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Veröffentlicht: 19.05.2014, 11:19 Uhr

Blut und Spiele Ein Tag im russischen Staatsfernsehen

Sind alle Ukrainer Faschisten? Bin ich in Putins Kopf? Ein Selbstversuch zeigt, wie das russische Fernsehen dem Schreckensszenario zuvorkommt, dass der Zuschauer die Schreckensszenarien nicht mehr erträgt.

von Anna Prizkau
© Screenshot F.A.Z.

Ohne es selbst sofort zu bemerken, bin ich plötzlich im Kopf von Wladimir Putin. Denn dorthin führt ein Tag fernsehen, wenn man russische Staatssender schaut. Doch statt Putins Gedanken sehe ich zuerst nur den unfrisierten Kopf einer jungen Kandidatin der Vorher-nachher-Sendung „Modnij Prigowor“ auf dem Ersten staatlichen Sender „Pjerwij Kanal“. „Je schlechter es dir geht, desto besser musst du aussehen“, sagt der Moderator zu der jungen Frau, die in Scheidung lebt und mit Hilfe der Sendung ihr Leben verändern will. Die Psychologin der Show im kurzen, genieteten Blazer erklärt der verlassenen Unfrisierten, wie es sich anfühlt, verlassen zu werden. Dann verwandeln Modeexperten die Kandidatin in eine Venus, und alle im Studio heulen vor Glück.

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Da der neue kastanienfarbene Bob der Verlassenen aber in Putins Kopf kaum eine Rolle zu spielen scheint, schalte ich zum Nachrichtensender „Rossija 24“. Dort spricht die deutsche Politikerin Heike Hänsel (Die Linke) über Kiewer Faschisten. Etwas später erklärt Gregor Gysi russischen Journalisten, dass der Westen noch nichts begriffen habe und sich zu der Ukrainekrise unbedingt anders verhalten müsse. Darauf folgt der nächste Beitrag zur Ukraine. Diesmal sind es verwackelte Handyaufnahmen aus dem Osten, die „erneute Schießereien von bezahlten Söldnern auf unbewaffnete Menschen“ beweisen sollen. Schüsse, Blut, zuckende Verletzte, unvorstellbare Gewalt, und immer wieder sagt der Nachrichtensprecher „Kiewer Regierung“, das klingt nicht ganz so denunziatorisch wie die Wortbildung „Kiewer Junta“, die meistens die Menschen in Tarnanzügen in der Ostukraine benutzen. Dennoch ist „Kiewer Regierung“ falsch, denn die Regierung ist nicht die Regierung Kiews, sondern die der ganzen Ukraine. Und dass es die ganze Ukraine noch gibt, wird mit der Bezeichnung einfach geleugnet. Die Sprache der Nachrichten ist die Sprache Putins, und sie ist sauber zerlegt. Ein ordentlicher Kopf, dieser Kopf Wladimir Putins.

Tieftrauriger Gesang am Rednerpult

Am Mittag erzählen auf „RTR“, einem anderen Staatssender, Menschen in Kitteln, die so aussehen, wie Menschen aussehen, wenn sie sich als Ärzte verkleiden, von der Fünf-Löffel-Diät. Man dürfe alles essen, aber von allem nur fünf Löffel und das alle drei Stunden. Eine Probandin hat in drei Wochen zwei Kilo verloren. Effektiv ist das nicht, denke ich und schalte wieder zum Nachrichtensender. Auf „Rossija 24“ geht es jetzt um das Gas, dass die Ukraine noch nicht bezahlt hat. Der Beitrag erinnert an eine Lösegeldforderung: Ukraine, wenn Sie nicht innerhalb von drei Wochen 1,66 Milliarden Dollar überweisen, ist ab Juni alles aus. Und dann kommen wieder verwackelte Handyaufnahmen. „Ausländische Scharfschützen schießen auf unbewaffnete Menschen“, sagt der Offsprecher, und als Beweis wird eine Zigarettenschachtel mit englischsprachigem Smoking-kills-Aufkleber gezeigt, die angeblich am Tatort gefunden worden ist. Und auf einmal bemerke ich, dass ich kurz nach dem Beitrag die eigentliche Nachricht nicht mehr erinnere. Wo wurde noch einmal geschossen? Wann? Und wie viele Tote oder Verletzte gab es dort überhaupt? In meinem Kopf bleiben nur die schrecklichen Bilder irgendeiner Handykamera.

