit, die seine junge, systemrelevante Kollegin Sina (Katja Danowski) kirre macht. Das feingesponnene Netz der Korruption beginnt zu reißen. Und Pullmann, zunächst ungerührt, gerät immer häufiger in Erklärungsnot. Das Drehbuch öffnet ihm schließlich einen leicht konstruiert wirkenden Notausgang, der die heile Welt noch einmal rettet und dabei haarscharf am öffentlich-rechtlichen Begütigungsauftrag vorbeischrammt.

          Mit „Eine Hand wäscht die andere“ ist Hermine Huntgeburth eine herrlich überdrehte Satire auf die Toleranz für menschliche Schwächen gelungen, die man als die eigenen erkennt. Mit einer Figurenzeichnung, die das Klischee jeweils nur andeutet, lässt sie den Schauspielern den Freiraum, das Spiel um Vorteilsnahmen und kleine Gefälligkeiten so zu interpretieren, dass es zuletzt unwiderstehlich wirkt.

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