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„Ein todsicherer Plan“ in der ARD : Eskalation ist Ehrensache

  • -Aktualisiert am

Klaus Roth (Richy Müller) und Achim Buchert (Martin Butzke) wollten eigentlich nur einen Geldtransport überfallen - aber das ging gehörig schief. Bild: obs

Richy Müllers Raubzug gegen eine Bank ist ethisch schlicht, aber psychologisch spannend: „Ein todsicherer Plan“, der als sehr freie Variation des Geiseldramas von Gladbeck durchgehen könnte, kommt heute Abend in der ARD.

          Roland Suso Richter, der Regisseur von „Dresden“, Mogadischu“ und „Der Tunnel“, hat einen Lauf. Gerade erst wurde seine Fiktionalisierung der „Spiegel“-Affäre auf Arte und im Ersten ausgestrahlt. Im Frankfurter Zoo verfilmt er - ebenfalls für die ARD - Bernhard Grzimeks Leben, schon folgt im Ersten der nächste Streich des Regisseurs. Kein melodramatisches Zeitgeschichtsfernsehen dieses Mal: „Ein todsicherer Plan“ handelt zwar von einem völlig aus dem Ruder laufenden Banküberfall und könnte als sehr freie Variation des Geiseldramas von Gladbeck durchgehen.

          Dann allerdings so frei, dass die Täter-Opfer-Relation sich umkehrt. Man kann auch sagen: Richter hat sich zur Abwechslung einmal frei gemacht von historischen Vorgaben, Ausstattungsexzessen und Braunfilter, und es hat sich gelohnt. Selbst wenn es eine Dimension gibt, die den Genuss dann doch wieder schmälert und so wohl nur im deutschen Fernsehen zu finden ist. Aber dazu später.

          Zurück in den Krieg

          Erzählt wird die Geschichte eines eher amateurhaften Bankraubs in der Kleinstadt Ladenburg, den man gleich als Verzweiflungstat erkennt, denn als Anführer des Überfallkommandos agiert der nette Familienvater Klaus Roth. Der stets harmlos wirkende Richy Müller ist die perfekte Besetzung für diese Rolle. Roths wirtschaftliche Existenz wurde durch die Kündigung eines Kredites durch die Bank vernichtet. Er musste seine Schreinerei schließen, jetzt steht der Verkauf des Privathauses an. Weniger Rache als Gerechtigkeitsgefühl bringt den Abgestürzten dazu, einen Überfall auf einen Geldtransporter zu planen, der als Geiselnahme in einer Bankfiliale endet.

          Spätestens seit „Breaking Bad“ wissen wir, welche erzählerischen Funken eine Fernsehproduktion aus der Guter-Bürger-verliert-den-Glauben-ans-Gesetz-Situation schlagen kann, zumal als Kompagnon ein unehrenhaft entlassener Ex-Soldat mit von der Partie ist (undurchsichtig: Martin Butzke), der in Afghanistan diente: „Gruppe 47 bestand aus acht Männern, zwei davon haben überlebt. Der eine ist völlig traumatisiert, der andere ist Joachim Buchert: gedrillt, ausgebildet, gut an der Waffe, erfahren mit Sprengstoff, taktisches Geschick.“ Soll das mit „Gruppe 47“ ein Witz auf Kosten der literarischen Ex-Soldaten sein? Dann wäre er gut. Buchert jedenfalls glaubt, wieder in den Krieg zu ziehen.

          Spannend bis zum Schluss

          Obwohl der oberste Dorfpolizist, ein Bekannter Roths, diesen eigentlich schon zur Aufgabe überredet hatte, übernimmt das zur Härte entschlossene LKA den Fall und sorgt dafür, dass sich die Situation fatal zuspitzt. Bald stehen zwei hochgerüstete, feindliche Mächte einander gegenüber: „Das ist ein Mechanismus: Die fahren mit was vor, wir fahren mit was vor.“ Für Menschliches ist kein Platz mehr, selbst wenn Roth versucht, ein anständiger Bankräuber zu bleiben. Doch in Holger Karsten Schmidts in dieser Hinsicht entschiedenem Drehbuch steuert alles auf eine radikale Auflösung zu. Richter lässt den Zuschauer zwar mehrfach die Polizeiperspektive einnehmen, aber hauptsächlich blicken sie mit den Belagerten von innen nach außen.

          In anderer Hinsicht sehnt man sich allerdings nach einem dicken Rotstift. Dass Banken böse sind, dass sie sich frei nach Brecht über einen kleinen Überfall nicht zu beschweren haben, wo sie doch massenhaft Bürger ausrauben, all das wäre schon in der Handlung enthalten - und möchte noch angehen. Aber damit nicht genug, muss hier von den zu Kapitalismuskritikern mutierten Bankangestellten lachhaft unglaubwürdig das schmutzige Geschäftsgebaren eingestanden werden: „Wir haben Sie und einige geopfert, damit wir selbst nicht arbeitslos werden.“ Hinter dem systematischen Abzocken von Gläubigern steht ein noch viel größeres Geldhaus, erfahren wir: Mortex, mit den Allusionen „mort“ und „exitus“, also doppelt tödlich. Ins Zentrum des eigentlich gut konstruierten Thrillers drängt sich so linkspolitisches deutsches Erklärfernsehen, das auch noch mit deutscher Soap-Dramaturgie einhergeht: Die schöne Bankkauffrau Miriam (Claudia Eisinger) flirtet mit dem Filialdeppen, weil ihr bisheriger Liebhaber, der Filialleiter, sich als Weichei herausstellt. Das ist einfach nur schade. Spannend bis zum Schluss ist dieser Film trotzdem.

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