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Seit Stunden geht es in den Nachrichten nur um die Ukraine. Dann kommt eine kurze Erlösung. „Jetzt zum Sport“, sagt der Nachrichtensprecher. Eishockey. „Die russische Mannschaft hat gestern die Amerikaner zerstört.“ Ja, er sagt wirklich „zerstört“. Das gefällt Putin bestimmt, denke ich und gehe kurz rauchen. Wieder vor dem Fernseher, der schon seit fünf Stunden läuft, sehe ich erneut verwackelte Aufnahmen, diesmal von Männern in Uniformen mit Gewehren. „Auf der Stelle werden wir töten“, singen die Uniformierten auf Ukrainisch im Chor. Und mit Singen geht es im übernächsten Beitrag auch weiter.

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Oleg Nilow, ein Duma-Abgeordneter, beschwert sich während einer Parlamentssitzung am Rednerpult über den Sieg von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest. Dann kündigt er seine Antwort „auf die dunklen, finsteren Mächte“ an und singt plötzlich ein russisches Volkslied: „Schwarzer Rabe, was kreist du über mir? / Schwarzer Rabe, ich bin nicht dein.“ Der schwarze Rabe ist in Russland ein Bote des Bösen, für Nilow also Conchita Wurst, und sie will der Politiker mit seinem Gesang und der geballten Faust, die er im Takt mal nach links, mal nach rechts wirft, anscheinend verjagen. Und während die Duma ihm applaudiert, frage ich mich, wann wohl ein deutscher Abgeordneter das letzte Mal so tief und traurig während einer Bundestagssitzung gesungen hat. Wenn überhaupt, gibt es in der deutschen Politik nur die hilflos singende Andrea Nahles.

Zwischendurch wird auch mal gefeiert

Die Werbepause zwingt zum Umschalten. Auf dem „Pjerwij Kanal“ läuft nun eine Talkshow. Im bunten, kitschigen Studio sitzen auf der einen Seite Frauen, auf der anderen Männer, das Thema: die männliche Midlife-Crisis. Eigentlich toll, nach der ganzen Gewalt in der Ostukraine. Doch dann sagt eine Eva-Hermann-Kopie, dass Frauen immer interessiert und gutgelaunt sein müssen. Das hört man als desinteressierte, schlechtgelaunte Frau, die seit sieben Stunden fernsieht, nur ungern und schaltet schnell weg.

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Auf „Rossija 24“ singt wieder der Abgeordnete, und ich frage mich, ob in Putins Kopf auch so ein schwarzer Rabe herumkreist (Amerika? EU? Oder ebenfalls Conchita Wurst?). Dann kommt ein anderer Gas-Schulden-Beitrag. Zum zweiten Mal gehört, klingt die Zahl 1,66 Milliarden Dollar viel größer. Zum Glück wird zwischendurch auch mal gefeiert - in Sewastopol. Nein, nicht, dass die Krim wieder Russisch ist, sondern ein Jubiläum, das 231. Jubiläum (in Russland sind scheinbar alle Jahrestage Jubiläen): Seit 1783 ist die russische Schwarzmeerflotte in Sewastopol stationiert. Schöne Marineoffiziere salutieren, und gerade als mein Fuß wie ferngelenkt anfängt, im Takt der sowjetisch-russischen Nationalhymne zu schaukeln, ist alles vorbei, und es kommen wieder Bilder aus der Ostukraine. Die Nachricht, die mit den Aufnahmen von Panzern und Blut auf dem Asphalt bebildert wird, höre ich nicht mehr, ich sehe nur, wie schrecklich das alles dort im Moment ist.

