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Neues vom TV-Markt : Hast du die deutsche Serie schon gesehen?

  • -Aktualisiert am

Europäischer Glamour mit amerikanischem Star: Bei Sky erlebt bald Julia Stiles als Milliardärswitwe die Machenschaften der Reichen und Schönen in „Riviera“, Bild: Sky

Der Markt der Fernsehserien wird enger. Setzt Nachzügler Deutschland der internationalen Qualität etwas entgegen? Auf dem „Serien-Summit“ in Köln sieht es nicht danach aus.

          Bekommt die deutsche Serie soeben die Kurve? Dieser Tage läuft schließlich die Neuköllner Version der „Sopranos“ an – „4Blocks“ (TNT Serie). Der WDR hat mit dem Piloten zu „Über Barbarossaplatz“ eine starke, wenn auch leider im Spätprogramm versteckte Duftmarke gesetzt, und im Herbst wird endlich Tom Tykwers Edel-Gangster-Epos „Babylon Berlin“ bei Sky zu sehen sein, kurz darauf dann beim Produktionspartner ARD. Auf dem diesjährigen Kölner „Serien-Summit“, den die Beratungsagentur HMR International wieder gemeinsam mit der Film und Medien Stiftung NRW, der Kanzlei SKW Schwarz und den MMC Film- und Fernsehstudios ausgerichtet hat, vermittelte ein Zusammenschnitt einen ersten Eindruck dieser in die zwanziger Jahre versetzten, erwartbar historisch kostümierten, aber ungewöhnlich rasanten Serie um Kommissar Gereon Rath. Man sieht den Bildern das hohe Budget an: So wuchtig wird in Deutschland sonst nicht erzählt.

          Und doch dominierten die skeptischen Töne. Qualität sei hierzulande kein Erfolgsgarant – ganz im Gegenteil. Peter Nadermann, der Geschäftsführer der Produktionsfirma Nadcon Film, machte die Schuldigen in den öffentlich-rechtlichen Sendern aus: Man betreibe hier Erwartungserfüllung statt Publikumserziehung. Die Folge sei, dass Ambitioniertes abgelehnt werde, anders als etwa in Skandinavien. Dietrich Leder (Kunsthochschule für Medien Köln) räumte ein, dass deutsche Serienmacher in jüngster Zeit mehr wagten und endlich die Provinz entdeckten, doch hob seine Keynote den Abstand zum internationalen Niveau hervor. Ein entscheidendes Hemmnis sei die deutsche „Monokultur des Krimis“, zumal diese gern in der anspruchsfreien Variante des „Postkartenkrimis“ daherkomme. Das weltweite Überangebot an sehr guten High-End-Serien – laut Leder stehen wir kurz vor der Sättigung des Marktes – führe zu beachtlichen Archiven der Streaming-Portale und Abosender. Dass unsere Gondel fahrenden Kommissare lange mithalten, darf zu Recht bezweifelt werden.

          Ihre Blocks: Tony (Kida Khodr Ramadan, links), Vince (Frederick Lau) und Abbas (Veysel) unterwegs in Berlin-Neukölln.

          Trailer : „4 Blocks“

          Der Sender ZDFneo immerhin sucht nach frischen Dramaserien, bislang mit wenig Erfolg. Nach der klischeelastigen Boxer-Romanze „Tempel“, die nicht fortgesetzt wird, ist nun die im besten Fall drollige Serie „Blaumacher“ sendefertig. Sie erlebte beim Serien-Gipfel ihre Premiere auf Kinoleinwand, riss aber niemanden mit. Schale Witze über die Midlife-Crisis werden nicht besser, wenn man sie überzeichnet, mit Girlie-Humor abschmeckt und aparten Bildideen aufpeppt. Selbstfindung qua Kontrollverlust, das hat Bastian Pastewka mit „Morgen hör ich auf“ um Längen tragikomischer vorgeführt.