Warum Europa das alles nicht sieht?

Doch das russische Fernsehen scheint perfekt auf das Schreckensszenario, das der Zuschauer die Schreckensszenarien nicht mehr erträgt, vorbereitet zu sein. Denn während auf dem einen Sender die furchtbarsten Nachrichten laufen, zeigen andere Sender den ganzen Tag lang Unterhaltungsprogramme. Auf „RTR“ läuft gerade die Fernsehserie „Sistra maja, Ljubow“, übersetzt bedeutet das „Meine Schwester Ljubow“. Doch weil Ljubow sowohl ein Frauenname ist, als auch Liebe bedeutet, könnte die Serie eine Inzestgeschichte sein, denke ich und beschließe, nicht weiterzuschalten. Immerhin sind Inzestgeschichten fast immer gute Geschichten. Doch leider ist in der Serie niemand miteinander verwandt, sondern nur unglücklich ineinander verliebt. Ich gehe wieder zum Rauchen auf die Terrasse. Langsam setzen sich die Bilder zusammen, langsam glaube ich zu verstehen, wie Putin und seine Medien funktionieren. Eine durchkomponierte Sprache, Zahlen, die sich in den Kopf bohren, eine Bilderflut von Gewalt und zwischendurch Trash - das alles formt das russische „Wir“, und dieses „Wir“ ist ein sehr stolzes, sehr melancholisches, sehr gut frisiertes und auch scheinbar ein sehr mitmenschliches „Wir“.

29280404 © Screenshot F.A.Z. Vergrößern

Kaum sitze ich wieder vor dem Fernseher, wird eine Dokumentation über Stepan Bandera angekündigt, den ukrainischen Massenmörder und Hitler-Sympathisanten. „Vorgestern, gestern und heute wurden in der Ukraine friedliche Menschen ermordet, nur weil sie eine eigene Meinung zur Kiewer Junta hatten. Wer sind die zeitgenössischen Nazis, die in der Ukraine Verbrechen verüben?“, fragt der Moderator atemlos und dramatisch. Zeitgenössische Nazis? Das will ich auch endlich verstehen. Es folgen 30 Minuten Stepan-Bandera-Geschichte. Experten erzählen von den Massakern, die er einst in der Ukraine verübte. Dann sieht man Schwarz-weiß-Aufnahmen von Nazis, die durch Galizien marschieren, und Ukrainern, die mit ihnen feiern. Und auf einmal werden Bilder vom Majdan zwischengeschnitten; mindestens 20.000 Menschen, einige mit ukrainischen Flaggen. „Das sind die zeitgenössischen Banderas“, heißt es im Off. Es werden junge Menschen aus dem Rechten Sektor gezeigt, die in die Kamera sagen, dass Stepan Bandera ein Held war. Man sieht das ausgebrannte Gewerkschaftshaus in Odessa von heute, Tote in Massengräbern von damals, Menschen mit Kalaschnikows wieder von heute und zum Schluss eine Feier des Sieges über Hitlerdeutschland auf dem Roten Platz Moskaus.

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Damit endet die Dokumentation, und eine Gesprächsrunde dazu beginnt. Doch statt zu diskutieren, vergleichen die Gäste alles, was in der Ukraine kürzlich geschehen ist, mit all dem, was in Nazi-Deutschland früher geschah. „Warum sieht Europa das alles nicht?“, fragt der Moderator und beantwortet die Frage anschließend gleich selbst, in dem er sagt, dass Europäer wohl kein russisches Fernsehen schauen. Ich schon, denke ich und schalte den Fernseher aus. Die bunten Farben ziehen sich auf dem Schwarz des Bildschirms in der Mitte zusammen, und auf einmal kommt es mir vor, als ob genau in dieser Mitte ein Hakenkreuz aufleuchtet, bevor der Fernseher endgültig erlischt. War ich tatsächlich im Kopf von Wladimir Putin? Oder war er etwa in meinem?

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