          Die Produzenten Nadermann und Astrid Quentell (Sony Pictures) waren sich mit Marcus Ammon, der bei Sky für die deutschen Produktionen verantwortlich ist, in einem Punkt einig: Qualität kostet. Wenn Netflix für „The Crown“ achtzig Millionen Euro zahle, müsse man sich nicht wundern, dass ein „Tatort“ anders aussehe. Bei der englischen BBC scheut man Kooperationen und große Summen nicht, wie die Dreißig-Millionen-Dollar-Produktion „The Night Manager“ gezeigt hat. Auch die Serie „Broken“, in der Sean Bean einen eigenbrötlerischen katholischen Priester in Liverpool mimt, hat ein schönes Sümmchen gekostet. Das deutete Andrew Morissey (LA Productions) an, wollte mit den genauen Kosten aber nicht herausrücken.

          Bleibt subversiv und radikal! Hauptdarstellerin Vita Tepel aus „Wishlist“
          Bleibt subversiv und radikal! Hauptdarstellerin Vita Tepel aus „Wishlist“ : Bild: obs/funk von ARD und ZDF

          Noch sehr viel teurer dürfte das neueste Sky-Produkt sein, an dem Sky Deutschland beteiligt ist: „Riviera“, eine ab Juni ausgestrahlte Hochglanzserie, die in der Welt des südfranzösischen Geldadels spielt. Die Geschichte einer anfangs gutgläubigen Milliardärsgattin (Julia Stiles), die nach dem Ableben ihres Mannes in die Machenschaften der Superreichen hineingezogen wird, hat Neil Jordan („Die Borgias“) geschrieben. Produzent Foz Allen (Bryncoed Productions) war in Köln sichtlich stolz auf die visuelle Opulenz der Serie, die beeindruckt, aber die Frage aufwirft, ob Geld allein den Weg in den Serienhimmel ebnet: Wenn das Design zur Orgie wird, überdeckt es jede Idee.

          Dass man mit überschaubaren Summen – 65000 Dollar je Episode – eine wahnsinnig gute Serie herstellen kann, wenn man nur genug Herzblut, Spontaneität und Radikalität einfließen lässt, führte der Regisseur Shay Capon (Dori Media Darset Productions, Tel Aviv) vor: „Dumb“ handelt von einer frustrierten Schauspielerin, die weit jünger aussieht, als sie ist, und für Undercover-Ermittlungen in eine Highschool eingeschleust wird. Eigentlich aber geht es um weibliche Identität in einer Machowelt und um die Tücken des Wunsches nach ewiger Jugend, und das so charmant, ergreifend und ehrlich – die Hauptdarstellerin Bat Hen Sabag hat die Serie selbst geschrieben –, dass man dafür jede Millionen-Dollar-Kunstparty sausen ließe.

          Trailer : „Riviera”

          Da ist es folgerichtig, eine Serie, die beinahe ohne Budget (170000 Euro insgesamt) entstanden ist, aber eine überzeugende Idee und unverfälschte Darsteller in den Mittelpunkt stellt, mit Auszeichnungen bis hin zum Grimme-Preis zu überhäufen, so handgemacht vieles wirkt. Die jungen Produzenten der Mystery-Web-Serie „Wishlist“, die für die ARD/ZDF-Jugendplattform „funk“ entstanden ist und von einer alle Wünsche erfüllenden, dafür aber jeweils ein Opfer verlangenden App handelt, machten im Gespräch allerdings klar, dass sie ein solches Maß an Selbstausbeutung nur einmal aufzubringen bereit waren. Die zweite Staffel entsteht mit deutlich höherer Ausstattung. Dabei möchte man rufen: Bleibt subversiv und radikal, das ist unsere Chance in einem vor Geld bereits erstarrenden Markt. Und sollte diese Wunsch-App tatsächlich funktionieren, dann möchte man sich wünschen, dass die ARD „Über Barbarossaplatz“ noch einmal hervorholt. Dafür opfern wir gern Commissario Brunetti. Mindestens.

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          Quelle: F.A.Z.

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